Onzas

Onzas gehört zu einer Sammlung von zehn kürzeren und längeren Erzählungen, die die jeweiligen historischen Schwellen zu einem neuen Verständnis von Beziehungen beschreiben. Es sind Liebesgeschichten der unterschiedlichsten Art, ein Versuch, den Ursprung unserer inneren Sehnsucht zu beschreiben.

Onzas

Leseprobe
Vasna I. Trupis

Ich will das Feuer sein,
das sich den Wind herbeiwünscht.

Nassim NikolasTaleb

1
Das wäre es für heute. Aber nicht, bevor sich Freiwillige für die nächsten Referate melden. Dr. Lewin Silvester schob die Blätter seiner Notizen übereinander, schaltete den Beamer aus. Wieder hatte ein Studienjahr begonnen.
Er schaute ermunternd in die Runde. Er kannte diese frischen, jungen Fassaden. Die Mehrzahl vor ihnen waren Langweiler, Feiglinge. Kaum von der Schulbank weg, hatten sie ihren Hintern auf die PHS versetzt. Die Eltern kauften das Studium, die komfortablen Internatszimmer, die gesunde Mensaküche. Auch ihn hatten sie gekauft. Nichts leichter als das.
Von ganz unten gekommen, war Silvester nach den jahrelangen Bittgängen, Nebenjobs, Straßentheatern, mit denen er seinen Titel bezahlt hatte, erschöpft. Einmal angekommen, mochte er nur noch ausruhen. Diese ewigen Kids machten es ihm leicht.
Also keine Vorschläge? Dann verteile ich jetzt. Sie haben es so gewollt. Er zeigte nach links. Entwicklung von Gruppenbeziehungen nach Alter und sozialer Schicht im 20. Jahrhundert. Benutzen Sie Tabellen. Niemand muss seinen Kopf anstrengen, wenn er Tabellen sieht.
Dann richtete sich sein Finder nach rechts.
Verhaltensaspekte innerhalb von Gruppen im 21. Jahrhundert. Begrenzen Sie auf Bildungsstätten. Kindertagesstätte bis Altenheim.

Reduktionistische Titel für die Themen, die im Lehrprogramm ausgewiesen waren. Dr. Silvester war Psychologe, aber gezwungen worden, die freie Stelle des Soziologen zu kompensieren. Er verspottete die blöde Bande. Lasen sie nicht einmal das in apfelgrünes Kunstleder gebundene Semesterprogramm? Sie hätten sich beschweren können. Wenigstens die beiden, auf die sein nackter Finger gerichtet war.
Am oberen Ende der Runde, nahe der Tür eine ungekämmte Schwarzhaarige, breites Gesicht, fast wie eine Thai, viel zu weit auseinander stehende Augen, bescheidene Nase, großer Mund. Nicht sein Typ. Noch so ein Schätzchen, dachte er.
Warum kommen in Ihrer Vorlesung wie auch im heutigen Seminar keine Singles vor? fragte sie. Sie hatte seinen Blick als Aufforderung zum Sprechen verstanden.
Melden Sie sich hiermit zum dritten Referat? Ich folge dem Programm meinesVorgängers. In der Hochschulbibliothek werden Sie kaum fündig. Kein wissenschaftlich fundierter Artikel im Katalog, keine Monografien. Mein Vorgänger nutzte seine Privatbestände für die Arbeit. Aber wenn Sie darauf bestehen: Im Büro habe ich ein Handbuch von Rasmussen und zwei Studien, die ich Ihnen überlassen kann. Um vier vor Zimmer 206.
Damit Ihre Kommilitonen es nicht missdeuten, ich muss auf Vorschläge positiv reagieren, sonst geht mir der Studentenrat an den Hals. Ich veranschlage für jedes Referat maximal sieben Minuten, dann bleibt für mich noch etwas Zeit, um Sie mit Fragen zu quälen.

Als sie alle aus der Tür waren, atmete er auf. Diese Generation wollte permanent bei Laune gehalten werden. Er wusste, er war kein guter Entertainer. Das Dilemma seines Aufstiegs: Sicherheit gegen Freiheit getauscht. Das machte ihn selbst zum Langweiler. Ausgerechnet seine eigene Zunft bestärkte die Öffentlichkeit im Glauben, die Vermeidung von Schmerz und Traumata sei oberstes Gebot für gesunde Persönlichkeiten. Happyness forever. Lewin Silvester fühlte sich nicht mehr stark genug, gegen den Strom zu schwimmen. Er lebte über seine Verhältnisse und wurde unterfordert. Oder umgekehrt. So genau konnte er das an einem blauen Montag nicht unterscheiden.
Kurz nach vier stieg Silvester noch einmal in den zweiten Stock. Bis zum ersten öffnete das spätbarocke Gebäude hohe Räume und Gänge mit Stuck an Wänden und Decken, im zweiten befanden sich nur ein Saal und die kleineren, staubigen Büros. Dahin hatte der Rektor die Bibliothek und die Geisteswissenschaftler verbannt, den Latein- und Griechischlehrer, den Soziologen, der eigentlich Demograph gewesen war, den Medizinhistoriker und ihn, den promovierten Psychologen.
Lewin Silvester kam nur mit Dr. Robert Henley, dem Medizinhistoriker zurecht. Er verdankte die feste Anstellung seinem Doktorvater in Hamburg. Henley besaß einen atemberaubenden IQ, also wenig Anpassungspotential. Mit Bob bewohnte Lewin eins der vier Kavaliershäuser, die am Ende des Schlossparks lagen, wenig Komfort boten und den Unverheirateten im Lehrkörper zur Verfügung standen.
Henleys Bürotür war ebenso verschlossen wie die der Bibliothek und der anderen Mitarbeiter. Kein Wunder. Montag, Viertel nach Vier.
Vor seinem Arbeitsraum wartete die Studentin vom Vormittag. Er hatte sie vergessen. Wenn ihm nicht sein Laptop eingefallen wäre, würde sie noch morgen dort abhängen. Wie er sie hasste, diese mittelmäßige Sorte von Gewohnheitstieren. Überall erwarteten sie Streicheleinheiten, Nestwärme, Zugeständnisse, ehe sie bereit waren, sich aus eigene Antrieb einen Millimeter vorwärts zu bewegen.
Das Mädchen, das an der Wand lehnte, war größer, als man im Sitzen sehen konnte, reichte ihm bis zu den Nasenlöchern. Wie der Waldsee an seiner tiefsten Stelle, dachte er und konnte ein schiefes Lächeln nicht zurückhalten.
Gebräunte Beine, die der schwarze Lederrock nur bis zum Knie bedeckte. Die Haare gefärbt, das sah er aus der Nähe. Mädchen war untertrieben. Sie besaß die Hüften einer Frau, trug keine Markenklamotten, wie die anderen auf dem Campus, aber eine viel zu dünne Bluse mit Leopardenmuster. Näher betrachtet, erinnerte sie ihn eher an eine Südamerikanerin als an eine Asiatin. Auch möglich, dass sie in Wahrheit mittelmäßig blond war und aus Stuttgart kam. Sie war wütend.
Silvester schaute auf seine kostspielige Armbanduhr, ein Zugeständnis an die Konventionen des Hauses. Er konnte die arrogante Geste nicht unterdrücken.
Akademisches Viertel, sagte er grinsend. Er schloss die Tür auf, kramte auf seinem Schreibtisch, im Regal an der linken Wand, auf dem Ablageschrank rechts, bis er die Mappen mit den Studien gefunden hatte. Ihm fiel ein, dass er in seiner Assistentenzeit an einer beteiligt gewesen war.

Sie war ihm ins Zimmer gefolgt und wollte die Tür schließen. Offen lassen! herrschte er sie an. Ende des vergangenen Semesters wurde der Soziologe entlassen, weil ihn eine Studentin wegen sexueller Belästigung angezeigt hatte. Er konnte das Gegenteil nicht beweisen.
Erschrocken blieb die junge Frau an der offenen Tür. Sie hatte eine große, lederne Umhängetasche bei sich, trug sie wie einen Kängurubeutel. Ihre Schuhe steckten in Riemensandalen von der gleichen sienabraunen Farbe. Er registrierte ihren Leder-Geschmack. Preiswert, aber schick, hätte Henley gesagt. Er war der Ästhet in ihrem Team.
Das Handbuch zur Sozialstruktur muss ich in meinem Haus haben, meinte Lewin Silvester. Entweder Sie kommen mit oder Sie holen es morgen hier um die selbe Zeit ab.
Bis morgen verliere ich 24 Stunden, in denen ich arbeiten könnte, beschwerte sie sich. Ihre Stimmbänder murrten. Sie verzog keine Miene.
Lewin Silvester reichte ihr die Mappen und griff nach seinem Laptop.
Dann los. Ich habe nicht unendlich viel Zeit, auch wenn ich dafür bezahlt werde, Ihnen und Ihren Mitstudierenden Tag und Nacht zur Verfügung zu stehen.
Zu seiner Überraschung widersprach die junge Frau. Warum übertreiben Sie? Das ist unfair. Wenn ich mich innerhalb von drei Tagen auf ein Referat vorbereiten soll, kann ich auf keine einzige Stunde verzichten. Vorausgesetzt, Sie wollen Qualität hören.
Er zog amüsiert die Augenbrauen hoch und den Mund breit, rieb sich das Kinn. Um diese Zeit wuchsen seine Stoppeln wieder um Millimeter. Er konnte es fühlen. Sein Haarwuchs rächte sich für seine Faulheit. Vor einer Woche war das Semester angelaufen. Er sollte sich zusammen reißen, den gewohnten Rhythmus finden. Auszeit war von Freitagabend bis Sonntag früh. Er hatte überzogen.
Sie folgte seinen langen Beinen mit ausgreifendem Schritt. Leise. Nur einmal hörte er ihren Atem hinter sich, als sie die letzten beiden Stufen im Foyer herunter sprang. Ein Fauchen.
Lewin Silvester drehte sich nicht um, lief langsamer durch den Park, bis sie neben ihm ging. Die Ledertasche wippte gegen ihre gerundete Hüfte. Ihre trübe Laune war verflogen.
Unter den Füßen raschelte Herbstlaub, als sie den Pfad entlang eilten. Die alten Platanen verloren nach und nach ihre Blätter, die meisten Sträucher dazwischen hielten am Grün fest. Rhododendron in der Mehrzahl.
Lewin Silvester hatte im Hauptstudium mal nebenher für das Büro eines Gartenarchitekten gearbeitet. War sehr entspannend gewesen, nach den harten Bänken in den Uniräumen in abenteuerlichen Gärten und Parks der Reichen Rasen zu mähen, Seerosenteiche anzulegen, Buschwerk zu verschneiden. Im Spätherbst gab es besonders viel zu tun. Laub fegen, zum Beispiel. Nichts gegen Sisyphusarbeit. Man lernt was fürs Überleben.
Nachdem die Kübel mit Orangenbäumen und Bananenstauden in Sicherheit gebracht waren, fuhr er mit Muskelkater in sein WG-Zimmer heim. Ab November wärmte er sich in Orchideen- und Gewächshäusern auf. Essbares bekam er selten gratis. Nur aus diesem Grund suchte er sich eine feste halbe Stelle in einem russischen Restaurant und ernährte sich zum ersten Mal in seinem Leben von edlen Resten. Essen war wichtig.
Lewin fiel ein, dass Bob mit dem Einkauf dran war. Die Vorstellung von einem gefüllten Kühlschrank machte ihn hungrig. Die Studentin hatte zu tun, bei seinem neuen Tempo mitzuhalten.
Wie Zinnsoldaten aufgereiht, standen die Kavaliershäuser am nördlichen Rande des Parks. Vor sich die barocke Pracht der Fürsten von Hanspach, hinter sich der Katzbach und der Mischwald. Lewin Silvester teilte sich Haus A mit Bob Henley. Von vorn kam man über eine zweiflügelige Tür ins Quartier der Junggesellen. Kein Namensschild, keine Klingel. Eine kugelförmige Lampe über dem Eingang. Ein Klopfer mit Löwenkopf.

Wieder zückte Silvester sein Schlüsselbund, öffnete den rechten Flügel und ging voran. Hier schien ihn nicht zu stören, dass die Studentin ihm an den Fersen hing und die Tür hinter ihr von allein zuschlug.
Er streifte seine Jacke ab, warf sie über einen Korbstuhl, lockerte den Schlips, ließ behutsam seine Tasche mit dem Laptop darauf gleiten. Die Straßenschuhe zog er erst an der Tür zu seiner Stube von den Füßen. Er klinkte die gebeizte Kassettentür auf und atmete durch. Er war daheim. Zu Hause. Ein freier Mann. Er besann sich auf das Mädchen.

Wie heißen Sie eigentlich? fragte er knurrig. So ganz frei war er noch nicht. Das verdammte Handbuch von Rasmussen.
Lovisa Mensing, hörte er ihre raue Stimme. Er war schon durch die Stube ins Nachbarzimmer getrabt. Sein Arbeitsplatz befand sich im Schlafzimmer, oder besser, dem Raum der dafür vorgesehen war. Er übernachtete nur selten in diesem Bett mit Übergröße, begnügte sich lieber mit dem Klappsofa nebenan, vor dem Fernsehgerät, gleich neben seiner Hausbar und den Regalen mit Krimis und Romanen, die sein Vorgänger hinterlassen hatte.
Neben dem alten Vorlesungsverzeichnis und einer Monografie von Rischer und Kunzelmann, unter Studentenarbeiten fand er, was er suchte. Kleines Handbuch der Sozialstrukturen im ländlichen und städtischen Raum.
Nun war er sich nicht mehr sicher, ob seine Studentin wirklich genügend Stoff für einen Vortrag hatte. Worauf wollte sie eigentlich hinaus?
Er drehte sich zur Terrassentür, öffnete sie einen Spalt, um die letzte Wärme des Tages, die harzige Waldluft herein zu lassen.
Bobby lag in einem der Liegestühle auf der Terrasse, ein Flasche neben sich. Er trank nie irgendwas aus einem Glas, wenn er allein war. Er schien zu schlafen.
Lewin kehrte ins Wohnzimmer zurück, legte das Handbuch auf den Sofatisch. Lovisa Mensing hatte gehorsam an der Tür gewartet.
War keine gute Idee mit dem Referat, meint er versöhnlich. Er sah ihr die Enttäuschung an, nahm ihr die Ledertasche aus der Hand, bewegte sie, sich auf das Sofa zu setzen.
Warum interessiert Sie das Thema? fragte er und beobachtete ihre Mimik. Ihre runden Nasenflügel wackelten vor Empörung. Sie kniff die Lider zusammen, was sie nun doch in eine Asiatin verwandelte, aber nur für einen Moment, dann riss sie die Augen auf.
Jugend wird ständig missbraucht, vor allem als Konsumentengruppe. Was seit hundert Jahren für diese Gesellschaft zählt, sind funktionierende Paare, die Familien gründen zwecks Fortpflanzung der Rasse. Auch Patchwork-Families werden inzwischen als Reproduktionsvorteil akzeptiert. Das heißt wiederum Nachschub fürs Konsumentenpotential. Ökonomie definiert Soziologie.
Bedeutend gründlicher untersucht ist die Dynamik von Berufsgruppen. Soziologie zur Steuerung menschlichen Potentials. Wenn wir uns gemäß Ihrer Einführungs-Vorlesung über psychische Gesundheit informieren sollen, geht es entweder um Männer, die das Bruttosozialprodukt steigern, oder Frauen, die Kinder gebären, selten um Jugendliche, um Alte, chronisch Kranke. Seltsam, dass man sie als Randgruppen betrachtet, obgleich sie mitten unter uns leben und eine Form von biologischer Konsequenz sind, der wir alle unterliegen.
Lovisa Mensing machte eine Pause, um Luft zu holen.
Im Augenblick interessiert mich der Anfang dieser Kette. Denn was Sie hier mühsam wenige Studenten lehren, könnte Teil des Unterrichts in der Oberstufe von Gymnasien sein, damit sich Jugendliche selbst verstehen lernen. Um so eher wird ihnen bewusst, wie unser Land, wie die Welt funktioniert.
Sie strich sich mit ihren langen Fingern durch die fitzigen Haare, als wolle sie auf diese Weise ihre Gedanken ordnen.
Soziologie und Psychologie zum Selbstverständnis. Klingt das falsch? Sie sagten, aus demografischer Sicht überaltert unsere Gesellschaft. Gerade deshalb müssen wir uns mehr Gedanken um das Sozialverhalten und die körperliche wie seelische Gesundheit junger Leute machen. Ich möchte vorerst Singleleben in allen Facetten untersuchen und daraus resultierende psychische Erkrankungen.
Die Schwarzhaarige hielt inne. Sie sind promovierter Psychologe. So alt können Sie gar nicht sein, dass Sie mit diesem Gedanken nie konfrontiert worden sind.
Sie hatte sich in Hitze geredet. Mit Falten auf der hohen nackten Stirn. Ihre Augen waren dunkler als gewöhnliches Grau. Nichts mit Veilchen oder Vergissmeinnicht, eher ins erdige Pigmentgrün spielend. Lewin Silvester rätselte, welche natürliche Haarfarbe sie hatte und ob sie Kontaktlinsen trug.
Er korrigierte sie.
Klinischer Psychologe. Promovieren kann jeder Idiot. Nicht, dass ich Sie davon irgendwann abhalten wollte. Ich gestehe Ihnen für das Referat vierzehn Tage zu, ergänzte er beruhigend. Nehmen Sie die Bibliothek auseinander. Wenn ich noch was Brauchbares finde, gebe ich Ihnen Bescheid. Fräulein Mensing, setzte er nach, um sie anzuspornen.
Frau Mensing, korrigierte sie. Er sah in ihren weit auseinander stehenden Augen, dass sie auf den Unterschied Wert legte.
Verheiratet? fragte er überflüssigerweise. Sie schüttelte den Kopf. Mit sechsundzwanzig möchte ich nicht mehr als Fräulein angesprochen werden. War mir schon mit zwanzig fragwürdig.

Lewin Silvester begriff endlich, dass sie zu den Stipendiaten gehörte. Hätte er an der bescheidenen Ausstattung erraten können. Wo haben Sie vorher gearbeitet? wollte er wissen. Er erwartete Altenpflege, Krankenschwester, etwas in dieser Art.
Ich habe in Greifswald meinen Dipl. med. gemacht, erklärte sie. Das Geld ging mir aus. Ich hatte nicht erwartet, dass ich schon in diesem Jahr in Hanspach genommen werde. Die Stipendien sind heiß begehrt.
Jetzt war er überrascht. Fünf, sechs Jahre Studium. Sie sah jünger aus, bewegte sich auch so. Etwas unbeholfen und dann wieder wieselschnell.
Lewin Silvester öffnete seine Bar, einen antiken Sekretär mit Klappe, hinter der immer sowohl Hochprozentiges als auch einige kleine Saftflaschen standen. Mögen Sie Mango, Kirsch oder Banane?
Wasser, sagte sie ungeniert. Mir wäre Wasser lieber.
Er nahm zwei der Flohmarktgläser aus böhmischem Kristall, stellte sie auf dem Tisch am Sofa ab und verschwand in der Küche, die er sich mit Robert Henley teilte.
Kaum noch Bier im Kasten. Bobby hatte kräftig zugelangt, aber die Mineralwasser-Kiste seit Tagen nicht angerührt. Die eine Flasche, die fehlte, brauchte Lewy heute Morgen gegen seinen Kater. Er griff sich zwei Pellegrino und kehrte in sein Zimmer zurück.
Sie hatte in dem Handbuch geblättert. Mit Ihrer Vorlesung konnte ich noch etwas anfangen, setzte sie das Gespräch fort. Mehr Psycho- als Soziologie. Das heutige Seminar war stinklangweilig.
Er belehrte sie, ohne sich gekränkt zu fühlen. Ich muss mich erst orientieren, wie ich die Themen meines ehemaligen Kollegen abdecken kann. Eine Ausschreibung für den Bereich Soziologie kam leider zu spät. Meine Gesundheitspsychologie wird für Sie noch öder. Ihnen fehlt die Grundlage für das Fach. Die Gruppe gehört zum fünften Semester. Sie sind Anfängerin. Wie kommen Sie in mein Seminar? fragte er.
Wegen der medizinischen Vorkenntnisse darf ich mir den Lehrplan weitgehend selbst zusammenstellen, meinte sie sehr erwachsen. Ich habe in Greifswald fakultativ Klausur-Scheine in Psychologie erworben. Jedes Stipendium in dieser Privatschule ist befristet, wie Sie wissen. Ich stehe ziemlich unter Druck, wenn ich mit einer Masterarbeit fertig werden will. Muss mit Zeit und Geld haushalten. Warum unterrichten Sie in diesem Verein, statt sich weiter zu entwickeln?
Das wurde ihm zu persönlich. Lewin grinste. Auch ich muss mit Zeit und Geld haushalten. Dann glätteten sich seine Lachfalten. Sie sind noch zu jung, um es zu wissen. Irgendwann ist das Experiment Leben vorbei. Dann heißt es nur noch: malochen.
Er fuhr sich wieder übers Kinn. Die Stoppeln juckten. Er müsste sich endlich rasieren. Ihm war egal, ob sie verstand, was er sagen wollte. Zehn Jahre machten fast einen Generationenunterschied.
Immerhin konnte sie einige Erfahrungen mehr vorbringen als die Kinder in seinen Lehrveranstaltungen. Das schien auch sie zu beschäftigen.
Für mich ist es schwierig, mich an andere Studierende zu gewöhnen. Sie sind jetzt da, wo ich vor vier, fünf Jahren war. Wenn überhaupt. Ich teile mein Zimmer mit einer anderen Stipendiatin, wenig jünger als ich. Ohne Ehemann sind selbständige Hebammen aufgeschmissen. Demnächst wird es mit der neuen Gesetzgebung für sie noch enger. Carina ist ambitionierter als der Durchschnitt. Sie möchte später ins Management wechseln. Ich nicht.
Lewin Silvester nickte. Glaube ich sofort. Sie sind nicht angepasst genug. Sie wollen forschen.
Lovisa Mensing lächelte. Die Mundwinkel waren beteiligt. Ihre Augen, die jetzt weit offen waren. Ein schönes Gesicht. Er hatte es nicht kommen sehen. Sie stand auf.
Danke für Ihr Interesse. Ich werde mich bemühen. Vielleicht finde ich in der Unibibliothek in Hanspach Material. Mittwoch stehen nur zwei Vorlesungen auf dem Plan. Da kann ich den Bus kurz nach Zwölf nehmen.
Sie steckte das Handbuch in ihre Beuteltasche, wo schon die Mappen verstaut waren. Lewin nahm die Hand, die sie ihm entgegen streckte, begleitete sie zur Tür. Es war pure Gewohnheit. Er legte ihr seine Linke hin, wo der lange schlanke Hals begann, strich sacht vom Haaransatz über den Atlaswirbel abwärts.
Sie griff nach seinem Nacken, seinem Ellbogen, drehte sich um sich selbst, während sie ihren Fuß in seinem Bein verharkte. Da lag er platt auf dem Kreuz. Er heulte vor Schmerz und Überraschung auf.
Sie beugte sich über ihn, ihre Augen schwarz vor Wut. Mach das nie wieder.
Dann hörte er ein Klatschen und ihren Schrei. Sie ging in die Knie.
Bobby stand über ihnen und schwang einen Gürtelriemen, holte wieder aus.
Aufhören, befahl Lewy. Sofort. Du bist besoffen, Alter. Sie hat mir nichts getan.
Verwirrt starrte Henley auf seinen am Boden liegenden Nachbarn, dann auf das schwarzköpfige Elend, das seine zerfetzte Bluse in den Lederrock stopfte.
Lewy riss sich zusammen, half Lovisa Mensing hoch und schickte den schwankenden Bob zurück auf die Terrasse.
Er hat es gut gemeint, rechtfertigte sich Silvester, meinte sich selber mehr als seinen Freund. Nicht falsch verstehen. Ich habe dich nicht belästigen wollen. Es war nur. Du hast mich an etwas Schönes erinnert.
Er nuschelte eine Entschuldigung. Als sie zum Flur strebte, legte er seine ganze Energie in ein Wort. Bleib! Deine Bluse ist auf dem Rücken zerrissen, setzte er nach. Wenn du jetzt zur Tür hinausgehst, kompromittierst du dich und mich und natürlich auch Robert Henley.
Lovisa Mensing blieb stehen, die Hand auf der Klinke. Ein Verrückter mehr in meinem Lebenslauf, sagte sie fast tonlos. Nein, zwei Wahnsinnige.
Du blutest, Lovisa, meinte er fast zärtlich. Ich mach das wieder gut.
Sie fuhr sich durch die dicken schwarzen Zotteln, stöhnte auf. Die Bewegung hatte Rückenmuskeln beansprucht, die eben misshandelt worden waren.
Ich verspreche dir, ich machs wieder gut, wiederholte Lewin Silvester.
Vier Jahre lang hatte er sich jeden Tag vorgesehen, an dieser renommierten, hoch programmierten Bildungsmaschine keinen Fehler zu machen. Ein verkaterter Montag und er konnte alles verlieren.
Sie war nicht dumm, ließ sich beruhigen. Zog sogar die Bluse aus, als er mit einer Verbandstasche zurückkam. Sie gab keinen Laut von sich, als er erst den blutigen Striemen säuberte, dann mit Panthenol einsprühte und mit einer Mullauflage abdeckte. Sie hielt ihre Bluse vorn über der Brust. Er tat, als interessiere er sich nicht für ihre Anatomie.
Als sie sich wieder angezogen hatte, sagte sie: Jetzt bin ich dran. Drehen Sie sich um. Ich will sehen, ob Sie sich was getan haben.
Er hatte sich nichts getan, sie hatte ihn zu Boden gerissen, so dass er nun im Rücken steif war und das Atmen schwer fiel. Sie musste es gehört haben, legte ihr Ohr auf seinen Lungen, horchte, klopfte und schien zufrieden. Bewegte Humerus und Scapula. Dann fuhr sie die Columna vertebralis abwärts, prüfte jeden einzelnen corpus und processus, hielt vor dem Os sacrum an.
Sie drehte ihn sacht, fühlte nach Druckpunkten um das rechte Schulterblatt, tastete seitlich die Rippen ab.
Leichte Prellung rechts. Morgen vielleicht ein großer blauer Fleck. Das wird wieder. Sie sind gut abgerollt, lobte sie ihn, als hätten sie eine sportliche Übung trainiert. Dann sagte sie noch einmal fast mütterlich. Machen Sie das nie wieder.

Lewin Silvester gab keinen Kommentar. Er hatte sich entschuldigt und Schluss. Er prüfte sich kurz, ob er sie fragen sollte.
Ich habe ein Massageöl. Entkrampfend. Alleine komm ich da nicht hin.
Lovisa Mensing schien ein schlechtes Gewissen zu haben. Ihre Reaktion war nachvollziehbar, aber vielleicht nicht verhältnismäßig gewesen.
Ok. Ich machs, sagte sie. Sie studierte den Beipackzettel und schien zufrieden. Kampfer, Zirbelkiefer. Arnika. Medizinisches Öl für Sportler. Er joggte wahrscheinlich, wie viele auf dem Campus, im Wald hinter dem Katzbach.
Ihre Fingerspitzen trafen genau da auf, wo sich Schmerzpunkte befanden. Sie massierte kreisend. Fertig.
Lovisa saß immer noch in ihrer zerrissenen, blutfleckigen Bluse. Grübelte. Lewy ging ins Nachbarzimmer und holte aus seinem Kleiderschrank ein Shirt. Das einzige weiße, das er besaß. Bob Henley hatte es ihm geschenkt. Auf dem Vorderteil David Bowies angedeutetes Halbprofil, darunter If You can see me, auf dem Rücken zwei Katzenaugen: I can see You.
Sie sagte, sie akzeptiere Bowie, aber nicht, dass Henley sie geschlagen hat.
Lewin Silvester brauchte mehr als drei Worte, seine malträtierte Besucherin zu beruhigen. Unklug, Henley anzuzeigen. Eindeutig selbstmörderisch, sich abends vor sechs vom Kavaliershaus A über den Campus zu bewegen, während das komplette Internat zur Mensa strömte. Lovisa Mensing blieb nachdenklich auf dem Sofa sitzen.

Unter der Woche war Silvester darauf eingestellt, abends noch ein wenig zu arbeiten, nun hatte er einen unfreiwilligen Gast im Haus. Hunger hatte er auch. In der Küche fand er Gurken, Tomaten, ein paar Eier und Schafskäse. Er briet die Eier mit dem Käse und stückelte Gurken und Tomaten, mischte Salz und Pfeffer unter, Olivenöl, das er für seine Salate brauchte, etwas von den gefrosteten Kräutern, die Bobby an jede Fertigsuppe schmiss. Zitronen waren immer im Haus, damit sich die Männer einen Vitaminstoß gegen den Kater setzen konnten.
Im Kühlschrank fiel Lewin Bobbys Vorrat an Spirituosen auf. Er trug mit dem Abendessen eine Flasche Russian Standard ins Zimmer.
Ich brauche was gegen die Schmerzen, meinte er entschuldigend. Er fragte nicht nach ihren. Er setzte voraus, dass sie Medizin dieser Art akzeptierte.
Lovisa zickte nicht, hielt ihr Glas hin, in dem noch ein wenig Wasser kreiste. Die Zitronenscheiben, die für den Salat gedacht waren, konnten ebenso gut für den Wodka verwendet werden. Sie freute sich auf die Eier, als wäre es die erst Mahlzeit des Tages.
Lewin gefiel das. Sie stopfte nicht, betrachtete andächtig jeden Happen, kostete von da und da, aß mit Gabel und Fingerspitzen. Elegant. Dann der erste Schluck Wodka. Sie lehnte sich zurück. Entschuldigung angenommen. Das hatte ich lange nicht.
Und du erstattest keine Anzeige? vergewisserte sich Silvester nochmal.
Ich bin nicht blöd, muckte sie auf. Ich weiß, wie das läuft. Zwei Aussagen gegen eine. Tatsache ist: Sie waren übergriffig, das hat mich getriggert. Ich hätte das anders regeln können, habe vielleicht überreagiert. Ich dachte, ich wäre drüber weg.
Worüber? wollte er wissen.
Sie überging die Frage. Unwichtig, ob Ihr Freund betrunken war. Jeder wird ihm glauben, dass er die Situation missverstehen konnte. Eine Einbrecherin hat Ihre Stube ausräumen wollen, Sie haben mich überrascht, ich ging Ihnen an den Kragen. Und so weiter. Die Frage bleibt, was ich in Ihrem Haus suchte. Wie mans dreht, ich muss die Sache vergessen. Wenn es richtig dunkel wird, mach ich mich davon. Kann ich Ihr Shirt anbehalten? Es ist wärmer. Ich bring es Ihnen gewaschen und gebügelt ins Büro.
Sie war wieder auf Distanz gegangen. Zehn Jahre Altersunterschied, dachte Lewin wieder. Er nickte. Er hatte keine Lust mehr, allein weiter zu essen. Trinken ging in seiner Welt auch nur miteinander. Und mit dem Du.

Zurück zum Singleverhalten, sagte Lewin. Um diese Tageszeit könntest du eine repräsentative Erhebung machen. Auf dem Campus befinden sich 99 % studentische Singles, in den vier Kavaliershäusern sechs männliche und zwei weibliche Lehrkräfte, die sich als Singles ausgeben. Der Rektor ist Witwer. Ein Single über sechzig. Im Stiftungsrat finden wir keine. Aber in der zur Hochschule gehörenden Privatklinik kämen sicher noch einige hinzu.
Ich gehe im städtischen Raum von mindestens einem Viertel Singles aus, behauptete Lovisa Mensing, in Bezug auf Leute zwischen zwanzig und vierzig. Ich vermute, ein zunehmender Trend. Warum ist das so?
Sie hatte die Beine bis zu den Knien unterm Shirt versteckt. Sie fror, weil Lewin vergessen hatte, die Terrassentür zu schließen. Oktobernebel kroch aus dem nahen Wald. Er korrigierte seinen Fehler, schloss alle Türen, drehte die Heizung auf. Schaltete das Deckenlicht ein.
Er brachte eine handgewebte, dicke Schafwolldecke. Warum hast du um dich geschlagen? fragte er beharrlich. Trainierte Frauen tun das nicht, wenn man ihnen zärtlich den Nacken krault.
Haben Sie nicht. Sie haben zugepackt.
Sie wollte nicht über sich selbst reden. Er war Psychologe. Er würde sie in der Luft zerreißen, wenn sie sich erklärt.
Sie fürchtete, dass sie maßlos übertrieb. Er wusste, dass sie auf ihre Weise Recht hatte. Er ahnte entfernt, was mit ihr los war.
Du musst mir nichts erklären, meinte er. Ich habe Feierabend, eine Flasche Wodka und bin für heute erledigt.
Lovisa fiel darauf rein. Ich geh gleich.
Sie mochte diese Decke. So eine könnte ich gut gebrauchen, sagte sie versonnen. Ich kauf sie Ihnen ab. Wie viel?
Er lachte. Ich schenk sie dir als Entschädigung.
Das nehme ich nicht an.
Lovisa war nicht trinkfest, aber sie kannte exakt ihr Maß. Sie nahm wieder nur stark verdünnt ein halbes Glas, hielt den Rosetten-Schliff ins Lampenlicht, damit er Regenbogenreflexe auf die Tischplatte warf. Die Sonne ging hinter dem Waldsaum unter, am Himmel versank der letzte orangefarbene Schimmer in der aufziehenden Nacht.
Lewin Silvester zog die Vorhänge vor sein Fenster. Er begriff, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er wollte sie nicht gehen lassen. Nur aus diesem Grund hatte er sie an der Tür berührt. Unbewusst. Sie sollte bitte bleiben.
Er machte eine seitliche Drehung und stöhnte auf. Kannst du mich nochmal einreiben? bat er. Ich hoffe, morgen geht’s mir besser.
Hoffe ich auch, spottete sie. Sonst müsste ich wiederkommen.
Sie kannte sich aus. Er simulierte.
Da schob er die die Gläser beiseite. Heute möchte ich kein Single sein, Lovisa. Du hast mich ungewollt erinnert, was mir fehlt, wenn ich nach Hause komme. Es tut mir gut, mit dir zusammen zu sein. Du bestimmst die Regeln, du allein, und wir machen morgen blau. Ich schreib dir eine Befreiung vom Unterricht.
Jetzt lachte sie, etwas alkoholisiert, aber ansteckend. Sie wollen Aufsehen vermeiden und schreiben mir eine Entschuldigung. Wie war das mit dem Campus nochmal?
Er war sehr vorsichtig, er achtete darauf, dass sie weder seine Arme behindern konnte, noch in sein Gemächt treten würde. Er wickelte sie sanft in die Decke und ließ seine Lippen machen. Behutsam, um sein Stoppelkinn nicht an ihrem weichen Hals zu reiben.
Kein Erschrecken, kein Widerstand. Er musste ihr ungewöhnliches Gesicht sehen. Erstaunt stellte er fest, dass sie ihn ernst nahm. So ernst, wie er lange keine Frau gesehen hatte. Ohne Gier, ohne Nachsicht oder Leidenschaft. Nicht einmal Einverständnis. Nur ein Erstaunen und eine freundliche Frage. Weißt du wirklich, was du hier tust?

Personen und Handlung sind frei erfunden und existieren nur in der Vorstellung der Autorin, Ähnlichkeiten mit der Ralität sind nicht beabsichtigt.