Beasts of Beats

Vasna I. Trupis 2021

Dance, dance, otherwise we are lost

Pina Bausch

Leseprobe

1 Bodyhunters

Saskia zog sich die Lippen nach. Eine Frau Anfang vierzig schaute ihr entgegen, eine die mit ihren Little Helpers in einer Bar gut als späte Dreißig durchgehen konnte. Einmal in der Woche verbrachte sie hier den Abend in Begleitung ihres Mannes. Seit neun saß sie in der Astra Bar und hielt sich an einem Champagnerglas fest. Vergeblich. Sie hätte lieber einen Manhatthan getrunken. Mit etwas Geduld und dieser Pause zum Nachdenken musste sie die Sache aussitzen.
Jan und Saskia Romm sondierten im Astra regelmäßig unter den Gästen potentielle Sponsoren für ihre Schule. Man pflegte kulturelle Kontakte auf hohem Niveau. Gesellschaftstanz wurde unter Menschen mit gediegenem Bankkonto besonders geschätzt. Aber auch der Mittelstand, falls politisch engagiert, zog mit. Spenden für Romms Tanzsportclub Solaris e.V. konnte man von der Steuer absetzen, gleichzeitig öffentliches Interesse für die Kulturszene der Landeshauptstadt bekunden.

Nicht nur das Hotel Astra dankte dem Paar für seine Anhänglichkeit. Die Stadt ließ es sich etwas kosten, wenn Unternehmen dieser Art Publikum anzogen. Jährlich veranstalteten die Romms mit anderen Tanzschulen des TSC ein internationales Turnier. Sie selbst waren um die Jahrtausendwende mehrfach Landesmeister geworden, hatten mit großem Erfolg internationale Cahmpionships in Europa besucht.
Es genügte nicht mehr, Preisgelder gut anzulegen, das Geschäft am Laufen zu halten. Der Glanz von einst schwand von Jahr zu Jahr, man brauchte dringend Nachfolger.

Saskia rückte ihren Pushup zurecht, der Ausschnitt ihres königsblauen Kleides füllte sich wieder. Sie fuhr mit den Fingern durch ihre blondierten Haare. Ein wenig Verwegenheit stand ihr besser als die Strenge des Satins und das kalt funkelnde Svarowski-Colier. In der Bar sah niemand, ob sie Diamanten trug oder künstliche Steine. Hauptsache, sie zog Blicke auf sich. Sie wollte ihrem Begleiter vorführen, dass sie eine Ballkönigin geblieben war. Heute war das nicht ihres, sondern das Debüt von Moro, dem Trainer und Bodyhunter, wie sie ihn gern nannte. Ihr war nicht bewusst, wie morbide das klang.
Wenn sie ihren Mann diesmal zu Hause ließ, gab es einen überzeugenden Grund. Sie würde mit jüngerer Begleitung eine größere Chance haben. Jan hatte sie darin bestärkt. Der Altersabstand zwischen Romm und seiner Frau ließ sich nicht mehr wegtanzen. Mitte Fünfzig benutzten Männer die Nächte lieber zum Schlafen.
Die Jahre zwischen Saskia und ihrer Abendbegleitung dürften keine Rolle spielen. Moshe Rosenberg war ein gut erzogener junger Mann, dankbar für die Anstellung als Trainer im Golden Stars. Auch der Verein schätzte es, ihn unter Vertrag zu halten. Die Romms hatten ihn entdeckt, turnierreif gemacht und nach dem Ausstieg seiner Partnerin Felicitas fest angestellt.

Saskia war mit seinem bisherigen Auftreten zufrieden. Der dunkelblaue Anzug traf nicht seine Farben, doch er sollte sich daran gewöhnen, ihrem erprobten Stil entgegenzukommen. Nach ihrer Ansicht durften junge Männer wie er noch jede Garderobe tragen. Seitdem ihm die Partnerin fehlte, hatte Moshe etwas an Gewicht verloren. Auch hübscher wäre vorteilhaft. Der Latin Lover von heute zeigte weichere Züge und Allüren. Beides fehlte dem Jungen. Hätte sie nicht andere Sorgen, müsste sich Saskia fragen, wie sie ihn in die gewünschte Form bringen könnte.
Leider hielt er sich beim weiblichen Geschlecht ein wenig zurück. Spröde, aber um so beständiger im Fach. Seiner Chefin gegenüber war Moshe stets loyal geblieben, selbst wenn sie ihm ungewöhnliche Aufträge gab. Er akzeptierte sogar, als sie ihn als Moro Rosen taufte.
Saskia Romm versenkte das Versace-Fläschchen in ihrer Handtasche, schnappte den Bügel zu und verließ die verspiegelten Feuchtgefilde des Untergeschosses.

Als sie die Bar wieder betrat, ignorierte sie die Blicke der einsamen Männer, suchte nach ihrem Stammtisch, der Nummer 7. Beinahe hätte sie verpasst, warum sie heute Abend das Astra aufsuchen wollte. Sie ließ sich im Polstersessel nieder und beobachtete ihren Begleiter aus den Augenwinkeln, wendete sich dann zur Tanzfläche. Das Mädchen war da. Ein Escort-Girl der Oberklasse im Arm eines attraktiven Glatzkopfs, mindestens zwanzig Jahre älter als sie. Gleichgroß, weil sie keine steilen Absätze trug. Die Band spielte einen Slowfox, das Mädchen führte unauffällig, unterrichtete gewissermaßen.
Moro hatte angebissen. Er suchte seit seiner Festanstellung nach begabten Schülerinnen und Schülern, im geheimen vielleicht auch nach einer neuen Partnerin. Saskia Romm schmiedete eigene Pläne. Sie bereitete ihn erst am Nachmittag vor. Auf ihr Date mit ihm, auf den Anlass.

Jacco van Minden, ein Schüler der Golden Stars, war so leichtsinnig, seine Partnerin Leonie zu schwängern. Das International Festival in Kopenhagen, das Berliner September Special waren in Gefahr. Für den Tanzclub Solaris lieferte Jacco zur Zeit das größte Erfolgspotential. Er brauchte schnellstens eine neue Partnerin, um antreten zu dürfen. Eine, die klüger war als er und mindestens gleich begabt.
So ging Saskias Strategie. Sie wollte ihm eine Lektion erteilen. Van Minden besaß genau das, was Moro Rosen nicht hergab, den Latin Lover, nur in Blond. Und glaubte ernsthaft, dem TSC Forderungen stellen zu können.
Vor zwei Wochen hatten Saskia und Jan die Lösung des Problems in der Bar des Astra entdeckt. Am vergangen Montag war das Mädchen nicht erschienen. Heute also wieder in der üblichen Form.

Moro hatte sich zurückgelehnt, wendete nur kurz den Blick zu seiner Arbeitgeberin und riskierte ein Lächeln, ehe er sich wieder der Tanzfläche widmete. Seine Chefin hatte ihn über eine ungewöhnliche Begabung informiert. Er war nicht nur ein ausgezeichneter Tänzer, er besaß auch einen klaren Kopf, erfasste die schwierige Lage. Drei der fünf Frauen auf dem Parkett schätzte er im gedämpften Bar-Licht zwischen Anfang bis Mitte Zwanzig. Professionelle, aber sehr dezent. Nur ihre Partner ließen vermuten, dass sich in der Tanzbar wohlhabende Männern mit ausgewählten Damen trafen. Montags, wenn man im Astra buchte, wo eine Geschäftswoche in der Landeshauptstadt mit Wellness-Programm anlief.
Zwei der Mädchen zeigten einen Stil von routinierter Weiblichkeit, trugen konservative Garderobe und ausgewählt modische Frisuren. Die dritte war im kurzen Wollkleid und mit Naturlocken erschienen. Die mattgrauen Strumpfhosen erinnerten Rosenberg an Maschendrahtzaun. Ein wenig zu durchlässig für diese Jahreszeit. Sie trug Lackstiefelchen mit schlenkernden Schnürsenkeln. Der Herr, den sie durch den Slowfox führte, schien sich über seine Wahl von Minute zu Minute mehr zu begeistern, er staunte, amüsierte sich über ihren Plauderton. Ein schöner Mann, auch wenn ihm die Kopfhaare fehlten. Ende vierzig vielleicht.

Die Escort-Kundschaft konnte Moro, so nannten ihn die Romms seit dem ersten Vertrag als Tänzer, nicht recht bestimmen. Vorstandsvorsitzender, Medienmacher, Kunstsammler? Medien wäre fatal. Mädchen um die Zwanzig ergriffen diese Chance mit beiden Händen. Eine Tanzschule wie Golden Stars könnte dabei nicht mithalten. Harte Arbeit und ein ungewisser Ausgang. Denn auf Turnieren zählten nicht allein 50 Prozent Begabung und 50 Prozent Fleiß, da brauchte man noch 100 Prozent Glück obendrauf.
Der Trainer hatte es wieder und wieder erlebt. Die eigene Tagesform, die der Partnerin, die Stimmung zwischen ihnen. Und die der Jury. Zu viele Zufälle. Sogar wenn alles harmonierte, gab es meist drei bis fünf gute Paare an der Spitze. Dann tanzte das Schicksal mit, Kairos, der Zeitpunkt, der die Gunst der Götter schenkte. Moshe Rosenberg hatte sie im eigenen Land und international erfahren, dann heiratete Felicitas einen Start Up-Manager, der seine Frau weniger für Körperarbeit als zur Rückenstärkung brauchte.

Selbstverständlich wurde Moshe von den Romms Moro genannt, um die hebräische Herkunft zu europäisieren. Sie hielten es für angebracht, sogar den Nachnamen zu kastrieren. Rosen – ein halbherziger Versuch. Man hatte nichts gegen Juden, aber eine Anpassung an Konventionen gehörte zu ihren Kreisen. Moshes Vater war ein Liberaler, aber beunruhigt, Mama fand einen Künstlernamen angemessen. Lena Rosenberg liebte die feinen Töne.
Jeder musikalische Mensch hört das Jüdische durch, meinte sie.
Aaron und Lena hatten gewöhnlich keine Einwände gegen Wünsche ihres einzigen Kindes. In corpore sano, zitierte der Papa. Glücklich sollst du sein, sagte Mama, als Moshe sich mit fünf Jahren fürs Tanzen begeisterte. Sie schleppte ihn zum Ballett. Das war es nicht. Noch vor dem Gymnasium meldete sie ihn in der Kindergruppe eines Vereins an. Man nahm Moshe mit zwölf als Turner in die Sportschule auf. Erst, als er von Lehrern Zuspruch erhielt, entschied sich der Junge, das Tanzen zum Hobby zu machen. Er wählte einen geeigneten Club. Die Romms steckten ihn in ihre C-Klasse und Moshes-Moros Aufstieg begann mit dem ersten großen Turnier .
Vater verlangte, dass er die Schule nicht vernachlässigte. Nebenbei Hebräisch-Unterricht, nicht der Religion wegen. Aaron Rosenberg war ein aufgeklärter Israeli, bevor er Lena in Berlin kennenlernte. Wie viele seiner Altersgenossen in der Diaspora hielt er dennoch an Ritualen fest. Auch als Jugendwettbewerbe am Shabbat stattfanden, protestierte er nicht lange. Er wollte nie zu den Orthodoxen gezählt werden, er hatte in Europa studiert, schätzte dessen Geist.
War Moshe Rosenberg mit zwölf noch ein vielversprechendes Talent im Bodenturnen, galt Moro Rosen bald als ein Hochbegabter unter Tänzern, trat im Standard seiner Altersgruppe konkurrenzlos an, stieg mit Felicitas auch im Latein auf. Kaum in der S-Klasse, blieb er allein auf der Strecke.
Die Romms wollten ihn nicht fallen lassen, hatten ihn mit einem Trainervertrag gebunden, der einen Kompromiss für beide Seiten bot.

Rosens eigenes Training bestand derzeit darin, in Kursen der Hauptgruppen immer wieder einspringen zu können, wenn ein Tänzer fehlte. Auch Frau Romm, die er nun Saskia nennen durfte, hatte ihn gern an ihrer Seite, wenn ihr Mann unpässlich oder aus geschäftlichen Gründen unterwegs war.
Unter Gleichaltrigen oder Kommilitoninnen hielt sich Moro bedeckt. Manche dachten, er sei schwul. Er beendete das Philosophie-Studium ohne Bedauern. Hochschullehrer wie sein Vater wollte er nie werden. Er hatte eine Arbeit, die ihm genügend Geld für seine Bedürfnisse brachte. Moro liebte es, den Kindern beizubringen, was jeweils ihrem Charakter entsprach. Er liebte es zu tanzen. Die in Lackstiefelchen, auf dem Parkett der Bar liebte es auch.

Saskia Romm setzte ihr Glas ab. „Ein Tango. Hopp hopp! Jetzt zeigen wir mal, was ein Tango ist. Aber übertreib nicht, Moro. Tu so, als würdest du einer Hausfrau den Grundkurs zeigen. Ich mach dann schon was draus.“
Mit der Chefin aufs Parkett, war kein Problem. Doch eine Bar vor Mitternacht brodelte nur so vor Sex Appeal. Disziplin, Moro!
Er hatte es drauf, sich das Publikum wegzudenken. Genau so musste er Saskias Parfümaura verdrängen.
Sie waren gut eingespielt, legten eine Nummer hin wie an einem Vereinsabend im Golden Stars. Andere Paare rückten an den Rand, klatschten Beifall. Auch die Band klatschte. Für die Musiker fiel hin und wieder ein Engagement im TSC ab. Sie waren es gewohnt, dass die Romms eine Montagseinlage gaben. Der ältere Mann, der das Mädchen für diesen Abend engagiert hatte, schien den Tango nicht weniger zu genießen. Er hatte sich etwas erschöpft, war verschwitzt in Richtung Untergeschoss gegangen.

Saskia Romm ergriff die Gelegenheit. Mit dem Tanz wollte sie ihren Begleiter vorführen. Sie hätte ihn gern auch vorgeschickt, aber sein Besuch an Tisch 9 wäre missverstanden worden. Zuerst von der jungen Frau, die sie eben ansteuerte.
Eine Augenfarbe wie der Nachthimmel über dem Mittelmeer, der Teint nur wenig gepudert. Die braunen Locken aufgesteckt. Bis auf einen Armreifen kein Schmuck. Sie wusste, elegant und natürlich aufzutreten.
„Würden Sie mir einmal für einen Augenblick Ihr Ohr leihen?“ Saskia Romm setzte sich, ohne auf Antwort zu warten.

„Sehe ich aus wie Van Gogh?“, fragte das Mädchen entgeistert. „Ich bin in Begleitung und lesbisch bin ich auch nicht. Verschwinden Sie, ehe Sie mir den Abend verderben.“
„Ich habe nicht die Absicht, Ihr Geschäft zu vermasseln“, reagierte die Ältere herb. Sie stellte sich vor und hielt es kurz. „Wir suchen für ein Sommertunier eine begabte Partnerin für unseren Preisträger des Vorjahres. Ich gebe Ihnen meine Karte und die Zusicherung zu einem kostenlosen Training in meiner Tanzschule. Einzelunterricht bei meinem besten Lehrer. Sie sehen ihn am Tisch 7. Sollten Sie Ihren Job weiter betreiben wollen, habe ich kein Problem damit. Im Gegenteil, ich respektiere ihn. Sie erhalten jedoch ein kleines Salair für eventuelle Ausfälle.“
„Das können Sie mir gar nicht zahlen“, empörte sich die junge Frau. „Und falls Sie glauben, ich würde mich prostituieren, dann tun Sie mir leid.“
Saskia Romm rieb sich die Nase. Ihre Verlegenheit war nicht gespielt.
„Ich maße mir kein Urteil an“, versicherte sie. „Nehmen Sie die Visitenkarte, rufen Sie mich an. Und tanzen Sie bitte noch ein wenig. Ich schaue Ihnen heute zum zweiten Mal zu und bin begeistert.“
Sie hatte den richtigen Ton getroffen. Das Mädchen beruhigte sich, steckte das zartblaue Stück Karton in ihr Täschchen.
„Ein ungeschliffener Diamant“, sagte Saskia, als sie an Tisch 7 zurückkehrte, zu ihrem besten Lehrer. „Widerborstig ist sie auch. Mal von Kleidung und Make up abgesehen, muss sie tatsächlich noch viel lernen. Ich lass dir freie Hand, Moro. Leg ihr Zügel an! Lass dir nicht auf der Nase herumtanzen!“
„Und warum nicht Jan?“
„Glaubst du, ein Mann Mitte fünfzig würde bei ihr landen, wenn er nicht seine Kreditkarte herüberreicht? Sie ist ein Zufallstreffer. Wenn mich nicht alles täuscht: der Hauptgewinn. Ich persönlich werde in sie investieren. Du wirst sie trainieren und wir werden ihre Chancen gemeinsam potenzieren. Schau hin, sie tanzt wieder! Sie passt sich an, ihr Stil ist S-Klasse-verdächtig. Van Minden braucht eine Standard-Partnerin. Du schaffst das. Ich habe vergessen, nach ihrem Namen zu fragen. Das ist mir noch nie passiert. Ich erwarte ihren Anruf, habe Einzelunterricht versprochen. Halte dich bereit, Moro Rosen!“

2 Step by Step

Die Woche ging zu Ende, kein Anruf im Büro. Saskia hätte ihre Privatnummer hinterlassen sollen. Sie schenkte ihrem Mann Kaffee nach. Schlecht für dessen Blutdruck, aber ohne bekam er üble Laune. Das konnte sie nicht gebrauchen. In einer halben Stunde begann die Vereinssitzung. Die Tanzschule Wachsmann und Christa Clausner vom Vorstand hatten gebeten, bei den Romms ein Treffen anzusetzen, damit man sich über kommende Turniere, vor allem über die Nominierung für Kopenhagen austauschen könne. Natürlich durfte jeder Club, jede Tanzschule eigene Listen einreichen. Doch seitdem die Zahl der Vereinsmitglieder zurück ging, die eigenen Kandidaten wackelten, war die Bereitschaft gestiegen, miteinander zu reden, gegebenenfalls einander auszuhelfen.
Der Verein hielt die Hand über ihnen. In der Öffentlichkeit zeigte man sich weniger als Konkurrenten, lieber als eine große, großartige Familie. Alles nur Politik. Für Saskia kam ein Austausch nicht in Frage, wenn es um ihre Stars ging. Sie borgte nicht und verborgte noch weniger. Jan wäre nachgiebiger gewesen, aber letzten Endes vertraute er ihr mehr als den Kolleginnen und Kollegen.
Sie musste ihn vor der Sitzung in ihrem Sinn stärken, reichte ihm die Meißner Tasse herüber, schob das Sahnekännchen nach.
„Denk an deinen Magen“, mein Lieber, bat sie fürsorglich.
Er bevorzugte schwarz, doch er ließ sich seit dem vergangenen Jahr gern belehren. Der Silvesterball wäre für ihn fast ausgefallen. Kleine Krise nach den fetten Feiertagen. Saskia hatte Grund zur Sorge.

Jan Romm betrachtete seine Frau mit Dankbarkeit. Sie hätte ihn schon vor Jahren eintauschen können, doch ihr lag weniger an eigenen Erfolgen als an der Tanzschule. Sie hatten die Golden Stars gemeinsam zu einer nationalen Größe gebracht.
Sein Hosenbund saß etwas straff. Er streckte seine Beine lang, lehnte sich zurück. Besser. Er wäre erleichtert, sie würde auch im Verein die Führung übernehmen. Ihm blieb immer noch ihr gemeinsames Bett und das Parkett.

Der Aufstieg begann mit der Zuwanderungswelle in den 90ern. Sein Vater hatte ihm Grundstück und Schule überschrieben. De facto war Jan mit Ingeborg an seiner Seite der Geschäftsführer geworden, als seine Mutter plötzlich verstarb. Eine etwas ungenaue Redewendung für ihren Suizid. Sie kam dem Krebs nur zuvor. Unter den Seniorinnen hätte Manfred Romm die Auswahl für eine Nachfolge gehabt. Doch mit mehr als fünfzig mochte er nicht mehr von vorn beginnen.
Im Privaten fand der alte Herr Ausgleich, um nicht von Ersatz zu reden, zog sich in sein Sommerhaus in der Säschsischen Schweiz zurück und ließ Jan und Ingeborg wirtschaften.
Es war ihre Idee, sich um die Zugezogenen in der Stadt zu bemühen. Aus ihrem Club wanderten talentierte Paare in den Westen, versprachen sich, wenn nicht bessere Startchancen, dann bessere Gehälter in ihrem bürgerlichen Beruf. Die Zugewanderten waren ehrgeizig, weniger auf die eigene Person als auf ihre Kinder bezogen.
Russlanddeutsche ließen sich besonders gern ansprechen. Sie kamen aus einem kaputten Land, aber das Tanzen hatte dort seit hundert Jahren einen besonders hohen Stellenwert. Wenn die Figur nicht für eine kleine Pawlowa oder einen angehenden Nurejew reichte, konnten ihre Sprösslinge immer noch als Mitglieder eines Sportclubs für Gesellschaftstanz im neuen Deutschland ankommen.
Nadeshda Richter war die erste erfolgreiche Frau, die in die S-Klasse des TSC überwechselte. Mit ihrem Partner, einem erst kürzlich eingebürgerten Rumänen, siegte sie in Amsterdam, in dem Jahr, als Saskia und Jan zusammen gekommen waren.
Ingeborg ließ sich auszahlen und wechselte nach Stuttgart ins Management. Sie hatte Kinder immer abgelehnt, Jan bedauerte das sehr. Als er Saskia umwarb, fragte er sie nach ihrem Kinderwunsch. Da war sie dreiundzwanzig und schlau genug, ihn im Glauben zu lassen, sie würde für einen Erben sorgen.
Unter den Konkurrenten war er schon internationale S-Klasse. Er trimmte sie härter als einen Zirkusgaul, sie schafften es bis zu begehrten Pokalen, höchsten Preisgeldern. Und bauten die Schule mit Nachwuchs aus.

So weit wie die Romms, ging keine Tanzschule in der Stadt. Die meisten lebten von Kursen für Kinder ab fünf, Schüler und Schülerinnen von den Gymnasien und gelangweilten Paaren aus der Mittelklasse. Die Tanzschulen, deren Inhaber den Karrierezenit bereits überschritten hatten, suchten geradezu die Freundschaft zu Romms Golden Stars, der ehemaligen Konkurrenz, um Auftritte bei den landesweit berühmten Bällen der Stadt zu sichern.
Das nutzte Jan Romm zur Übernahme des Tanzvereins Solaris e.V., ließ ihm Gemeinnützigkeit bescheinigen, indem er für Sozialeinrichtungen kostenlose Beteiligung an Kursen versprach. Da waren es wieder Migranten, die seit der Jahrtausendwende in Heimen in und außerhalb der Stadt lebten.
Einmal im Jahr ließ Jan Romm die Presse antreten, sich und seine Frau mit den Kindern abbilden. Sie bekamen Solaris-Trainingskleidung, Trikot und Leggins, ein kurzes Röckchen umsonst. Genäht in Bangladesh. Allerdings fand er dabei selten den erhofften Nachwuchs für seine Fördergruppen. Einmal holte er zwei pakistanische Schwestern und einen begabten kleinen Iraker in die D-Klasse.
Die Mädchen kamen in die Pubertät und der Vater beendete den Vertrag. Der Junge zog mit seinen Eltern nach Wuppertal zu Verwandten. Das war nicht deprimierend, nur bedauerlich.

Noch hatte Romm keinen Grund zu klagen. Es gab genügend Intressierte, die sich vom Ruhm des Turnierpaares beeindrucken ließen, Zugang zu Gesellschaftskreisen suchten, sich die Ausstattung einiges kosten ließen. Wer aufgenommen wurde, entschied seine Frau.
Saskia hatte das richtige Erscheinungsbild, egal, ob vor ihr ein englischer Adeliger oder eine mittelmäßige Sängerin, ein etwas klein geratener Banker oder eine verwitwete Pharmazievertreterin standen. Und vor allem die Mütter und Väter des Nachwuchses. Ihre Fähigkeiten, sich mit jeder und jedem auf Augenhöhe zu verständigen, waren unbezahlbar. Ja. Sie sollte heute die Vereinssitzung eröffnen.
Jan nahm eine Tablette aus seiner Pillendose und kippte den noch heißen Rest aus der Lieblingstasse hinter. Er kam nicht dazu, mit seiner Frau zu reden, das Telefon klingelte. Nummer des Anrufers unbekannt. Saskia Romm hielt es für ihre Aufgabe, das Büro zu vertreten. Sie meldete sich als Instanz.

Nilu Stein am Apparat. Sie hatten mir Ihre Visitenkarte gegeben. Ich habe mich schlau gemacht. Wir können miteinander reden.
Wer war hier der Star? Das Girl aus der Bar oder eine mehrfache Preisträgerin von internationalen Championships? Saskia hielt sich zurück.
Bedaure, dass Sie nicht früher anriefen, jammerte sie leise. Ich bin in einer Sitzung mit Kollegen. Wenn ich in meinen Kalender schaue, Moment bitte, dann sehe ich wenig Spielraum. Aber mir liegt viel an einem Treffen mit Ihnen. Glauben Sie mir!
Sie hatte weder im Kalender geblättert, noch saß sie in einer Vereinssitzung. Das Escort-Girl brauchte dringend neuen Schliff. Wäre falsch, Nilu Stein darin vorzuwarnen. Hier ging es um mehr als um einen nächtlichen Freier, egal, welche S-Klasse der Kunde vertrat.
Na dann, verabschiedete sich die junge Frau. Da hakte Saskia Romm nach. Gehts auch kurzfristig? Morgen wäre schön. Falls Sie am Sonnabend nicht arbeiten müssen. Im Café des Hotel Astra, fünzehn Uhr. Zugang durch das Restaurant Komet. Ich sitze in der Ecke mit den persischen Seidenteppichen. Danke für Ihren Anruf, Frau Stein!

Erleichtert legte sie den Hörer auf. Das lässige Okey genügte ihr. Wenn sie morgen ins Astra fuhr, wollte sie Moro mitnehmen. Diesmal kein Anzug. Er sollte sich wie Gleichaltrige kleiden.
Wie ging das eigentlich? Sie kannte ihren Zögling im Grunde nur in Trainingskleidung und Showanzügen, mit und ohne Weste. Die Ausstattung zur Turnieren übernahm sie stets selbst für ihre Paare. Wünsche durften geäußert werden, sie hatte das letzte Wort.
Die meisten machten sich deshalb keine eigenen Gedanken, ließen sich aus Saskias Kostümfundus einkleiden. Das kam auch billiger als über online-Handel oder durch einen renomierten Verleih.

Sie traf Moro im großen Saal vor den Spiegeln. Er trainierte allein, begann eben erst mit seiner Bodengymnastik. Genau da, wo sie ihn entdeckte. Das Städtische Sportgymnasium hatte ein Schauturnen veranstaltet. Wieder ein doppelter Flickflack mit Drehung und Salto. Sie stoppte ihn.
Das kannst du im Schlaf. Mach dich besser für morgen fit. Wir haben ein Date mit unserem ungeschliffenen Diamanten. Um drei im Komet. Zieh dir an, was zu eurem Alter passt. Was trägt man unter dreißig auf der Straße? Egal. Ich hole dich auf dem Weg ab.
Dann ließ sie ihn allein, ohne einen Kommentar abzuwarten. Gesprächig war er ohnehin nicht. Aber um so ausdrucksfähiger bei Musik. Immer noch reizte es sie, Jan zu ersetzen. Doch keiner Jury gefiel es, in der Sonderklasse einen Mann von siebenundzwanzig an der Seite einer über Vierzigjährigen zu begutachten. Sie dachte lieber nicht genauer nach, was das für sie selbst bedeutete. Saskia Romm beeilte sich, ins Vorstandszimmer zu kommen.

3 Schwarzwälder Kirsch

Moro starrte in die Spiegelwand. Gleichaltriger von einer bestenfalls zwanzigjährigen? Da stand er sich selbst gegenüber, die schwarzen Haare verklebt, im verblichenen Trikot, zähe Muskeln, lange Gliedmaßen, das Gesicht zu mager, um schön zu sein.
Er trainierte hart, er wollte dran bleiben, zu einem internationalen Festival reisen. Mit formbarer Partnerin.
Er wusste selbst, dass er als Tänzer ein zweites Talent besaß, eins, seine Kunst zu vermitteln. Für die Romms war ein Moshe Rosenberg unbezahlbar. Er hätte um eine Gehaltserhöhung bitten sollen. Doch dann würde er nie wieder zu einem Tunier antreten, dann hätte er den Status eines Lehrers bestätigt.

Bisher wurde ihm nicht gestattet, jemanden im Einzelunterricht zu führen. Die Paare, die separate Stunden buchten, bereiteten sich auf ihre Hochzeit vor oder versuchten, mit seiner Hilfe ihrer Ehe etwas Glanz zu verleihen. Saskia wollte ihm freie Hand lassen.
Er brauchte ein Trainingsprogramm. Noch wusste er zu wenig von dem Mädchen. Moro war kaum älter gewesen, als Jan Romm ihn auf die S-Klasse vorbereitete. Fünf Jahre Aufstieg und dann ein plötzliches Aus.
Noch war er nicht zu alt, um wieder mitzumischen. Falls er mit dieser Schülerin erfolgreich war, hatte er einen Trumpf in der Hand. Er würde Bedingungen stellen.
Moro nahm Anlauf. Seine Sprünge durch den Raum endeten am Rand der Matte. Er rollte rückwärts ab. Trainieren war nicht alles. Tanzen war sein Leben.
Die Romm bremste kurz, hupte. Moshe hatte am Straßenrand gewartet, stieg zu und seufzte. Versace-Nebel im BMW. Er müsste das seiner Chefin mal stecken. Sie hatte in allem Geschick, was ihr Äußeres betraf, zu jedem Anlass eine angemessene Erscheinung, nur ihre Duftwolke nervte ihn und jeden.
Saskia Romm fuhr schnell, aber aufmerksam durch den Nachmittagsverkehr Richtung Waldpark. Sie sagte nichts dazu, dass er ihr einen rostroten Rollkragenpullover und eine Bomberjacke mit roten Futter zumutete. Die Jeans war immerhin so schwarz, wie sein Äußeres düster.
Am Samstag Morgen rasierte er sich nicht. Statt der täglichen Strickmütze hatte er sich eine Kippa aufgesetzt. Provokation mit Ethnolook. Sie würde ihn niedermachen, wenn er bei der Strickmütze geblieben wäre. Die Kippa verurteilte sie zum Schweigen.

Als sie das Café betraten, saß unter einem der Wandteppiche das Mädchen aus der Bar. Zwei silberne Spangen bändigten die Locken. Der blaue Rock ließ bis zu den Oberschenkeln gemusterte Strumpfhosen frei. Die Stiefelchen wippten zur Kaffeehaus-Musik des Pianos. Wieder kein richtiges Make up.
Kleines, warum machen Sie so wenig aus Ihrer Schönheit? begrüßte Saskia Romm ihren Gast.
Kleines war gestern, korrigierte das Mädchen. Nilufar Stein, in einigen Wochen zwanzig, 1,75 Meter, 60 kg, Maße 85, 60, 88. Mit Schönheit hat das nichts zu tun, nur mit einem Zufall aus dem Genpool. Mein Vater ist Ägypter. Deshalb der Vorname. Stein, weil er meine Mutter nicht zu seiner Religion bekehren konnte. Sagt Cosima Stein. Wir kommen aus einer Familie von ungläubigen Hippies. Ich bin ein hoffnungsloser Fall. In der Bar behaupteten Sie das Gegenteil. Was wollen Sie mir anbieten?
Auch das noch. Eine halbe Araberin, dachte Moro, Türkin wäre einfacher. Saskia Romm ließ sich nicht beeindrucken. Sie reichte Nilu die Hand über den Tisch, ließ sich bequem nieder und winkte der Dame in Schwarz mit weißer Schürze. Vergessen wir die 60 Kilogramm und gönnen uns eine Schwarzwälder Kirsch. Oder mögen Sie keine Torten?
Wenn es Ihnen Spaß macht, lächelte Nilu. Bei Ihrer Figur vertraue ich sogar auf Fett mit Zucker.
Sie hatte begriffen, welches Spiel angesagt war. Dann musterte sie den Mann an der Seite der stadtbekannten Frau. Nilu hatte gegoogelt. Ihr Gatte war das nicht. Ihr Gigolo wahrscheinlich, deutlich jünger, körperlich fit. Sein Name passte zu ihm. Moro, der Schwarze. Ausgenommen der noch winterliche Teint. Er blickte unfreundlich. Sie sah die Kippa und fragte, ob Herr Rosen an einem Tag wie heute Geschäfte machen dürfe. Eine leichte Unverschämtheit, weil mehrdeutig. Andererseits sollte sie ihn durchaus einbeziehen, kennenlernen, wenn es die Gönnerin so wollte.
Ich arbeite nicht, wenn ich beobachte, belehrte Moshe Rosenberg das Mädchen.

Wo liegt der Haken in Ihrem Angebot? Nilus Frage kam unerwaret, denn sie hatte noch keinen Satz über das Wetter, das Café oder ihre Begegnung in der Bar gewechselt. Geschweige denn ein einziges Wort zum Angebot gehört.
Tut mir leid, Frau Romm, wenn ich unser Gespräch verkürze. Bei mir daheim brennt die Luft. Ich habe nur eine halbe Stunde. Musste ein Taxi nehmen und habe übermorgen eine Klausur, die ich mit Eins bestehen will. Sonst bekomme ich den Hilfsjob bei meinem Professor nicht.

Studentin also, lenkte Saskia das Gespräch. Vergessen Sie den Hilfsjob, ich zahle Ihnen mehr. Darf ich erfahren, welches Fach? Ich tippe auf Pädagogik oder Soziologie.
Nilu lachte nur mit den Augen. Kunst- und Kulturgeschichte, antwortete sie. Wie Sie selbst sehen konnten, muss ich Soziologie nicht an einer Uni studieren. Lehrerin wäre mir zu bieder. Pardon, falls ich Sie schon wieder verletze, wendete sie sich an Moro Rosen. Sie sind der Tanzpädagoge?
Trainer, sagte er knapp.
Unser Bester, ergänzte Saskia Romm. Dass Nilu ein wenig von ihr abrückte, nahm sie als Geste des Respekts wahr.
Moro konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die duftenden Tortenstücke wurden aufgetragen. Das Parfüm seiner Chefin überdeckte die Süße, da ließ der Appetit deutlich nach.
Nilu hatte seine Miene richtig gedeutet. Ihre Mundwinkel zuckten. Dass er auf ihre kleinen Attacken nicht einging, ließ ihre Angriffslust erlahmen. Sie konnte Verbündete gebrauchen.
Sie haben mir Einzelunterricht angeboten, kostenlos. Wie komme ich dazu?

Ich kann Begabungen wie Ihre auf Meilen hin riechen, gab Saskia ihren ersten Trumpf preis. Sie ließ sich deshalb noch lange nicht in die Karten blicken. Sie hatte richtig gespielt. Nilu war geschmeichelt, wurde wieder dreist.
Da sind Sie nicht die Erste. Sechs Jahre Kinderballett in Berlin, mit zwölf zur Jugendklasse der Jazz Dance Company in Wilmersdorf gewechselt. Da war Gesellschaftstanz ein Grundkurs. Mit fünfzehn ausgestiegen und nur noch sporadisch getanzt. Von Gogo bis Street. Was immer sich anbot.
Das kriegen wir wieder hin, beteuerte Saskia sachlich. Die Company von Nancy Warren kenne ich, ein teurer Club für ein so junges Mädchen. Warum der Wechsel zum Escort-Service? Ließ ein Mäzen Sie im Stich?
Mein Vater. Er verkaufte sein Unternehmen, brachte sich vor der Steuer in Sicherheit. Meine Mutter kehrte mit mir zu ihren Eltern zurück, um mietfrei zu wohnen. Wir leben in einer Reihenhaussiedlung am Stadtrand. Ich komm da wieder raus.

Saskia Romm blühte auf. Endlich ein Talent, das von unten nach oben wollte. Gut, wenn Nilufar Stein wusste, was sie erreichen konnte. Man musste sie nur pushen.
Lassen Sie den Escort sausen und konzentrieren Sie sich mit ganzer Energie auf das Kopenhagen Special! schlug sie vor. Ich versichere, dass Moro Ihnen alles, was Sie zu einem Pokalsieg brauchen, in kürzester Zeit beibringt.
Ich muss essen, mir Bücher kaufen, Kleider, Schuhe, ermahnte Nilu Stein die Enthusiastin. Ich darf irgendwann mein Bafög zurückzahlen, meine Mutter bezieht Arbeitslosengeld. Wir sitzen auf einem Schuldenberg. Luftschlösser kann ich ohne Sie bauen. Das Angebot für ein Training in Ihrer Schule verstehe ich als eine Chance für mich. Dafür danke ich Ihnen. Aber was soll ich wie und wann zurückgeben?

Saskia Romm löffelte schweigend an ihrer Torte, nahm einen Schluck aus der Tasse, dann blickte sie Nilu Stein in die dunkelblauen Augen. Was nahm die Kleine, dass sie so strahlten? Breit war sie nicht, eher ernst. Bitterernst.
Ein Fünf-Jahres-Vertrag, meinte Saskia leise. Feste Verpflichtungen, festes Gehalt. Sie tanzen für uns zu Wettbewerben und bei offiziellen Auftritten des Clubs, die Hälfte der Auftritts- und Preisgelder behalten wir. Prämien für Sie je nach Leistung. In zwei Jahren wird neu verhandelt. Probezeit drei Monate. Das Risiko liegt bei uns, meine Liebe.
Wir haben für den Sommer Jacco Van Minden als Ihren Partner vorgesehen. Seine Stärken liegen im Standard. Lateinamerika können Sie besser reißen. Eine hervorragende Kombination.
Saskia Romm, legte den Löffelchen ab, nahm einen Schluck Kaffee. Pausen waren wichtig beim Verhandeln.
Das erste Problem entsteht natürlich durch Ihren Studienplan. Unser Tanzsaal ist mit den Kursen und der S-Klasse so gut wie ausgebucht. Der kleinere Proberaum befindet sich im oberen Stockwerk und wird für die Kindergruppen und die Fortgeschrittenen genutzt. Das bedeutet, Sie werden dort morgens von acht an trainieren. Sobald Van Minden mit Ihnen das Paartraining beginnt, haben Sie noch ein Vierteljahr. Er hat sich selbst eine Partnerin gesucht. Wir müssen ihn gemeinsam überzeugen, dass Sie die bessere Wahl sind.
Ein zukünftiger Partner und er weiß noch nichts? Ist er der Prince of Wales oder der Sheich von Katar? Nilu gefiel die Sache nicht.
Wir kennen Van Minden besser als er sich selbst, erklärte Moro Rosen. Er hat mit Recht große Ansprüche, befindet sich jetzt in einer schwierigen Lage und glaubt, damit allein klar zu kommen. Das wird Ihnen nicht fremd sein, Nilufar. Wir müssen ihm zeigen, dass er nur mit Ihnen den Sommer gewinnen kann. Studieren Sie weiter, aber verzetteln Sie sich nicht in Nebenjobs!

Ich komme mir vor wie ein Pferd auf der Rennbahn, seufzte das Mädchen. Sie hatte vom Tortenstück kaum die Hälfte gegessen. Wollen Sie mir ins Maul schauen, ob ich noch alle Zähne habe, meine Fesseln testen und mich striegeln, bevor ich antrete? Ich tanze sehr, sehr gern. Sie könnten mir die Freude daran verderben.
Saskia Romm schien für einen Moment echtes Verständnis zu haben. Mädchen, der Erfolg wird dir alles zurückgeben, worauf du scheinbar verzichten musst. Ich werde dafür sorgen, dass du Prioritäten setzen kannst, ohne finanzielle Einbußen. Du musst dich nicht mehr, wie in diesem Haus, teuer verkaufen.
Moshe Rosenberg ging kurz durch den Kopf, dass seine Chefin nicht einmal ahnte, wie dick die Lüge war, die sie zwischen Schwarzwälder Kirsch und persischen Wandteppichen auftischte.

Nilu überhörte bewusst das Du, zerrte an ihren Haaren. Sie meinte, sie wolle darüber schlafen. Ich sagte schon einmal, ich bin keine Prostituierte. Ich habe sehr kultivierte Kunden, komme durch sie nicht nur zu einem guten Einkommen, sondern lerne auch eine Menge über ihre Welt. Unter IT-Leuten und Bankern kenne ich mich aus. Mein Vater lebte in diesen Kreisen.
Meine Kunden sind meist Akademiker, Galeristen, Kunsthändler, mit denen ich meine Kenntnisse testen und erweitern kann. Sehr selten ein Industrieller, der von mir mehr erfährt, als ich von ihm lerne.
Meine Agentur ist ein seriöses Unternehmen, schützt mich in jeder Beziehung. Können Sie dasselbe von sich behaupten?
Saskia Romm holte aus ihrer Handtasche einen Umschlag. Sie blieb beim Du. Lies dir in Ruhe den Vertrag durch. Wir drei unterzeichnen in der kommenden Woche. So, wie wir hier sitzen. Moro wird auf dich aufpassen, ich werde dich begleiten.
Wir beginnen mit Drei-Stunden-Einheiten, fünf mal die Woche. Montag bis Freitag. Ab März sehen wir weiter. Du hast dann Semesterferien, kannst voll einsteigen. Jetzt iss die Torte auf! Es wird das letzte Stück für lange sein.
Der Ernährungsplan ist Teil unseres Vertrages und wird von mir kontrolliert. Wir schließen für dich außerdem eine Berufsversicherung ab. Für den Fall der Fälle.
Schwangerschaften gehören nicht dazu. Das wäre allein dein Problem. Dann wird dein Schuldenberg um einiges wachsen.