Veras Spiegelwelten

VERA FRANKE
Klassenbeste der 12 A, Mutter zweier erwachsener Töchter, Großmutter, Ex-Buchhändlerin, Geliebte in Fernbeziehung, traut sich selbst nicht über den Weg. Sie hielt sich immer für eine unabhängige, selbstbestimmte Frau, hat ihre Mädchen allein großgezogen, war ihren ältesten Freunden oft ein Rettungsring in der Not und dennoch fürchtet sie sich vor der Zukunft ohne ihren Beruf, ohne die Nähe der Kinder, aber besonders vor der Nähe zu ihrem Gefährten.

Veras Spiegelwelten
L E S E P R O B E
Alles anders

Vera konnte nach Janas Abreise nicht aufhören zu malen. Was sie gewöhnlich in viele Sätze packte, verdichtete sich in Bildern. Doch sie blieben statisch, froren die Erlebnisse und Gedanken ein.
Im Kino Casablanca wurde Das Testament des Orpheus aufgeführt, ein experimenteller Spielfilm von Jean Cocteau. Im Jahr seines Todes ging sie in die 10. Klasse. Titus hatte Vera überredet mitzukommen. In dem rumpeligen kleinen Filmtheater am Weißen Hirsch saß die halbe 10A und starrte gebannt auf das ungewöhnliche Spektakel. Georg, Marika, Ulrike und Erika wohnten in der Nähe, den weitesten Weg hatten Ira und Günther. Kristina war nur Davids wegen mitgegangen und hinterher sprachlos. Wie es damals ihre Art war, hörte sie nicht einmal den anderen zu, als die sich vor Begeisterung gegenseitig übertrumpften. Vielleicht war es der Film, der Georg und anderen den letzten Stoß gaben, sich nicht mehr von ihrem Weg abbringen zu lassen, egal, wie schwer er zu gehen war.
Vera erfuhr von der Wiederaufführung durch Titus, als sie ihn bei Gunnar in der Rehaklinik traf. Sie machte sich allein ins Casablanca auf. Dann fiel die Vorstellung aus. Die Wiedergabequalität sei zu schlecht.
Vera verzichtete auf den Ersatz und lief durch die abendlichen Straßen, am Friedhof entlang bis zur hektischen Straßenkreuzung und ihrem winterlichen Trübsinn. Zu Hause angekommen, legte sie sich auf den Teppich und versuchte, ihre Erinnerungen an die Zwischenwelten des Orpheus aufzurufen. Da war nicht nur eine 13. Tür, da waren viele, die sich öffneten. Der Film schien eine gleiche Erfahrung zu schaffen wie der Versuch mit Psi23.
Sabine war die Filmnärrin gewesen, schon immer. Sie konsumierte Filme so reichlich wie die Weinsorten in ihrem Natur-Welt-Laden, falls sie nicht gerade verliebt war. Dann brauchte sie keinerlei Drogen oder Drogenersatz.
Zur Zeit besetzte dieser Yogamensch ihr Lustzentrum. Es fiel ihr gar nicht auf, dass sie ihren Schwager, den traurigen Titus und sogar ihren Neffen, den verstümmelten Gunnar vernachlässigte. Familie oder Freunde, alles verschwand hinter dem Horizont, sobald sich ein Mann für sie interessierte.
Fast fünfundzwanzig Jahre hatte Biene mit einem und nur einem ausgehalten. Markus saß eine Bank hinter ihr, er poppte sich durch den Jahrgang und blieb an Sabines Bewunderung hängen. Es schmeichelte ihn, dass sie kritiklos jede seiner Reden und Handlungen billigte.
Die Zwillinge waren die Traummänner der Pestalozzischule. Sportler mit Bestnoten, umgänglich und bei Lehrern wie Schülerinnen beliebt. So leicht sie im Äußeren zu verwechseln waren, so einfach war es, sie durch ihr Verhalten zu unterscheiden. Markus schien der Besonnene, Verständige zu werden, Titus tanzte für sein Leben gern, vor allem aus der Reihe. Das machte ihn unberechenbar. Sabine trennte sich von Markus, als ihr Sohn sie des Vaters wegen zu verachten begann. Seitdem glaubte sie nachholen zu müssen, was sie an Männern verpasst hatte.

Vera lebte abstinenter, obwohl sie sich kurz nach Jennis Geburt scheiden ließ. Einige Male hatte sie sich hinreißen lassen. Ein verheirateter Kollege, von dem niemand wissen durfte, ein Stammkunde, der frisch geschieden war und auf Biegen und Brechen eine feste Beziehung wollte, aber mit den Töchtern seiner Liebsten nicht klar kam. Dann war noch ein Mann für eine Nacht, der ihr gestand, an seiner Hypersexualität zu leiden. Sie traf ihn nie wieder. Im Literaturkreis von Hanns Kröning gab es einen Dozenten für Mediävistik, der sie lange umwarb. Irgendwann war sie so weit, nur entfärbte sich der sensible Mensch in einen simplen Rammler. Als sie ihn höflich und bestimmt vor dem nächsten Treffen abwählte, kam er nie wieder zu Krönings Abenden.
Dafür war sie ihm dankbar, denn wie hätte sie den Literaturkreis verlassen sollen, ohne ihren Chef zu kränken? Nein, bei aller Sehnsucht des Körpers, sich hinzugeben, geliebt zu werden, ihre Seele wollte so frei wie der Geist sein, keine Bindung annehmen, die sie hindern würde, ihr selbst gewähltes Leben zu führen. Dann zog Kathi aus, Jenni brachte sich in Schwierigkeiten, der Staat fiel wie ein Kartenhaus zusammen.
In den Jahren des Umbruchs kam ihr nicht einmal in den Sinn, dass ihr ein Partner fehlen könnte. Harald hatte Vera schon zu Beginn ihrer Ehe daran gewöhnt, allein mit sich und anderen klar zu kommen. Jahrelange Übung zahlt sich aus. Nebenwirkungen kamen ihr nicht in den Sinn. Aber sie ließen sich auf Dauer nicht leugnen.

Gerd Leonhardt passierte nebenbei. Zufällig, ohne Absicht setzte er sich in Blickweite, auf ihre Bücherauswahl fixiert. Sie fand ihn nicht beachtenswert, weil sie selbst öfter Bücher vor Männern wie Frauen bevorzugte.
Der freundliche Gestus, sich für eine banale Gefälligkeit mit einem Abendessen zu bedanken, überredete sie nur, weil sie etwas müde war und zu Hause weder die Mädchen noch ein voller Kühlschrank warteten. Sie hörte ihm gerne zu, sie spürte seine Neugier, die ohne Absicht war. Eine Neugier auf Menschen und ihre Eigenheiten. Erst, als er sie nach Köllingen einlud, machte sie sich einige Gedanken, wohin das führen sollte. Aber die Beziehung schien ungefährlich. Seine Stadt lag fünf Bahnstunden von ihr entfernt und beide liebten ihre Arbeit über alles.
Warum sie Leo zwei Jahre später zu den Feiertagen eingeladen hatte, um ihm die Töchter vorzustellen, und diejenigen, die ihre Wahlfamilie waren, kam ihr erst jetzt in den Sinn. Sie verlor immer mehr Boden unter den Füßen und suchte Beständigkeit. Dann ließ sie sich ausgerechnet auf einen unsicheren Weg ein.
Vera versuchte zu verstehen, warum. Wann hatte sie schon einmal einen Mutsprung gewagt? Als sie sich vom Vater ihrer Kinder trennte.
Bisher war alles gut, sie bereute keine einzige Stunde mit Leo. Auch bei Jana fühlte sie sich sicher, obwohl diese Frau nie einen ähnlichen Platz wie die Freunde ihrer Jugend einnehmen würde.
Wie Kristina, zum Beispiel, eine von den ehemaligen Mitschülerinnen, die sich in den vergangenen Jahren als gescheit und zuverlässig erwiesen.
Marika blieb wie Erika und Ira dahinter zurück. Vera hatte sie immer bewundert. Bewunderung schafft Distanz, die nicht weh tut, aber auch nicht fordert. Die drei besaßen Charakter, boten den Jungs die Stirn, setzten ihre Ideen in Taten um. Sie hatten ihre eigenen, engen Verbindungen und lebten in Kreisen, die eine Etage über Vera zu existieren schienen. Sabine dagegen war nie Konkurrenz, immer die Bedürftige. Gerade dadurch bekam sie Macht, sogar über Marcus.

Vera schüttelte sich, erschrak über die vielen auf- und wegtauchenden Gesichter. Titus blieb wie Sabine durch Jahrzehnte der beständige Gefährte, doch er veränderte sich auch mit den Jahren, wie sich das Land veränderte. Seine leichte Lebensart, seine Erfolge als Theaterregisseur wurden immer wieder durch selbstorganisierte Niederlagen gebrochen. Er mochte sich weder an die Politik noch ans Kleinstadtleben anpassen. Nur wenigen blieb er treu, sich selbst gab er nie auf. Vielleicht ähnelte er darin sogar Vera, die ihn zu keiner Zeit fallen ließ, aber auch nicht näher kommen lassen wollte.

Warum Gerd Leonhardt und nicht Titus Brand? Das war eine Sache, die sie sich nicht erklären konnte. Wäre ihr Leo nicht über den Weg gelaufen, hätte sie, so, wie sie war, spätestens jetzt, nach Gunnars furchtbarem Unfall sich Titus angenommen?
Er hatte es schon lange aufgegeben, um sie zu werben. Als Vera wegen Harald das Studium in Berlin aufgab und an die Universität in Lassnig wechselte, half er dem Freund seines Bruders ihretwegen, die heruntergekommene Mansarde so weit herzurichten, dass man darin ein Kind zu Welt bringen und versorgen konnte.
Sie wusste es, dass er sie liebte, aber sie sprachen nie darüber. Achtundsechzig wurde Titus von der Uni in die Braunkohle geschickt, weil er seinen Mund nie halten konnte. Auf dem Bahnhof sagte er ihr beim Abschied, er käme nicht zurück. Er könne nicht ertragen, dass Harald sie besitzen wollte, aber nicht lieben würde. Harald war in der Grundschule sein Freund gewesen, weil er mit den Zwillingen Markus und Titus auf der selben Dreierbank saß. Freundschaft unter Jungen, um des Abenteuers willen verlor er sich selbst.
Als Sabine und Markus heirateten, dachte Vera, einen treueren Mann könne sie nie finden. Aber Harald war nur zu Markus loyal, zu Männern, die ihm tüchtiger, mächtiger schienen. Titus war das nicht. Frauen gehörten erst recht nicht dazu.

Vera hatte von Jahresbeginn bis in den Februar Tage, an denen sie sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigen konnte, ohne Pflichten zu versäumen. Seit dem Januartest und der Begegnung mit dem Meer und ihrem Vater fielen ihr längst vergessene oder verdrängte Begebenheiten ein. Manchmal packte sie das Entsetzen, wie oft sie aus Feigheit die falsche Entscheidung getroffen hatte, wie sehr sie darauf bedacht war, andere Menschen an sich zu binden, um nicht allein zu sein. Sie tat es mit unbewussten Gesten, mit Hilfsdiensten, sogar mit Vorgriffen auf die Bedürfnisse der anderen.
Titus ging es ähnlich, nur dass er darüber frei redete. Alle waren daran gewöhnt, seine Ironie zu belächeln, statt ihn zu rütteln. Vielleicht verbarg sich dahinter angesammeltes Selbstmitleid. Auch möglich, dass er gerade in seiner unerfüllten Sehnsucht gewachsen war. Vera verbarg ihre Gefühle mit gewöhnlicher Ignoranz. Das hatte eine Liebe zwischen ihnen unmöglich gemacht. Warum also Leo?
Der Geistesblitz, von dem Gerd Leonhard in seiner Einführungsrede sprach, triggerte Vera ausgerechnet auf dem Arbeitsamt. Wieder war sie vorgeladen, um Bewerbungsschreiben vorzulegen. Sie saß auf dem Gang in einer Reihe von Gleichaltrigen, die die Nummernanzeige anstarrten, vor sich hin schwiegen, sich ihrer Armseligkeit schämten. Der eine oder andere muckte mal kurz auf, wenn er begriff, dass er schon verloren hatte, ehe das Spiel begann.
Zwei Stunden über dem angewiesenen Termin. Eine Mitarbeiterin hatte vor einer Stunde erklärt, es gäbe Probleme mit der Software, und verschwand auf nimmer Wiedersehen.
Wir alle, die wir hier warten, arbeiten für das Amt, deshalb heißt es auch Arbeitsamt, dachte Vera. Wir sind das Aktenmaterial in einem Menschen fressenden Unternehmen. Kannibalismus des 21. Jahrhunderts. Monat für Monat füttere ich den Apparat mit Beweisen, dass ich schon schreiben kann.
Selbstdarstellung mit Lebenslauf, Selbstvermarktung, die von einem gewaltigen Heer von Amtspersonal verwaltet wurde. In einem Buchladen wie ihrem saß der Chef vor ihr ganz. Als Zweite war sie die Karrierebremse für andere, denn sie hatte erst einen Fachschul- dann extern einen Hochschulabschluss geschafft. Wohin sollte sie da noch streben und warum? Mehr Macht, mehr Geld? Unnötig, wenn ihre Arbeit Erfüllung bedeutete, alles, was das Leben zu bieten hatte.

Aus und vorbei. Jetzt saß sie seit zwei Stunden auf einem wackelnden Stuhl und das Personal kümmerte sich um Computerkrankheiten. Sie alle gehörten dem Soft- und Hardwaremarkt als Rohmaterial.
Lächerlich war auch das Bewerbungssystem. Die 135 Buchhandlungen in der Stadt waren auf 65 mit 21 Besitzern geschrumpft, ein paar neue kamen vielleicht noch dazu, aber die ehemals staatlichen wurden bis auf die in den Hochschulen und der Universität von drei konkurrierenden Unternehmen aufgekauft. Unter Veras Bewerbungsschreiben richteten sich bereits einige an Bibliotheken, staatliche und städtische Einrichtungen mit wenig Aussicht auf die Übernahme.
Da auch alle Betriebsbibliotheken mitsamt ihren großen und kleinen Werken untergingen, versanken weitere Chancen auf eine annähernd qualifizierte Arbeit. Schon im März wären ihre Möglichkeiten ausgeschöpft, sich einen neuen Platz als Büchermensch zu suchen.
Ein eigener Laden, wie ihn der Stuttgarter vorgeschlagen hatte, wäre Traumtänzerei.
Einerseits war der Buchhandel straff sortiert, Preisbindungen regelten den Markt. Andererseits kannte sie den Bedarf und die Kundschaft nur zu gut, als dass sie auf eine lukrative Marktlücke spekulieren konnte.
Im Grunde war jedes Risiko einer Selbständigkeit Selbstmord, denn sie besaß kein ausreichendes Sparkonto, hatte kein Haus geerbt, nicht einmal eine Gartenlaube oder ein Auto. Niemand würde ihr Kredite gewähren.

Als Vera dem Berater gegenüber saß, versuchte sie sich zu rechtfertigen, dass sie in sechs Wochen keine einzige Zusage bekommen hatte. Falscher Ansatz. Er schlussfolgerte, dass sie nicht willig sei, sich zu kümmern. Vera protestierte heftig, was ihm genau so wenig gefiel. Der Mann druckte ihr zwei Empfehlungen aus, als Verkäuferin im Textilhandel.
Ich bin Hochschulabsolventin, überqualifiziert, erinnerte sie, ihn. Verkauf ist Verkauf, behauptete der Berater. Nicht meine Entscheidung.
Vera fragte sich, was er mit ihren bisherigen 25 Bewerbungen anfangen würde. Ablage in eine Akte, Rechtfertigung für seinen eigenen Arbeitsplatz.
Fünf Millionen Arbeitslose, Bittsteller mit Unfähigkeitsnachweis, ein irres System, angeblich sachorientiert, aber in Wahrheit gefühlsbeladen und repressiv. Das Amt produzierte eine Zeitbombe, die das ganze Land verändern würde.

Als Vera noch nicht selbst betroffen war, sich ins Zeug legte, damit niemand aus ihrem Buchhaus aufs Amt geschickt wurde, war die Veränderung für sie nicht sichtbar gewesen, nicht einmal am Umsatz des Ladens. Die Kunden blieben neugierig auf neue Verlage, andere Titel. Und es war vielen sogar egal, welches Mittelmaß, welcher Kitsch sie überschwemmte. Er hatte andere Formate als die sozialistische Variante. Noch vor vier Monaten konnte Vera mit Hanns Kröning darüber Witze reißen. Sie hatte nicht verstanden, dass ihm das Herz brach.
Kröning liebte es, in Bücher wie in Bergwerke vorzudringen und Edelsteine zu bergen. Er teilte seine Schätze mit der Leidenschaft eines Narren und hatte ihr schon in den Praktika beigebracht, wie befriedigend dieser Beruf sein konnte. Denn Bücher spiegelten Innen- wie Außenwelten, waren Artefakte wie Kinder des einen großen Geistes in seiner unendlichen Vielfalt.
Plötzlich ging Vera auf, warum sie Leo anders begegnet war als den Männern, die sie bisher kannte. Dieser Anflug von Besessenheit für Neuland im Geist und der Verzicht auf leeres Gerede, auf Eitelkeit und Selbstsucht spürte sie Meilen gegen den Westwind.
Gerd Leonhardt hatte ihre Neugier auf seine Arbeit nicht als Schmeichelei empfunden, er machte sich nicht einmal Gedanken, dass ihm die Buchhändlerin nicht ebenbürtig sein könnte. Er sah sie, wie sie wirklich war und überließ ihr seitdem selber, wie sie werden möchte.
Nach reichlich zwei Jahren entdeckte Vera, dass er sie weit über den Sex hinaus begehrte. Er wollte er mit ihr mehr als das Bett teilen. Das war es also, was ihn dazu brachte, sie in seine Versuche hineinzuziehen, auch auf die Gefahr hin, dass sie auseinander driften würden.
Ende Februar schien es so, als wären sie im Treibeis dieses Winters jeder auf einer anderen Scholle gelandet. Sie telefonierten oft nachts und versprachen sich davon die Nähe, die möglich war. Nötig war was anderes.

Kurz vor dem Märztermin, der wieder in Lassnig ausgeschrieben war, überraschte Leo Vera mit der Frage, wie es Titus ginge. Sie erzähle nichts mehr von ihren Freunden und ihrer Familie.
Du sprichst auch nicht über Hupka, revanchierte sie sich. Hast du bemerkt, dass unsere Telefonate immer kürzer werden und eher eine stereotype Abfrage sind als ein Austausch von Ansichten, Erlebnissen und Neuigkeiten?
Ich bin übermüdet, entschuldigte sich Leo. Wir hatten ein Problem, mussten die Datenbanken effektiver formatieren. Das heißt, wir beginnen noch einmal von vorn. Arno hat darüber berichtet. Hast du das nicht im Newsletter gelesen? Er ist kein IT-Nerd, er hat mit den Schweizern vorverhandelt, aber deren Versuche waren nur psychologischer und psychiatrischer Natur, der Anteil der Physiologen wurde unterschätzt. Friedrich kann uns mit Recht Nachlässigkeit vorwerfen, auch wenn er die geringsten Mittel einbrachte.
Vera ging ihm einen Schritt entgegen. Warum kommst du nicht nach Lassnig und redest mit ihm? Ich könnte dich dort besuchen.
Alle Teilnehmer der Versuchsreihe treffen sich am 15. März, dafür muss ich nach den ersten Ergebnissen unser Konzept ein wenig modifizieren. Ich fliege für eine Woche mit einem Züricher Kollegen in die Staaten, um mich mit erfahrenen Wissenschaftlern auszutauschen. Wenn alles glatt läuft, bin ich am 10. oder 11. März bei Karel. Dort könntest du uns besuchen, aber viel Zeit habe ich nicht für dich.

Vera tat das Herz weh, noch lange, nachdem sich Leo verabschiedet hatte. Warum sagt er nicht, dass er sie liebt? Die Versuchsreihe hatte erst begonnen und schon war er bis zur Unterlippe drin verschwunden. Machte er den Mund auf, war er verloren. Sie vermisste ihn mehr als sie ertrug.
Niemand da, mit dem sie darüber reden konnte. Sabine hätte hausbackene Rezepte ausgepackt, die bei ihr selbst regelmäßig versagten. Jenni wäre über Leo hergezogen, Kathi in Trübsinn versunken. Sie beschäftigte sich gerade damit, wie sie Gunnar auf die Beine helfen konnte, ohne seine Gefühle zu verletzen. Titus kam schon gar nicht in Frage. Mit ihm über Leo reden, würde alte Wunden aufreißen. Kristina wäre eine Möglichkeit. Am besten einen Abend wählen, an dem Jenni nicht im Dienstplan des Café Collage stand.

Montag nach acht, der Abend der Looser. Das Café lag in einer Nebenstraße, in einem der ältesten, einstöckigen Häuser des Viertels, eingezwängt zwischen Gründerzeitgebäude mit vier Stockwerken und ausgebautem Dachgeschoss. Es besaß einen ebenso alten Seitenflügel und einen dicht bewachsenen Innenhof. Als es erbaut wurde, wohnte ein Fuhrmann mit etwas Ackerland darin. Damals lag das Haus weit vor der Stadt.
Um diese Jahreszeit verbarg sich der Gehsteig unter verrußten Schneehaufen. Nur ein schmaler Gang war bis zur Tür freigeschaufelt. Vera betrat den Schankraum im Vorderhaus, um nach Kristina zu schauen. Die Frau stand hinter dem Tresen und bediente eben einen Studenten mittleren Alters, der Bier für sich und seine Begleiterinnen abholte.
Kristina hatte sich einen Tick zu viel Henna auf die Haare gepackt, das Resultat war von schwärzlicher Bräune und gab ihrem hellen Teint dunkle Schatten. Wie immer, hatte sie nur wenig Teintcreme aufgetragen, kaum Lippenstift benutzt, sie lächelte erfreut bei Veras Anblick. Mingo hat wieder mal verpennt. Sobald er kommt, bin ich für dich da.
Woher wusste sie?
Einen Gin Tonic oder was Sanfteres?
Irgendwas mit Mangosaft, bat Vera. Mango streichelt die Seele.
Mango hatte Jana ihr serviert, als sie den zweiten Test begannen.

Sie hockte sich in den Winkel, in dem Musik aus dem Lautsprecher kam. So musste sie nicht ungewollt an den Gesprächen der Nachbartische teilnehmen. Jazz im Hintergrund.. Wahrscheinlich die DA Band. Wenn Kristina am Tresen stand, legte sie meist David Arnolds Titel ein. Vera hätte weinen mögen. So hatte jede ihre unerfüllten Wünsche.
Kein Grund zum Heulen, ich bin schon da, hörte sie Kristina neben sich.
Immer noch die schmalen Hüften, die engen Jeans, der handgestrickte Pullis, der bis zu den Oberschenkeln reichte. Nur die Haare trug sie länger als in Teenager-Zeiten, zu einem Zopf geflochten und aufgesteckt. Silvester hatte Kristina eine Kamelie aus roter Seide hineingeflochten, statt des Pullovers ein blau-weiß gepunktetes Kleid getragen. Sie tanzte für ihr Leben gern. Immer noch. Und gab auch schon mal ein Solo unter ihren Stammgästen. Silvester waren nur Freunde gekommen. Etwa 60 Personen in zwei Räumen, die Blue-Grass-Jungs eingeschlossen. Silvester gönnte sich Kristina, die Gäste nach ihrem Geschmack auszusuchen.
Domingo macht mich noch fertig, sagte sie. Er sollte seine eigene Kneipe aufmachen, dann wird er schon sehen, wohin man kommt, wenn das Personal nicht spurt.
Spurt Jenni? fragte Vera ironisch.
Janni denkt mit, ist flink und umsichtig zugleich. Ich bin so froh, mit ihr zu arbeiten. Sie könnte den Laden übernehmen, aber keine Angst, Mutter, sie will nicht.
Vera klopfte auf den freien Stuhl neben sich. Warum setzt du dich nicht, wenn du nun frei hast?
Kristina hob eine Flasche hoch. Den trink ich nur in meinen vier Wänden und dorthin schleppe ich dich jetzt ab.

Kristina war nach ihrer Entlassung aus dem Kulturhaus Sachsenbau in den Seitenflügel gezogen und hatte aus dem Vorderhaus eine Kiezkneipe mit Hostel gemacht, klein und bescheiden eine Galerie eingerichtet und damit alle ihre Leidenschaften vereint. Sie war in diesem Viertel zur Welt gekommen und aufgewachsen, nach dem Studium zehn Jahre in ein Thüringer Nest verbannt worden und mit Hilfe von Titus schließlich zurückgekehrt. Vera hatte über ihn wieder Kontakt zu Kristina gefunden, viel enger als zur Schulzeit. In Krissis Privaträumen war sie nie gewesen.
Als Kristina Baum das Vorderhaus sanieren ließ, gingen ihr die Ersparnisse aus. Wer sie danach finanziell unterstützte, war Vera nicht ganz klar. Sie vermutete dahinter mehrere Gönner. Vielleicht auch Zuschüsse von der Stadt für ihr einzigartiges Kulturprojekt. Künstlerunterkünfte im Hostel, Galeriebetrieb ausschließlich für Newcomer und Veranstaltungen für den Stadtteil. Musiker, Literaten, besonders Frauenbands und manchmal auch Einzelausstellungen für Künstlerinnen. Männern gestand sie das nie zu. Schon sehr eigensinnig, was Kristina hier trieb. Im Seitenflügel, so erzählte sie Vera, hatte sie Mauern, Putzen und Holz schleifen gelernt. Immer gab es Leute, die ihr beim Umbau halfen.
Vorbei an einem alten Bauernschrank im Flur, folgte Vera Kristina durch ein Büro und eine exquisite kleine Küche in die Wohnstube. Der alte Kachelofen wurde noch mit Holz und Kohle befeuert, die anderen Zimmer hatte Kristina mit Fernwärme versorgt. An einer schmalen Wand hingen Fotos, darunter das Klassenbild vom Abiturjahrgang 63. Es war zu Beginn des Schuljahres aufgenommen worden, während der Kartoffelernte in einem Lausitzer Dorf.
Damals warst du mit Ira eng, erinnerte sich Vera. Warum sind wir eigentlich nicht früher Freundinnen geworden?
Kristina setzte die Weinflasche auf den Couchtisch und holte Gläser aus einer Wandvitrine. Sie ächzte, als sie den Korken zog. Dann meinte sie: An dir hat Sabine geklebt und Sabine hing an Markus, den niemand leiden konnte. Dann bist du auch noch mit Harald liiert gewesen. Das hat niemand kapiert. Du als Klassenbeste und der ewige Mitläufer.
An dir hing Biggi. Ich dachte immer, du hättest mich am ehesten verstehen können.
Frauensolidarität? Kristina schmunzelte. Ich bin von derartigen Illusionen schnell geheilt worden.
Durch David, kommentierte Vera. Wie geht’s ihm in der großen weiten Welt? Er ist als Einziger aus dem Jahrgang 63 eine Berühmtheit geworden.
David besaß einen Pass und auch noch den richtigen, Vera. Wir hatten nur Personalausweise. Damit kam man nicht weit. Kristina sparte sich weitere Worte. Sie war nach 33 Jahren immer noch nicht über den Verlust hinweg.
Ich gebe David keine Schuld, räumte sie ein. Jeder muss seiner Sehnsucht folgen. Versteh mich bitte, ich war und bin ein Nestvogel, weil ich meine Leute mag, meine Wurzeln brauche. David war von Haus aus ein Zugvogel, erst seinen Eltern hinterher, dann immer zu den Großen seiner Zunft. Ich reise für mein Leben gern, aber wenn ich meinen Kiez nicht bald wieder habe, treibe ich von mir weg.
Weißt du, dass ich mal kurz im Westen war? Wintersemester 65/66. David hat mich nach Westberlin geholt. Drei Monate, dann bin ich zurück.
Er war immer wieder auf Tour. Ich lebte allein in seiner Wohnung, in einer Herde von jungen Revoluzzern aus dem wohlhabenden Mittelstand. Nichts gegen die Szene. Brigitte Bräuer war dabei. Bis zur zehnten ging sie in unsere Klasse, ich kannte sie schon seit der ersten. Erinnerst du dich noch an Biggi, das Engelchen? Sie blieb nach dem Mauerbau bei ihrer Oma in Westberlin. Da brach der Damm. Sie schaffte den Sprung in die Unabhängigkeit. Natürlich in Maßen. Die Mädchen und Jungs war ganz in Ordnung, ich aber war die Außenseiterin, weil ich aus dem armen Osten kam, weder das System ficken, noch freie Liebe machen wollte. Sie ließen sich von ihren Alten das Revoluzzerleben finanzieren und verachteten sie.
Ich dagegen wusste immer noch nicht, was ich wollte, kannte mich selber nicht. Nur auf der Vietnam-Demo des SDS habe ich mich am richtigen Platz gefühlt.
Was mir am meisten gegen den Strich lief, war die Zerstrittenheit der Grüppchen und Kommunen. Da bin ich zurückgefahren. Ich hatte Heimweh nach dem, was mich genährt hat. Ich liebe nun mal diese Stadt. Lass uns darauf anstoßen, dass uns immer bewusst ist, wohin wir gehören.

Der Wein war ölig, aber nicht süß. Ein Nachgeschmack wie Brombeeren. Portugiesischer, erklärte Kristina, als Vera das Etikett studierte. Auf ihre Krissiart wischte sie jede weitere Frage weg.
Jetzt zu dir. Montagabend sind die Depressiven am Trinken. Ich habe einen Hang dazu, seit ich denken kann. Aber du gehörst nicht in diese Liga. Hat dich der Leonhardt entlassen? An Silvester sah das ganz anders mit euch aus. Eher nach lebenslänglich.
Vielleicht ist es nur der Anfang vom Ende. Woher soll ich das wissen? beschwerte sich Vera. Ich habe wenig Erfahrung mit festen Bindungen.
Sie nippte am Glas. Der Wein war so süffig. Kristina beobachtete sie.
Wenn er dir schmeckt, dann trinke richtig, würdige die Trauben und die Meister! Was hast du davon, wenn du nicht in vollen Zügen genießt? Soweit ich das an einem langen Abend mitbekommen habe, kann dein Leo aus dem vollen leben. Er weiß, was er an dir hat. Also spar dich nicht auf.

Wir gehörten nie zu den Wohlhabenden, Krissi, ich so wenig wie du. Wir mussten lange sparen, ehe wir einmal aus dem vollen schöpfen durften. Das kann man nicht so leicht hinter sich lassen. Und wo ist dein Lebenslänglicher? Sparst du dich nicht selber auf für später und später und später?
Sie wollte die Freundin nicht kränken und tat es doch. Kristina nahm einen Schluck, ließ es dann durchgehen.
Was ich brauche, habe ich. Sex ist eine Unterleibsübung, ich brauche das ganze Programm. Freunde treffen, Fremden begegnen, Künstlerinnen, die ich gerne protegiere. Da hole ich mir meine Befriedigung. Und von Zeit zu Zeit ergibt sich auch ein wenig mehr. Erinnerst du dich, dass ich mit Ira eine Galerie aufmachen wollte? Das ist nie geworden. Ira hat sich im Berliner Sumpf eingerichtet, weil sie an einem einzigen Maler, an Jan hängen blieb. So geht das manchmal im Leben. Man steigt ein, der Zug rollt immer nur in eine Richtung und hält nicht mehr an. Gut, wenn du weißt, wo die Notbremse hängt. Aber was dann, wenn man im Niemandsland hält?
Kristina legte die Beine auf den Sessel, der ihr gegenüber stand. Ich brauchte Umwege und ein Rückfahrtticket.

Als Titus noch im Kulturkabinett arbeitete, hat er dich ins Klubhaus des Sachsenwerkes geholt. Das war kein Karriereschub, aber ein Umweg, erinnerte sich Vera.
Titus ist mein Held, ein Kleinstadtmuffel wie ich, er weiß es nur nicht. Er hat mich aus dem Thüringer Wald gerettet. Titus wusste, was Heimweh bedeutet, weil er in Meiningen auf die gleiche Weise schrumpfte wie ich in Gotha.
Jetzt habe ich eine Mini-Galerie, die Kneipe und das Hostel, alles dicht hinter dem Haus, in dem ich mit Biggi aufgewachsen bin. Ich habe meinen Horizont nicht durch Weltreisen, eher durch Begegnungen mit interessanten Menschen erweitert, ich darf einigen von ihnen Raum für ihre Ideen geben. Was will ich mehr?
Kristina machte eine Pause, als wolle sie überlegen, ob sie weiter reden sollte. Vera hielt sich zurück zu fragen, nippte an ihrem Glas.
Seit Jahren treffe ich mich immer wieder mit David, gestand die Freundin schließlich. Er bleibt für mich der Mann meines Lebens, aber ich mache mich nicht von ihm abhängig. Er dagegen kann nicht ohne seine Musik und die Bühnen der Welt. Dein Leonhardt ist auch nicht anders, der Typ Wissenschaftler, den die Neugier bis ins Extreme treibt. Du wirst das besser wissen als ich. Eine Frau an seiner Seite wird nie ohne eigene Pläne auskommen, weil er bei aller Neugier an Menschen immer seine rationale Brille trägt. Er blickt als Wissenschaftler auf uns wie auf ein Objekt. Du kannst ihn nur behalten, wenn du ihn akzeptierst wie er ist.
Kristina war eine kluge Frau, in einem irrte sie. Leo sah nicht nur die rationale Welt, er suchte nach einem anderen Zugang zur Wirklichkeit.
Vera mochte nichts über die Studie Psi23 erzählen. Ihr Geständnis könnte Kristina abschrecken. Verschwieg sie diesen Teil der Geschichte, musste sie auch über ihren Kummer mit Leo schweigen.

Sie hätte jetzt gehen können, aber der Wein hielt sie fest, er berauschte langsam, aber gründlich. Was hast du mir ins Glas getan? fragte sie die Freundin.
Der Douro macht stark, verhilft zu einem langen Leben, behauptete Kristina. Da muss man nix dazu tun. Weißt du nicht, dass berauschende Pflanzensäfte und ihre Kultivierung unseren Vorfahren die Pforten der Wahrnehmung öffneten? Aber wenn du meinst; wir können auch rauchen.
Habe ich mir abgewöhnt, konterte Vera. Sie missverstand Kristina. Hin und wieder mit Biene eine Zigarette, wenn sie runter kommen will, aber mehr nicht. Tu einfach, was du nicht lassen kannst, wenn wir schon einmal dabei sind.

Kristina griff nach einem Holzkästchen, holte Papers, Filter und einen Tabakbeutel heraus.
Manchmal dreh ich mir zum Feierabend einen Joint, erklärte sie nebenbei. Erinnert mich an meine Jugend. Ein kleiner Rausch passt zum Castello Douro. Was heißt Rausch? Es ist ein Anflug von Wohlbefinden, wenn man nicht übertreibt. Alles rückt an seinen Platz, sogar die Steuererklärung, die nebenan auf mich wartet.
Vera lachte los. Deine Sorgen habe ich nicht, ich habe nie genug verdient, um das Finanzamt zu beglücken. Aber mach schon!
Zum Wein hatte Kristina nichts auf den Tisch gestellt, jetzt holte sie eine Schale gebrannte Zuckermandeln, Salzgebäck und Datteln heran. Feierlich zündete sie die Tüte an und reichte sie an Vera. Der Duft war schmeichelnd, der Tabak unterlag dem aromatischen Kraut, der Wein schmeckte immer noch und immer besser.
Vera sah in Krissis Blick, dass sie sich freute, nicht allein zu sein. Sie sah, dass Kristina reden wollte.
Weißt du noch? Ich hatte dieses Manuskript von Felicitas Fromm. Niemand machte mir Hoffnungen auf einen Verlag. Schriftsteller in die Produktion, hieß es. Sie feierten Arbeiterhelden. Eine verschrobene Intellektuelle passte nicht ins sozialistische Menschenbild. Du hast mich mit deinem Vater bekannt gemacht und er brachte mich mit einem Lektor zusammen. Allein dafür werde ich immer wieder etwas für dich tun, du musst nur darum bitten.
Die Biografie von Felicitas Fromm. Eine einzigartige Frau. Wenn ich mich richtig erinnere, gehörte sie zu den jüdischen Emigranten aus den Staaten. Vera war völlig entfallen, dass sie noch ein Belegexemplar besaß.
Gerade zehn Stück wurden Kristina zugestanden, obwohl sie die testamentarische Nachlassverwalterin war. Eins hatte sie an Veras Vater gereicht, eins bekam Vera. Kristina liebte nichts mehr als zu teilen.

Leonhardt hat mir erzählt, dass er in seiner Studienzeit in Cambridge ihr Standardwerk benutzt hat. Sie war in Neuengland eine bekannte Psychoanalytikerin gewesen, wurde aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt und auch im Westen verlegt. Obwohl ihr dort eine Entschädigung zugestanden hätte, ging sie in den Osten und arbeitete bei uns. Ich war ihre letzte Patientin.
Du warst mehr als das, korrigierte Vera. Im letzten Kapitel spricht sie über Generationen und warum sie ihre Autobiografie schrieb. Du hast sie dazu gebracht. Sie allein hätte sich damit nicht abgegeben. Sie war zu der Erkenntnis gekommen, dass ihre Wissenschaft nur durch Verständnis und tiefe Liebe zur vorangegangenen wie zur nächsten Generation gerechtfertigt werden kann.
Das weißt du noch? Kristina sog den Rauch ein, ließ ihn langsam wieder frei. Ich habe sie in dem Augenblick verloren, als ich sie am meisten brauchte. Meine Mutter war die Frau, die mich zur Welt brachte und mich mit besten Wissen und Gewissen versorgte, aber mein Herz, meine Seele hat sie nicht genährt. Für das Herz war meine Tante zuständig, meine Seele hat Felicitas gerettet. Sie hat mich gelehrt, auf mich selbst zu achten, mir selber zu vertrauen. Sie hat auf mich aufgepasst, sogar über ihren Tod hinaus.
Seit dem Gespräch mit deinem Leo muss ich immer wieder an sie denke. Natürlich habe ich David geliebt und werde nie etwas anderes tun, aber ihre Liebe hat mich viel weiter getragen als die eines Mannes. Kannst du das verstehen?

Ein wenig high ist sie schon, dachte Vera. Sie nickte. Du hast von uns allen die größten Schritte gewagt. David hat sein Spiel vervollkommnet, zählte sie auf, Titus hat sich von seinem Bruder lösen können, Biene hat sich scheiden lassen, obwohl sie immer eine Co-Abhängige bleiben wird. Ira ist Verlagsleiterin geworden und Jan ein bekannter Maler und Hochschulprofessor. Marika und Georg leben endlich miteinander. Gunter macht seit Jahren mit seinem Hobby Geld. Und ich habe meine Töchter allein großgezogen. Aber du hast etwas ganz anderes geschaffen. Zu dir kommen die Leute, du bringst sie mit anderen zusammen. Nicht nur im Café sondern in der Galerie, im Hostel. Du bist genial.
Kiffst du zum ersten Mal, Vera? Du hechelst wie ein verliebter Teenager. Mir ist das peinlich. Kristina nahm ihr den Joint aus der Hand.

Ich sag nur die Wahrheit. Versuch mal gleichzeitig zu kiffen und zu lügen. Das geht nicht. Vera sah sich selbst in der kleinen Stube auf dem riesigen Sofa herum lümmeln, das Weinglas in der Hand, ziemlich enthemmt, aber es gefiel ihr. Sie war bei einer Freundin, die mit sich reden ließ.
Ich hab es heimlich probiert, als ich Jennis Vorrat fand, gab sie zu. Es war nicht anders als bei meiner ersten Zigarette, meinte sie. Ein Schwindelgefühl wie auf einem Kettenkarussell. Na gut, ich träumte wild. Aber das war nichts gegen die Träume nach dem ersten Test mit Psilocybin.
Krissi starrte sie an. Hätte ich dir nie zugetraut. Auch Jenni nicht. Sie lehnt doch alles ab, was über Hanf hinaus geht.
Mit Jenni hat das nichts zu tun, beeilte sich Vera. Das bleibt unter uns, Kristina. Jenni weiß nur von einer Versuchsreihe. Ich habe gebeten, dass Leo vor meinen Töchtern von einer psychologischen Studie spricht.
Glaubst du, dass du so was vor Kathi und Jenni geheim halten kannst? Ich habe mal in einer Kommune LSD genommen, ist schon Jahrzehnte her. Das war das Mächtigste, das ich je erlebt habe. Ich habe mich seitdem anderen Substanzen mit großem Respekt genähert. Und anderen Menschen auch. Koks kommt mir nicht ins Café, sogar XTC lasse ich nicht mehr rein, weil inzwischen zu viel gepanscht wird. Pilze sind etwas besonderes. Aber ich weiß nicht viel davon. Titus kennt sich besser aus, seit er die ersten Raves in der Stadt organisierte und in seinem Club so eine Art Drogenberater ist. Was ist das für eine Studie?
Für einen Moment stockte Vera. Was wusste Krissi über Titus, was sie nicht wusste? Was wusste er über psychedelische Substanzen? Dann antwortete sie.
Eigentlich ist es kein Geheimnis. Mehrere Institute und Stiftungen sind daran beteiligt, die medizinische Kontrolle durch Labors eingeschlossen. Das Ministerium hat dazu Fördergelder bereitgestellt. Also nichts, was man verschweigen muss. Abgesehen von Fachzeitschriften redet niemand darüber.
Und du bist dabei?
Ich weiß nicht, was mich geritten hat, seufzte Vera. Sie nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas und streckte die Hand nach dem zweiten Joint aus, den Kristina eben gedreht hatte. Sie fabrizierte sie dick und kurz, das Aroma füllte den kleinen Raum.
Kann ich jetzt abhängig werden? fragte sie kokett. Erst der Test, jetzt trinke ich schon den Montag blau und kiffe mit einer alten Freundin, der ich das nie zugetraut hätte.
Mach mal halblang und nicht so schnell, kicherte Kristina. Abhängig bin ich auch nicht, ich reguliere meine Bedürfnisse und heute ist mir nach dem Castello und einem Joint, weil ich mich freue, dass du da bist. Ich muss ständig funktionieren, um die Bedürfnisse anderer zu befriedigen, heute bin ich selber dran. Ich stelle mein inneres Gleichgewicht her. So einfach ist das.
Sie griff in die Schale mit den gebrannten Mandeln. David hat sie mir geschickt. Er ist übrigens noch immer verheiratet, obwohl ihn seine Frau betrügt.
Und du betrügst sie mit ihm?
Kann man so nicht sagen, denn er lebt ja nicht bei ihr. Er hat ein Problem mit seiner Scheidung, weil er dann kräftig zahlen müsste.
Hat er Kinder?
Das auch. Die Tochter ist aus dem Haus. Er war nicht immer ein aufmerksamer Vater, doch er hat sie oft auf seine Reisen mitgenommen, ihr die Welt erklärt, ihr eine solide Ausbildung finanziert. Tochter und Frau leben in den Staaten.
Vera nickte. Deshalb kam er nur selten zu unseren Klassentreffen. Da hat er nie viel über sich selbst erzählt. Für einen Abend mit Menschen, die man kaum noch kennt, kauft man sich kein Flugticket über den Teich.

Müsste er nicht. Seine Wohnung in Berlin hat David immer gehalten. Die Tourneen laufen eher durch Europa, weil er sich hier daheim fühlen kann. Die Amis waren seine Lehrmeister, aber seine Quellen liegen hier, sagt er.
Mir gefällt, was er macht. Ich habe nicht viel Ahnung von Jazz. Für mich hat seine Gitarre etwas Fesselndes. Ich werde bei Davids Spiel mit noch nie gehörten Klängen überrascht, während ich mit ihm als Pianist nicht viel anfangen kann. Da klingt er wie ein Clown, der keine Lust hat, lustig zu sein.
Wollen wir? fragte Krissi. Sie wartete nicht auf Erlaubnis und legte eine CD ein. Brandneu, sagte sie. Prag live, Silvester 95. Noch gar nicht im Handel. Er hat sie mir als Neujahrsgabe gebracht.

Die ersten Töne kamen wie ein leiser Sommerwind, dann fügte sich der Bass ein und die Klarinette drängelte sich dazu. Kaum zu hören, mischte im Hintergrund der Schlagzeuger mit. Den Drive machte Davids Gitarre.
Kristina hielt die Augen geschlossen. Vera ließ ihren Blick durch die niedrige Stube wandern. Viele Bücher, eine Plattensammlung, CDs und DVDs. Bilder, Geschenke von dankbaren Künstlern. Couch und Sessel ziemlich bieder, aber warum auch nicht. Ein Gehäuse für Kristina, wenn sie sich einsam fühlte. Auch Gefühle konnten ein Irrtum sein, denn David war hier.
Die kleinen Kastenfenster richteten sich in den Innenhof. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Mondlicht ließ den Schnee aufblitzen. Die Flocken tanzten nach dem Rhythmus seiner Musik.