Satz

E wie Experiment

Fast alle Schriften und Sprachen der Erde haben gleiche oder ähnlich klingende Vokale. Sogar der damit verbundene emotionale Ausdruck scheint sich anzunähern.
Nicht so leicht gibt es darin Übereinstimmungen mit Tierlauten. Wenn wir ein A der Bewunderung äußern, heißt, dass in der Welt der Katzen nichts anderes als Aufmerksamkeit einfordern. Mit dem A klingt etwas aus dem Herzen an. Eher Bewunderung geben als haben wollen. Der A-Ton schwingt sogar ein wenig mit. Ein E dagegen hebt sich förmlich ab. Es kann eine Mitte halten, balanciert nicht nur, sondern bestärkt die Satzmelodie. Die deutsche Sprache häuft oft Konsonanten ohne Ende, so wie sie Bandwurmwörter bildet. Das E macht sie neben dem A erträglicher. Bis zu diesem Wort habe ich 102 mal ein E angetippt. Würden wir alle E´s hinausnehmen, ließe sich der Text noch entziffern, doch wie würde er klingen? Nicht zu reden von dem Umlaut Ä. Er bringt die Vokale A und E zueinander, die das Deutsche melodischer machen. Sprache und Text sind einem Lied ähnlich, das Eine singen wir, das Andere hören wir im Kopf oder laut lesend.
Im vorangegangenen Text schrieb ich über Glossolalie. Sie kann sich der Vokale bedienen, ohne Konsonanten zu stärken. Wie klingt Französisch, wenn ich es singe? Mein Gaumen, meine Kehle vibriert. Englisch braucht, um erkannt zu werden, stärker die Struktur der Konsonanten, die skandinavischen Sprachen neigen zwischen beiden eher zum Englischen, obwohl sie ebenfalls diese nasalen Töne kennen. Wie das Deutsche auch. Ein nasaler Klang entsteht im Wort BANG. Mir ist das Herz schwer, die Klage klingt an. Beinahe wie im Wort ENG. Die Bedeutung gibt uns in der Tonalität etwas Schmales, möglicherweise sehr Begrenztes wieder. Ein völliges Gegenstück ist dazu das EX im Lateinischen, es sprengt förmlich das Wort und seine Umgebung. Die Melodie des Wortes Experiment dehnt sich nochmal und erweitert Klang und Bedeutung. Ein Experiment kann alles werden, was wir näher betrachten. Zum Beispiel die Tastatur vor uns. Der am schnellsten abgenutzte Buchstabe ist das E.

G wie Glossolalie

Fast alle Alphabete beginnen mit einem A . Das gibt zu denken. Aufregender ist die übernächste Stufe im Strom der Erkenntnis, der Text im Kontext. Vielen wird er als Glossolalie begegnen. In – fremden – Zungen reden, heißt es, nicht nur in der Bibel.
Wir meinen oft, wir verstehen die Sprache des anderen, aber ist das wirklich und wahrhaftig der Fall? Ein einziges Wort kann zu Missverständnissen führen. Manchmal genügt die Betonung auf einer anderen Silbe.
Der Streit unter Menschen verschiedener Regionen wird oft unbewusst ausgelöst, wenn ihnen ein Wort unterstellt wird, das in ihrem Dialekt eine andere Bedeutung hat. Babel ist immer noch unter uns.
In meiner näheren Umgebung wird gerne mal gelästert. Was babelst du da? Jemand, der die Herkunft des Wortes nicht kennt, wird sich den Inhalt mehr oder weniger erschließen. Das machen dann Tonfall oder Kontext der Rede.

Ich liebe klare Texte, eine bewusst gewählte Sprache als hohe Kunst gelungener Verständigung. Das vollständige Gegenteil davon ist nicht weniger interessant. Glossolalie kann den Kopf frei macht, besonders, wenn sie sich nicht selber so wichtiger nimmt.
Es gibt Religionen, die im Gebet Glossolalie als Nähe zu Gott oder Göttern sehen. Es gibt die Welt der Psychiatrie, die in Glossolalie eine Krankheit versteht. Es gibt auch eine wunderbare Möglichkeit, sich selbst zu entspannen, den Kopf frei zu machen, indem man babelt, und das konsequent! Die Geschichte geht so:


Ein Mann Namen Gibar beklagte sich bei Osho, seine Gedanken nicht mehr stoppen zu können. An Schlaf und andere schöne Dinge war nicht mehr zu denken, weil seine Wissenschaft ihn bis in die Nächte verfolgte. Osho empfahl ihm, sich hinzusetzen und laut vor sich hin zu babeln, Laute zu Worten zu formen, die ihm fremd waren, einer unbekannten Sprache gleich. Nach Tagen kam Gibar zurück zum Meister und dankte ihm begeistert für seinen Rat. Seitdem nannte man diese Meditation Gibberish. Auch ein Wort mit G. Und diesmal löst sich das G auf. Ein e oder i danach verändert seine Aussprache ins Dsh.
Ich habe es ausprobiert, Gibberish funktioniert. Nach intensiver Kopfarbeit hinsetzen und der Zunge freien Lauf lassen. Glossolalie, in der ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber was machte das schon? Irgendwann wird die Zunge müde und der Geist willig zu ruhen.

Auch mit Musik gelingt es wunderbar, in Glossolalie zu verfallen, das klingt dann wie in einer Native Church, mit Gospels geht’s schneller. Vorsicht! Mit Musik wird’s richtig laut und Nachbarn könnten auf den Gedanken kommen, die Schnelle medizinische Hilfe zu rufen. Und was die Psychiatrie von Glossolalie hält – s.o. Dann lieber ganz leise, fürs eigene Ohr. Das schafft das Vergnügen, den Nonsens zu hören. Mal klingt er wie das kubanische Spanisch, mal wie Chinesisch mit Vogelgezwitscher oder Suaheli mit vollem Mund. Dann tanzt die Zunge einen Rhythmus, wie sie ihn noch nie erlebt hat. Und der Geist tanzt mit.