Das kanns doch nicht gewesen sein

Vasna I. Trupis
2024/2026

Leseprobe

In allen Kulturen erzählen wir einander und uns selbst Geschichten, mal um die Welt und uns besser zu verstehen, mal, um ihr zu entfliehen.
Literatur ist nur ein Ausschnitt davon. Sie leiht sich konkrete Orte, Zeitereignisse und Strukturen einer realen Gesellschaft für ihre eigene Wirklichkeit, entwirft Utopien und zerstört Illusionen. Literatur kann alles sein: Wahrheit und Lüge, Freiheit des Geists und Einzelhaft für Gläubige.
Das zu erkennen, liegt allein im Auge der Leserschaft.
Dieser Roman ist ein Angebot, zwischen den Zeilen nach Sinn und Wahrheit zu suchen.
Wer unterhalten sein will, kann die Auszüge aus den Erotic-Thrillern von Belle Blanc überfliegen oder sich selbst zu Ende erzählen.
Ebenso wird es Menschen geben, die gern tiefer graben.
Kann doch sein, sie wollen an die eigene Biografie erinnert werden, an Begegnungen oder Enttäuschungen. Dann gehören die Parallelwelten eines Sonderkommandos der Bundeswehr zur Geschichte von Anders, Alice und ihrem Leben.

Alle Teile des Romans entstanden vollständig aus der
Fantasie der Autorin. Übereinstimmungen
mit existierenden Personen, ihren Namen und Handlungen
sind der Vorstellungskraft der Leserinnen und Leser überlassen
. VIT

1 Maikätzchen ersäufen

Alice hasste es, früh aufzustehen. Sie war wütend auf die Eule im Spiegel. Nicht hinschauen, morgens halb sechs! Und selber schuld, wenn man immer nett sein will. Nett, wenn ihr jemand entgegen kam, dankbar für jede Aufmerksamkeit. Nach einem halben Jahr Austausch von E-Mails hatte sie eine Audienz bei Belle Blank ergattert. Die Vielschreiberin von Erotik-Thrillern schickte ihr einen Termin und eine Dr. phil. Alice Grimm wusste sich vor Freude nicht zu fassen.
Belle Blank, mit Sicherheit ein Pseudonym, veröffentlichte als Isabelle Blankenburg seit 2010 Romane in Jorinde- und Paola-Heften und kam drei Jahre später als Belle Blank mit dem ersten Band einer Serie in Hardcover heraus. Bald verkauften sich ihre Bücher besser als Dichterinnen oder Schriftsteller, die man im Lesekreis des 1. Deutschen Fernsehens vorstellte.
Die Blank besaß eine Website mit Kontaktadresse, doch weder fand man sie auf Buchmessen und Vortragsreisen, auf Twitter, Instagramm oder Facebook, noch gestattete sie den Printmedien, mit ihr persönlich zu kommunizieren. Diese erhielten für Rezensionen nicht mehr als zehn Zeilen Kurzbiografie und in Abständen ein neues Foto. Interviews wurden nur schriftlich geführt.
Auf den Rückseiten der ersten Bucheinbände erschien die Autorin mit Abbildungen im Format 4 x 6 cm, im Monatsmagazin Consul einmal halbseitig in Sommerkleid und Strohhut, an der Leine einen Golden Retriever. Letztens zeigte sich Madame Blank im Innentitel von Band 9 und 1o frontal auf einem Passbild, mit Pony und Kurzhaarfrisur, leicht blondiert, wieder der Schmollmund. Kurz gefasst: Autorin Wieauchimmer hielt ihr Privatleben strickt unter Verschluss.
Dr. Grimm hatte den Hauptgewinn gezogen. Dr. Grimm durfte sich auf die Schulter klopfen. Ihr war ein Durchbruch gelungen. Sie sollte zu Himmelfahrt anreisen und, auf zwei Tage verteilt, ein paar Stunden mit der Autorin verbringen. Der Türöffner könnte die Mail gewesen sein, als Dr. Grimm an post@bblank.de ein umfassendes Konzept ihres Forschungsprojektes schickte, darin vier Schriftstellerinnen der Weltliteratur und vier Autorinnen von Thrillern oder Kriminalromanen als Hauptgegenstand der Untersuchungen.
Dass Belle Blank neben der Französin Loraine Suzard, der Britin Betsy Soulward und der US-Amerikanerin Nelly Howling ausgewählt wurde, könnte ihr geschmeichelt haben. Die Suzard wurde in siebzehn Sprachen übersetzt und war die drittbekannteste Französin nach der Ehefrau des Präsidenten und Isabelle Hupert. Die Autorin aus Virginia stand seit Jahren auf den Bestseller-Listen der New York Times, die Lady aus Maidstone im Distrikt Kent/UK hatte seit Jahren Auflagenzahlen in fünfstelliger Höhe und eine Society-Kolumne im Guardian.
Howling, damals 28 Jahre alt, kam 1999 mit Kindly Random über den Atlantik nach Deutschland, die jüngere Soulward schaffte es acht Jahre später durch den Verlag Southpole-Poket über den Kanal. Suzard war schon da. In Deutschland musste niemand französische Unterhaltung bewerben, sie füllte die Kassen besser als jede hausgemachte Romantik.
Belle Blank brauchte länger, um bekannt zu werden. Erst mit Band 7 ihrer Serie Mut des Herzens erreichte sie eine fünfstellige Auflagenhöhe plus mehrere Nachdrucke je Titel. Nicht zu reden von eBooks. Darum fragte sie nicht nach, wie eine promovierte Literaturwissenschaftlerin auf die Idee kam, mit Studierenden ihre Bücher zu bewerten.
Für Alice Grimm war es entscheidend, dass die Krimis und Thriller-Serien von Frauen geschrieben wurden. Altersmäßige und kulturbedingte Unterschiede zwischen den Autorinnen könnten ebenfalls bedeutsam werden. Das Budget, sowohl an der Universität, als auch privat, ließ nicht zu, die fremdsprachigen Schriftstellerinnen persönlich heimzusuchen. Um so dringender hielt sie sich an die Deutsche. Sie gestand der Autorin per E-mail, dass ihr Projekt die Grundlage für eine Habilschrift werden sollte. Da kam der Zug ins Rollen.
Der Interregio Berlin – Leipzig startete 6.28 Uhr am Hauptbahnhof, er fuhr 69 Minuten bis zur Messestadt. Dort stellte die Deutsche Bahn erst 4o Minuten später den Anschluss nach Chemnitz her, um Dr. Grimm weitere 71 Minuten zuzumuten. Keine Ahnung, wie lange sie im Taxi bis in diesen Vorort brauchte! Immerhin verließ der IR pünktlich die Hauptstadt der Republik. Abgefahren, ab-ge-fah-ren, ab-ge-fah-ren, fah-ren-, fah-ren-, ren-renn-rennn. Das könnte der Hit des Tages werden.
Alice Grimm hatte die Wahl zwischen fliegenden Landschaften und einem Buch. Schlechte Gewohnheit, sie griff nach dem Paperback in ihrer Ledertasche. Mut des Herzens von Belle Blank. Band 10: Die Geisel.
Sie schlug da auf, wo die Postkarte aus Riga klemmte.
Ceļojums pa Baltiju. Alice hatte gegoogelt. Rundreise durch das Baltikum.
Auf der Rückseite handschriftlich von Belle:

Bin auf Recherchetour (Schwertritterorden). Näheres, wenn Sie mich besuchen. Termin wie vereinbart. B.B.
PS: Ein Freund fliegt heute nach Berlin u. nimmt die Karte mit. Die Post vor Ort ist eine Katastrophe.

Das PS war länger und informativer als der Gruß der Autorin. Alice Grimm steckte die Karte mit den baltischen Hauptstädten zwischen Seite 366 und 367 von Mut des Herzens und setzte auf Seite 208 ihre Lektüre fort.

Belle Blank; Mut des Herzens

Band 10: Die Geisel

Sabrina konnte sich weder Dienstgrade noch Namen merken. Sie fühlte sich drei Tage nach der Geiselnahme so gut wie tot. Seit dem Überfall auf das Konsulat war sie geschlagen worden, hatte nichts gegessen. Sie wurde mit drei ihr unbekannten Männern in einen lichtlosen Kellerraum gesperrt. Nur den Kulturattaché kannte sie mit Namen. Von ihm war sie nach Raqqa gerufen worden. Sie glaubte, sie wird dringend gebraucht. Pure Dummheit, dass sie, wie die anderen Deutschen, in die Hände des ISIS geraten war.
Die Befreiung geschah fast lautlos, der Schock kam erst ins Bewusstsein, nachdem sie den Hubschrauber in Athen verließen, man sie Ärzten übergab und sie in weißem Bettzeug aufwachte.
Sie wusste nicht einmal, welcher Wochentag im Kalender stand, als sich mitten in der Nacht die Kellertür öffnete. Den Moment würde sie nie vergessen. Die Männer steckten in ähnlicher Kluft wie die Leute des ISIS. Ihre Gesichter hatten sie geschwärzt, um nicht erkannt zu werden. Als Erster kam Einer mit dem G95 rein, sprach mit ihnen deutsch, nahm Sabrina auf den Arm, weil sie vor Panik nicht laufen konnte. Er hielt ihr den Mund zu, was sie missdeutete. Seine Augen verstand sie richtig. Bernsteinfarben und voller Mitgefühl. Bis an ihr Lebensende würde sie ihn nicht vergessen.
Sie wusste weder Dienstgrad noch Namen, als sie ihm sechs Wochen später wieder begegnete. In der Nähe des Ministeriums befand sich das Habibi, ein arabisches Café mit Süßigkeiten, die sie über alles liebte. Er sah müde aus, war in Jeans und Bomberjacke unterwegs und betrat das Habibi, als brauche er nichts so sehr wie einen qahwa arabíja mit viel Zucker. Seine Statur schien in Zivil schmaler, Bewegungen und Größe kamen hin.
Erst an seinen Augen konnte sie ihn mit Sicherheit erkennen. Dann waren sie in ihrem Hotel gelandet, in ihrem Zimmer, in ihrem Bett. Das passierte vor einem Jahr.

Sie stand an der Glasfront im Residenzsaal, die Feierstunde war beendet, die Mehrheit der Gäste hatte den Raum verlassen, da sah sie ihn neben dem Admiral, von dessen Stab die Einladung kam. Sabrina hatte Leo Koerner in dieser Uniform nie gesehen. Sie erinnerte sich an seinen warmen, männlichen Körper, seine Leidenschaft, seine Stimme an ihrem Ohr. Als sie erwachte, war er weg. Er könnte es bereut haben, denn Leo hatte sich nie wieder bei ihr gemeldet.
Sie beobachtete, wie er sich vom Admiral verabschiedete, zu einer gemischten Gruppe von Leuten ging, die teils in Sonntagskleidung, teils in Landestracht am Saalende zurückgeblieben waren. Leo erwiderte Umarmungen, schüttelte Hände, lachte. Dann löste er sich und suchte verwirrt den Ausgang. Sah sie an der langen Fensterfront. Hinter den Scheiben die Lichter der Großstadt.

Leo Koerner hasste das Spektakel, das Blechgeklimper an der Brust, die Shows für Politiker und Prominenz. Feierstunden wie diese stressten ihn mehr als das härteste Training im Wasser, in der Luft oder an Land. Mit ihrem Glamour und Pathos waren sie eine Pflichtveranstaltung für höhere Dienstgrade. Er hätte gern seine Jungs dabei, denn nicht er hatte die Medaille verdient.
Er war ein Nichts, das SK 7 lebte und überlebte nur als Team. Jeder Einzelne durfte sich einen Spezialist nennen, meist für mehrere Disziplinen, aber erst zusammen waren sie fähig, die Krisen in dieser Welt wenigstens für einen Augenblick zu entschärfen, Menschen zu retten, wie diese Ortskräfte und ihre Familien. Oder den alten Bekannten, Adem Babić aus Bosnien, der ihn zum Abschied nach Hamm einlud. Mit seiner Frau oder Braut.
Hat sich was mit einer Braut. Leo kannte die Fallstricke einer Beziehung. Er beneidete weder Streuner noch Rom um ihre festen Freundinnen. Sniper und Einstein waren geschieden. Jorgos hielt an seiner Frau fest und sie an ihm, was beide nicht vorwärts brachte. Leo kam nie in Versuchung, obgleich er älter als Jorgos war.
Leo Koerner sehnte sich nach normalen Klamotten, nach dem Fahrstuhl im Hotel, der ihn in die Bar brachte, damit er sich so weit volltanken konnte, dass er die nächsten zehn Stunden traumlos schlief. Er wollte zum Ausgang, drehte sich in die falsche Richtung, da sah er sie stehen. Die rotbraunen Haare hochgesteckt, die Linie vom Hals zur Schulter frei; ein grünes Samtkleid umschloss ihre Kurven. Wie verloren gegangen stand sie an der Fensterfront des Residenzsaals. Blass um die Nase, kein Lächeln für die Medien. Sabrina, für die man niemals Lösegeld gezahlt hätte, weil die Regierung nicht mit Terroristen verhandelt.

Das SK 7 erhielt den Auftrag, vier Leute aus dem Konsulat in Raqqa ausfindig zu machen und in Sicherheit zu bringen. Die Geiseln konnten überall im Haus feststecken. Infrarotsichtgeräte zeigte in einem Keller mehrere Gestalten. Als Leo die Tür öffnete, hätte ihn ebenso der Tod erwarten können. Er leuchtete mit seiner WARRIOR ins Dunkel. In jeder Ecke hockte das pure Elend. Eine der Geiseln war sie, die einzige Frau. Zerschlagen, verstört. Schämte sich über ihren eigenen Geruch, als er sie auf den Arm hob. Vor Panik war sie nicht fähig zu stehen, zu gehen.
Wie schön Sabrina war, als er sie Wochen später im Café Habibi traf! Sie fragte ihn, wie es i h m nach den Strapazen ginge. Als hätte e r die Tortour knapp überlebt. Sabrina lud ihn zum Essen ein, sie redeten und redeten bis in die Nacht. Dann blieb er. Sie schmeckte so süß, ihre Hingabe raubte ihm den Verstand. Er vergaß sie keine Sekunde, keinen Tag. Idiot. Alles klar. Sie hatte ihre Dankbarkeit gezeigt, er hatte genommen, was er bekam.
Leo misstraute jeder Heldenverehrung, dem Superman-Kult so wie so. Er hatte sich geschämt, weil er Sabrina ausnutzte. Er hatte ihr nicht gesagt, dass er am nächsten Morgen wieder mal für Wochen oder Monate abtauchen würde. Nun stand sie auf Rufweite, starrte mit ihren braunen Augen verzweifelt zu ihm. Die Lichter der Großstadt hinter ihr. Und ihr wundervoller Körper signalisierte ihm: Bitte hol mich hier raus!

Autsch. Wieder passiert. Alice Grimm machte ein Eselsohr in die Seiten des Paperbacks. Billige Ausgabe, nur Arbeitsmaterial. Schließlich lag ein Erotik-Thriller in ihrer Hand, kein Maikätzchen, dass sie ertränken sollte. Sie würde fair bleiben, wenn es um die Wahl ihrer Worte ging, ehrlich bei wissenschaftlichen Bewertungen. Dennoch plagte sie ihr Gewissen.
Madame Blank schickte Band 10 vor drei Wochen und Alice war bei Band 9 nicht einmal mit zwei Dritteln durch. Sie baute auf den Nachmittag und Abend in der Pension. Für heute hatte Belle Blank zwei Stunden eingeräumt, zum Kennenlernen. Danach, in der Pension, könnte Alice Grimm mit der Lektüre fertig werden und morgen war sie auf dem Laufenden, bereit, in medias res zu gehen.
Herrgottnochmal und alle Heiligen! Alice sollte sich aufraffen, Chuzpe zeigen, sich vorstellen, dass auch eine Bestseller-Autorin nackt geboren wurde und nackt wieder gehen würde. So wie jeder Mann und jede Frau und alles, was sich Mensch nennt.

2 Nicht Fisch noch Fleisch

Im Großraumwagen saßen keine zehn Leute. Feiertag mitten in der Woche und Null Bock auf Interregio-Reisen. Dr. Grimm war in der Dämmerung aufgestanden. Am Zugfenster sah sie die Sonne aufgehen. Die hatte sich in Chemnitz hinter Trauerwolken verzogen, was eine trübe Stimmung verbreitete, ausgerechnet am Donnerstag, der dem Herrn Jesu geweiht war und Männer in großen Gruppen zu Blödsinn mit unchristlichem Ausgang verleitete.
Mieses Wetter, miese Laune, denn der Taxifahrer durfte nicht feiern. Er fand kein Interesse an einem Kunden-Gespräch. Dr. Grimm hatte ebenfalls Gründe, aber sie musste eine Ansage machen. Als sie das Fahrziel nannte, wurde der Taximann zugänglicher. Neusprung versprach mindestens eine Fünfundzwangzig-Euro-Fahrt. Also ließ er sich herab und erklärte in einem vollständigen Satz, dass der Eberhof erst ab Elf Check in mache. Die Lady nannte eine zweite Adresse. War auch okay. Er kannte die Bewohner im Kiefernweg 23. Wenn er eine Extrarunde drehte, und die Lady für Trinkgeld offen war, kam er auf fünfunddreißig Piepen. Er war boshaft genug, die Siedlung in ihrer Armseligkeit vorzuführen.
Dr. Grimm hatte auch den Wohnort von Belle Blank gegoogelt. Südöstlich von Chemnitz, als Werksiedlung der MaschBau AG am Ende der Weltwirtschaftskrise entstanden, noch vor dem zweiten Weltkrieg fertiggestellt. Seltsamerweise blieb er vor den verheerenden Luftangriffen auf die Industriestadt verschont.
Schien keine gute Idee, den Kiefernweg dem Eberhof vorzuziehen. Alice Grimm wurde im 30er Tempo durch den Ort gekutscht. Immer die gleichen einstöckigen Hütten mit Schieferdach zogen an ihr vorbei, ehe der gnadenlose Mensch sie absetzte.
Nachdem sie 40,00 Euro gezahlt hatte, lud ein heiterer Mann ihren Rollkoffer aus. Weg war er. Da stand sie nun, vor der vereinbarten Zeit. Der nächste Zug nach Chemnitz wäre noch peinlicher gewesen. Niemals hätte sich Alice Grimm vorgestellt, dass in dieser grottenhässlichen Doppelhaushälfte eine Bestsellerautorin lebt.

Um Nummer 21 und 23 lief ein Zaun aus Metallstäben ohne Schnörkel und Witz. Die Gartentore waren zweiflügelig, damit ein Familienwagen übers Pflaster zur Garage fand. Hinter dem Zaun streckt sich Rasen bis zum Drainagekies am Fundament. Eine niedrige Buchsbaumhecke trennte die Grundstücke der Haushälften. Die Grauputz-Fassade präsentierte jeweils vier Fenster pro Etage und den rührenden Versuch, mit Kletterrosen am Spalier Schönheit in die Provinz zu tragen. Erste Blüten hatten sich geöffnet. Allein der Garagenanbau an der Giebelseite der Nummer 23 verriet Fantasie. Auf dem Rolltor prahlten wilde Grafitti.
Alice Grimm übte vorauseilend Demut. Ein Lächeln, drei Worte als Entschuldigung mussten genügen, um die Hausherrin mit dem verfrühten Besuch zu versöhnen. Die Wetterwolken hatten sich verzogen, warme Strahlen warfen kurze Schatten. Alice trat ans Gartentor und entdeckte das Klingelschild.
Nein. Das war doch kein guter Tag. Madame Blank wohnte hier nicht allein. In Messing graviert zwei Vor- und Nachnamen.

Anders Wandler/Isabelle Blankenburg

Schlagartig begriff Dr. Grimm das Dilemma. Der Kolumnist von GLOBUS AM SONNTAG, Chemnitzer Dokumentarist und jahrelanger Gast in diversen Talk Shows wollte sich nicht öffentlich zu einer Autorin bekennen, die früher in Kiosken neben Dosenbier, Boulevard-Blättern und Präservativen angeboten wurde, die, als die Paperback-Ausgaben den Markt überschwemmten, in Schmuddelecken von Buchhandlungen und Bibliotheken wie in Wühlkästen der Discounter landeten.
Wäre total egal, wenn sie, Dr. Alice Grimm Anders Wandler nicht persönlich begegnet wäre. Fast verdrängt, dass er unter anderem Namen in den Neunzigern in Leipzig Germanistik studierte. In der Seminargruppe riefen sie ihn Andy.
Nach dreißig Jahren ar ihm Alice bei Paul Lipperle im Studio 13 wieder begegnet. Thema des Abends: Jugend und Corona. Dr. Grimm warnte vor dem sozial-psychologischen Defizit ihrer Studierenden, wenn Wissen über Wochen und Monate nur online vermittelt wird. Keine Seminare mit Austausch von Argumenten zur Beweisführung, keine realen Begegnungen im offenen Raum, keine echten Kontroversen und Dispute, dem Treibstoff wissenschaftlicher Arbeit.
Wandler war in diesem Punkt auf ihrer Seite. Als alleinerziehender Vater von zwei Töchtern fühle er sich außer Stande, sie aufs Abitur vorzubereiten, obwohl er ein Diplom in Philosophie und Zertifikate zu postgradualen Ausbildungen erworben habe. Im Übrigen durfte er ohne Abstriche seinem Beruf als Publizist im Home Office nachgehen. Wie ginge das dann erst in bildungsferneren Schichten oder wenn Eltern nicht daheim arbeiten können? Können als Möglichkeit, nicht als Fähigkeit!

Ansonsten haute Wandler drauf, wo immer er eine Chance sah. Daran erkannte sie Andy in Anders wieder. Warum er seinen Nachnamen änderte, hatte auch Wikipedia nicht erklärt. Nach der Sendung kein Wort, dass sie eine gemeinsame Zeit in der Messestadt erlebten. Die zwei Jahre waren aufregender gewesen als die Dispute im Studio. Und das bedeutete im ersten Lockdown der deutschen Geschichte mehr, als den Nerven gut tat.
Zwei Jahre danach saß Dr. Grimm mit Wandler bei Maria Magdalena Kranzler im Kölner Studio. Corona galt nur noch als Randnotiz für nörgelnde Nostalgiker, aber wieder stand die Bildungsmisere im Land zur Debatte. Alice hing verlegen im Sessel neben ihm, beschloss, jede weitere Einladung eines Sender abzulehnen, sofern es nicht um ihr Fachgebiet, die schöngeistige Literatur ging. Als sie nach neunzig Minuten das Studio verließen, war sie unsicher, ob er sie anmachen wollte. Dann kam sie sich blöd vor. Wandler lud auch den Kollegen von Liberty.TV und diese Schuldirektorin aus Neuruppin zu einem Absacker ins Ganymed ein. Ähnliches versuchte er noch einmal, als sie im April bei Dorle Rosenzweig zu Buchvorstellungen eingeladen war. Nach der Gesprächsrunde wechselten sie vom Studio in Leipzig zu fünft in eine Hotel-Bar. Alice verabschiedete sich nach dem zweiten Drink.
Jetzt stand sie dumm da. Vielleicht war Isabelle Blankenburg Wandlers alte Tante, die Lebensgefährtin oder schlimmer noch: seine zweite Frau. Die erste könnte geschieden oder gestorben sein, wenn sich Anders Wandler als Alleinerziehender bezeichnete. Hoffentlich weilte er nicht daheim, zum Himmelfahrtstag halb elf in Neusprung. Wenn der Himmel ein Erbarmen hätte, ließe er Isa, die Belle der schöngeistigen Schmöker die Pforte öffnen.

Pech gehabt. Alice Grimm kam nicht dazu, die Klingel zu bedienen, als sich an der Giebelseite, dort, wo die Garage angebaut war, die Haustür öffnete. Hier eilte er schon auf sie zu, offensichtlich in Hausklamotten, einer schwarzen Cargohose, einem langarmiges Poloshirt von gleicher Farbe, ebenso die Laufschuhe. Seine Mähne, mit grauen Strähnen durchzogen, war wie bei einem Öko-Freak im Nacken gebunden. Wandler bewegte sich, als hätte er das Morgenjogging beendet und könne noch nicht stoppen.
„Drücken Sie die Klinke runter! Der Summer ist defekt.“
Schon war er bei ihr, streckte die Rechte vor und nahm ihr mit der Linken den Koffergriff aus der Hand.
„Ich grüße Sie, Alice. Treten Sie näher! Sie müssen von der Fahrt gestresst sein. Drei Stunden von Berlin über Chemnitz in unser Nest. Ich habe ein Frühstück vorbereitet. Kaffee kommt gleich.“
Er redete wie in einem Podcast, ohne Luft zu holen, überspielte Alice Grimms miserable Zeitplanung, seine Verlegenheit oder beides.

Dr. Grimm vergaß, Hallo zu sagen, motivierte sich selbst: Sei eine Frau mit Verstand, lass dich nicht auf Floskeln ein!
Sie folgte Wandler drei Stufen hoch ins Haus, ließ sich den Regenmantel abnehmen, ihre Ledertasche hielt sie fest. Der Garderobe gegenüber führte eine Treppe ins nächste Stockwerk. Wandler zog sie kurz davor am Ellbogen um die Ecke. Der Ausblick ließ Alice Grimm zögern. Ein Gang von mindestens 12 Metern, der mit zwei Türen links und einer rechts begann und in einem verwirrenden Einblick endete
„Linkerhand haben wir eine Gästetoilette. Falls Sie sich frisch machen wollen.“
Auf der Gegenseite, Tür zu, blieb ein schmaler Raum unkommentiert.
„Neben dem Gästebad geht es in unsere Miniküche.“
Hätte er nicht erklären müssen. Diese Tür stand offen.
Auf den nächsten acht Metern gab es nicht einmal Wände. Ein freigeistiger Innenarchitekt hatte diesen Teil vom Erdgeschoss entkernt. In Abständen waren Stützpfeiler übrig geblieben. Deckenlampen brauchte man tagsüber nicht. Regale ersetzten die Wände, über ihnen kam Licht von zwei Seiten
Sie standen rechterhand im Winkel, dazwischen ein Lesesessel, Lampe und Ablagetisch. Mehr ging nicht.
Nach ein paar Schritten, am Gangende, entdeckte Dr. Grimm in der Nische zum Fenster ein Ecksofa, zwischen einen Clubtisch mit Holzplatte, eine Areca-Palme .
Wandler gestattete Dr. Grimm keinen Blick zur Seite. Er schob seine Besucherin nach rechts zum Essbereich, zog einen Stuhl vor und Alice ließ sich nieder. Der Tisch war mit Köstlichkeiten überladen.
„Kaffee kommt gleich. Ohne Zucker, mit Hafermilch, wenn ich mich erinnere? Sie können sich später ein wenig im Haus umsehen. Falls Sie möchten. Sie sind seit langem der einzige Gast im Haus.“

Warum wohl? Schuld war die Existenz einer (Isa-)Belle Blank(enburg) und ihrer erotischen Unterhaltungsliteratur.
Jahrelang waren Alice und ihr Ex-Mann Gernot Amberg Einladungen in Häuser jeder Bauart gefolgt. Amberg hatte zum Thema Architektur und Design promoviert und machte als Professors für Kulturgeschichte Karriere. Gernot gab auch ungefragt seine Expertisen. Neben ihm hielt sich Alice mit Kommentaren stets zurück. Sie machte sich gern ihr eigenes Bild. Ihre Neugier brauchte ständig Nahrung. Es durften auch Überraschungen sein. Dieser Himmelfahrtsmorgen hatte schon die zweite bereit. Sie war überwältigt. Die Doppelhaushälfte von Wandler und Blankenburg offenbarte ein verwirrendes Innenleben.

Wie innen so außen und umgekehrt. Alice Grimm ließ den Gedanken reifen. Wer eine Armutsklitsche für sich, Frau und Kinder kaufte und daraus eine nonkonforme Wohnstätte machte, konnte kein schlechter Mensch sein. Vielleicht ein wenig neben der Spur, nicht wirklich eins mit der Welt. Aber wer mit Verstand war das schon?
Ihr stieg der Duft von Pastrami, Antipasti und Bäckerbrot in die Nase. Sie studierte die kleine Tafel und stutzte. Zwei Gedecke, zweimal Besteck, zwei Gläser zwischen Tassen und Salatschälchen. Eben kam Anders Wandler mit dem Kaffee.
„Und Ihre Frau?“, fragte Alice.
„Welche Frau?“, fragte Wandler.
„Isabelle – Belle Blank“, sagte die Besucherin. „Die Einladung kam von ihr.“
„Richtig“, bestätigte Wandler, setzte die Kanne nicht ab, sondern goss ungefragt die Tassen randvoll.
„Isabelle ist meine jüngere Schwester. Ohne sie hätte ich dieses Haus nicht erwerben und ausbauen können. Ohne sie wären ich und meine Töchter nicht durch die Jahre gekommen. Ich schulde ihr viel. Heute kann ich was gut machen. Belle hat mir aufgetragen, Sie herzlich um Verzeihung zu bitten und Sie so gut wie geht für die Verzögerung zu entschädigen. Gestern Abend rief sie an und jammerte, dass sie in Warschau den Flug verpasst habe. Das Ticket konnte sie auf Sonnabend umbuchen. Dresden-Klotzsche, näher als Berlin- Schönefeld.“
„Sie schrieb mir aus Riga“, meinte Alice, um irgendwas zu sagen, ohne unhöflich zu werden. „Die Post soll dort eine Katastrophe sein.“ Dümmer ging Small Talk nicht. Ihr Magen knurrte. Wandler hörte es und amüsierte sich. „Wir sollten was essen, danach mache ich Ihnen einen Vorschlag, den Sie nicht ablehnen werden.“
Er hielt ihr den Brotkorb entgegen und nahm sich selbst ein Roggenstück. Alice Grimm hatte früh auf Essen verzichtet. Ihr Magen war nicht bereit zu verzeihen. Nach einer halben Buttersemmel musste sie eine Pause einschieben, trank schluckweise vom Kaffee, griff nach einem leeren Glas und suchte nach einem frischen Getränk. Der Tisch war überladen, aber kein Saftkrug, kein Wasser dabei. Wandler fragte, ob sie Mango, Traube oder Grapefruit mag.
„Ich habe für meine Frauen einen diversen Vorrat auf Lager. Natürlich bei Obst, Gemüse, Fleischsorten und den üblichen Grundnahrungsmitteln, aber auch in Schuhgrößen, Kosmetika, Bücherkäufen und Musikprogrammen. Nur Sängerinnen mit Namen Helene und gekochten Fisch mag keine von ihnen.“
Wieder endlose Sätze ohne Satzzeichen. Der Entertainer privat. Ihm stand Verlegenheit ganz gut. Anders Wandler, der im Maßanzug einem Senator in Washington locker die Show stehlen konnte, zeigte vor der Kamera viele Gesichter, dieses war neu. Es belustigte Alice Grimm. Weil er fragte, versuchte sie, ihn in diesem Zustand zu halten. Sie log wie gedruckt.
„Morgens trinke ich ein Glas Tomatensaft mit Pfeffer, Salz und Zitrone, das hält mich bis zum Mittag munter.“
„Kein Ding, ich kann auch für Vampire.“
Schon spurtete er zur Küche, kam zurück und setzte grinsend ein blutrot schäumendes Etwas vor ihr ab. Sie nippte, dann trank sie. So frisch hatte sie sich lange nicht gefühlt. Sie danke und er konnte sein Grinsen kaum lassen. Er wusste, wie es ihn verjüngte. Wandler holte es ständig in den Talk Shows vor. Meist hatte er Gründe. Hier gab es nur Dr. Alice Grimm, der er etwas schuldig war. Oder seiner Schwester.

Nach dem Drink griff Alice zu den Antipasti. Dann zum Käse und nur nebenbei zu Bröckchen vom Brötchen. Jetzt nicht hinsehen. Sie ahnte, dass er seine Mundwinkel immer noch in die Breite und Höhe zog. Sie fragte mit vollem Mund, was er sich dabei gedacht habe, den Besuch nicht abzusagen.
Er konterte, dass sie auf den Kosten sitzen geblieben wäre. Er habe Isabelle versprochen auszuhelfen, das würde er tun. Sehr gerne. Immerhin waren sie, Alice und er einander nicht völlig fremd.
Das konnte vieles bedeuten. Mindestens die Studioaufenthalte, im weitesten Sinn auch die Leipziger Jahre.
Dr. Alice Grimm verhielt sich nicht nur wie eine Philologin und Wissenschaftlerin, ihr Naturtalent achtete auch auf Zwischentöne. Was wollte Wandler ihr sagen? Er war redselig wie ihre Studis, wenn sie auf diversen Semesterpartys bekifft über Klausurnoten diskutierten.

Dann kam sein Angebot. Nach dem Frühstück das Gepäck zum Eberhof bringen und Neusprung hinter sich lassen, um zum Gasthof Seenfrieden zu wandern, durch die grüne Lunge von Ruß-Chemnitz. Wenn sie Forelle nicht mochte, könne er Perlhuhn oder Lammsteak mit grünen Bohnenempfehlen. Die Speisekarte im Gasthof hatte es in sich. Fisch oder Fleisch, Vegetarisch oder Vegan, Frau Doktor Grimm sei herzlich eingeladen. Auch für den Rest des Tages ließe sich was Nettes finden. Und die Verlängerung der Übernachtungen müsse sie nicht finanzieren. Im Haus gäbe es ein Gästezimmer, nur wenig kleiner als die im Eberhof.
Alice Grimm bremste Wandler. Zwei Stunden an diesem Vormittag waren mit seiner Schwester vereinbart, sie habe noch eine Menge Arbeit in der Tasche und abends FaceTime-Gespräche zu führen. Belle Blank hatte die Termine verschoben, nun müsse sie ihre umdisponieren. Über die Idee mit dem Gästezimmer ließe sich reden, falls Dr. Grimm im Eberhof nicht verlängern kann.
„Disponieren Sie, liebe Frau Doktor“, spottete er, „aber bitte notieren Sie für morgen Vormittag statt des Interviews mit Belle vier Stunden Chemnitz. Haben Sie irgendwann mal vom Carlfriedrich-Claus-Archiv gehört? Sogar mit Presseausweis musste ich mich vor Wochen anmelden. Ich bürge dafür, das wird eine angemessene Entschädigung sein.“
Jetzt konnte sie den Kopf heben. Seine Stimme war wieder im Studio-Modus. Er hielt ihren Blick fest, lächelte mit Falten, die nur einem Mann zustanden. Er benahm sich, als wäre er Herr der Lage.
Alice Grimm wollte nicht laut werden. Sie fühlte sich zu alt dafür, nickte und begriff erst danach, dass sie mit ihm wandern gehen muss, um die Zeit tot zu schlagen, die Belle Blank ihr gestohlen hatte.

Vom Kiefernweg 23 bis zur Pension Eberhof brauchten Dr. Grimm und Anders Wandler keine fünf Minuten. Da hatten sie den Rand der Siedlung erreicht. Nach Osten streckte sich Weideland, nach Norden der Wald, gemischter Baumbestand, wie er im Ost- wie im West-Erzgebirge vorkam.
Mit Entsetzen stellte Alice fest, warum die Pension diesen Namen trug. Hinter dem ehemaligen Bauernhof befand sich ein eingehegtes, morastiges Gelände, das in den Mischwald führte. Im Gehege tummelten sich Wildschweinfamilien.
Der Geruch war erträglich, solange sich der Wind in westlicher Richtung hielt. Vor dem Haus parkten mehrere PKW und ein Lieferwagen mit dem Logo des Hauses.
Das so genannte Check in bestand darin, dass Dr. Alice Grimm aus Berlin den Schlüssel für ein Zimmer mit Waldblick und ein Faltblatt zu Wanderwegen übernahm sowie die Mahnung, dass sie mit Halbpension gebucht hätte. Frühstück von 8 bis 9, Abendbrot von 18 bis 19 Uhr. Der Speiseraum sei nicht zu verfehlen. Rechts zum Anbau. Plätze frei wählbar.
Misstrauisch betrachtete die Wirtin ihren neuen Gast. Anders Wandler wurde nebenbei gegrüßt. Als sie den Rollkoffer im Zimmer abgesetzt hatten, klärte er Alice auf. Nach zwölf Jahren in der Siedlung galt er immer noch als Fremdkörper, weder Fisch noch Fleisch, weil er seine Hütte nicht geerbt und auch noch umgebaut hatte. Im übrigen schienen Leute, die mit Politikern und Mediennutten Umgang pflegten, völlig suspekt.
„Jetzt grübelt die Eberhofer-Wirtin stundenlang, warum ich Sie nicht bei mir übernachten lasse. Sie sehen jünger aus als ich, eine schöne Frau, Hauptstädterin. Möglich, dass die Eberhofern Sie im Lesekreis bei Dorle Rosenzweig gesehen hat. Die Wirtin liest Bestsellerlisten hoch und runter, selbstverständlich auch Belle Blank, und redet mit mir nur wie mit einem Menschen, wenn wir uns in der Ortsbibliothek im Gemeindehaus treffen. Sie sagte mal, sie mag Anna Gavalda, Schätzing und Tellkamp. Krude Mischung. Als wir gestern beim Bäcker Mücke anstanden, fragte sie zum Mithören, wann Belles nächstes Buch erscheint. Sie glaubt, ich kenne mich in der schöngeistigen Literatur aus, weil ich bei der Rosenzweig eingeladen war. Hoppla, da hatten wir uns im April getroffen.“

Er war im Bilde. Anders Wandler hatte Heimvorteil und mehr. Er wusste, wer am Himmelfahrtstag morgens vor seiner Tür stehen würde, sie hatte bis halb elf keine Ahnung, was sie dahinter erwartete. Jetzt saß Alice in der Falle. Bis Sonntag. Denn auch wenn Belle Blank nach ihrer Heimkehr abends noch in der Lage war, sich auf die Fragen einer Fremden einzulassen, dürfte Dr. Grimm erst am Sonntag mit ernsthaften Antworten rechnen. Noch wollte sie nicht aufgeben. Wenn sie es schlau anstellte, könnte sie durch den Bruder mehr über die Autorin und ihr Leben erfahren, als es jemals irgendwem gelungen war.

Dr. Grimm ließ ihre Ledertasche nicht im Zimmer zurück, aber sie entlastete sie, trennte sich widerwillig von ihrem Laptop. Er war ihr Leben. Vielleicht auf die gleiche Weise, wie das Smartphone oder Tablett für ihre Studierenden unersetzlich schien.
Aber gut, dass sie auf Reisen zu Jeans immer Sneaker trug. Sie kam ohne Blasen an den Fersen durch den Steigerwald. Schattig, nicht kühl. Etwas steinig zwischen den Wurzeln und ein Duft von Blattwerk, Moos, Kiefernnadeln und Harz. Erst nach einem halben Kilometer fiel Alice auf, dass Wandler schwieg. Sie hielt mit Mühe Schritt. Er bemerkte, dass sie schwer atmete, entschuldigte sich. Abseits lag eine umgestürzte Kiefer, Wandler legte seine Jacke über den Stamm und ließ Alicce sich setzen. Dann rückte er neben sie.
Ihr Problem, wenn sie kribblig wurde. Also schwafelte sie was vom gesunder Luft und dass sie einen Sauerstoffrausch befürchtet. Als er nach ihren Urlaubsgewohnheiten fragte, listete sie die letzten Sommer auf, Jahre, in denen ihr Ex-Mann Gernot Amberg nicht mehr dominierte.
Unterm Strich standen im ersten Corona-Jahr zehn Tage zwischen den Lockdowns auf Hiddensee mit Freundin, in den folgenden Sommerferien zwei Wochen Retreat im Kloster Marienstern, zuletzt mehrmals bei Bekannten in einer Hütte im Erzgebirge. Dort ging der Jahresurlaub drauf, ihre Habilschrift zu konzipieren und Projektanträge zu schreiben. Die Anträge waren bewilligt worden und sie musste liefern.
„Sie ahnen nicht, wie viel Zeit und Kraft das frisst“, klagte sie.
„Ich ahne nicht, ich weiß. Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren Freiberufler, schlage mich durch einen Medien-Dschungel, der jeden Romantiker verschlingt. Da lebt eine Frau wie Sie im Windschatten der Universitätsgebäude bedeutend leichter. Vergessen Sie die Uni, genießen Sie jede freie Stunde, Alice! Wir werden nicht mehr jünger als heute.“
Anders Wandler hatte Recht, sogar dann, wenn er von sich selber sprach. Alice musste das nur noch ihrer Freundin Gabriele erklären, die morgen Abend in Freiberg auf sie wartete.

Die gegrillte Forelle war ein Poem in Dill, das Kartoffelpüree mit Sahne verfeinert, als Beilage erster Spargel. Der Gasthof Seenfrieden lag am Schachtsee. Ein profaner Name für ein tiefsinniges Gewässer. Himmelblau mitten im Mischwald an diesem späten Mittag. Irgendwo hinter den Buchen, Birken, Fichten begann das Gebirge mit seinen ausgeplünderten und wieder zugeschütteten Erz-Gruben. Seit hundert Jahren hatte sich die Natur ihre Rechte zurückgeholt.
Auf dem Heimweg zeigte Wandler Erbarmen. Er entschied sich Alice zu Liebe für den Bus. Die Linie R464 führte durch den Steigerwald über Neusprung bis Chemnitz und hielt zuvor am Eberhof.
Dr. Alice Grimm täuschte Arbeit vor, fiel dann auf ihr Bett und kam erst wieder hoch, als ihr Handy klingelte. Amberg.
Sie nahm trotzdem an. Und bereute. Er hatte noch zwei Monate am Institut und Panik vor seiner Pensionierung. In Passau geboren, in Passau studiert, in München promoviert und die Gunst der Stunde genutzt. Im Osten waren die Kulturwissenschaftler in Ungnade gefallen, suspekte Gestalten, weil irgendwann in ihrer Kindheit oder Jugend mit Rotlicht bestrahlt. Im Westen besaß man seit Generationen Erfahrungen mit Umerziehungsprogrammen. Gernot Ambergs Doktorvater empfahl ihn nach Leipzig, Amberg bewarb sich bald darauf in Berlin. Da war er dann, da blieb er auch. Sechsundzwanzig Jahre lang. Dreiundzwanzig davon hatte Alice mitgemacht, so gut es ging, bis nichts mehr ging.
Bei ihm ging alles weiter wie bisher. Seine Forschungsreisen in alle Welt, auch früher schon meist ohne sie. Seine Bettgeschichten, immer seltener mit ihr, seine Karriere. Er wollte sich nicht scheiden lassen, Gernot war katholisch. Das bedeutete nichts. Sie war Atheistin, sie hatten sich standesamtlich getraut. Aber sie hielt sein Leben zusammen. Und irgendwann musste sie sich eingestehen, dass dieses Leben weder Fisch noch Fleisch war, ein einziger fauler Kompromiss, ihrer Feigheit geschuldet. Sie hatte Angst vor dem Alleinsein und musste lernen, dass sie neben ihrem Ehemann elend vereinsamte, mitten unter Leuten, die Gernot für einen geselligen Menschen hielten. Als sie ging, wollte er nicht loslassen. Aller Wochen bekam Gernot einen Rückfall. Die Abstände wurden länger. Er schien endlich zu begreifen, dass ihm keine Frau mehr traute. Keine die bei Verstand war.

Alice leistete sich Mitgefühl, aber erst nach einer Therapie und nur auf Distanz. Dann wieder überfiel sie eine Mordlust, die nur an der Ausführung scheiterte, weil sie weder Kätzchen noch Kater ersäufen konnte, ihr schon bei wenigen Blutstropfen übel wurde und sie in TV-Serien dringend aufs Klo musste, wenn jemand ein Messer zog. Nur lesen konnte sie hemmungslos, wie er und was gemeuchelt und gemordet wurde. Gernot hatte sich darüber lustig gemacht, er schenkte ihr mit und ohne Anlass Taschenbuch-Krimis, die er selber nie las. Nach zwanzig Jahren Ehe träume sie, wie sie ihrem Mann das Lebenslicht ausblasen würde. Zum Glück war ihm der Spott abhanden gekommen, mit ihm die letzte Form von Zuneigung. Die mörderischen Träume wandelten sich tagsüber in immer größere Distanz.

Nachdem Alice in eine Zweiraum-Wohnung nach Berlin-Lichtenberg gezogen war, ihren Geburtsnamen wieder annahm, eine Analytikerin fand, kam sie mit Gernots Telefon-Lamento klar. An diesem Himmelfahrtstag war sie zu müde für Höflichkeiten. Außerdem wusste Gabriele noch nicht, dass sich die Ferienpläne verschieben würden. Alice machte ihrem Exmann eine ordinäre Ansage über rückwärtige Körperteile und brach das Gespräch ab, um ihre Freundin Gabriele von der Notwendigkeit einer Planänderung zu überzeugen. Und sich noch ein wenig mit Belle Blank zu beschäftigen.

Belle Blank; Mut des Herzens

Band 9: Gefahr aus dem Dunkeln

Jessy stand im Bad, halbnackt, damit keine Spritzer vom Bleichmittel auf ihre Klamotten tropften. Fans hatten auf Insta hässliche Kommentare hinterlassen, weil sie sich die Haare entfärbte. Jede Menge People of Colour darunter. Sie war eine von ihnen, wie konnte sie nur! Blondie mit einer Haut wie Josephine Baker. Ging gar nicht. The People hatten keinen Humor! Jessica blieb dabei. Aller drei Wochen wurde gefaket.
Heute Abend letzte Probe vor dem Sommerevent im Rockhouse Köln. Morgen on the Road again.
In der Küche klingelte ihr Handy: People have the Power. Keine Hand frei. Sie spülte nach Vorschrift fünf Minuten mit lauwarmem Wasser, trocknete ihren gebleichten Vanille-Kopf mit einem Top, um es hinterher in den Müll zu werfen. Immer noch Reste von Chemie dran. Die Kopfkrause musste lüften. Sie setzte sich dazu in die von der Sonne aufheizte Küche.
Nessa hatte nicht abgewaschen. Jessy versöhnte sich sofort wieder, weil ihre Mitbewohnerin ihr in der Thermoskanne Kaffee übrig gelassen hatte. Wie Jessy, jobbte Nessa im Tortillio, mit dem Unterschied, dass sie dort vollzeit angestellt war. Nessa war angeborenes Reichsblond, aber früher mal Antifa gewesen, bis ihr die Mitkämpfer:innen zu radikal wurden. Nessa war jetzt mit Thimo zusammen, Thimo war bei den Grünen aktiv. Nichts für Jessy. Jessy, die bereits mit zehn auf der Harley Benton ihres Vaters spielte, weil beide Linkshänder sind, war weder für eine Beziehung, noch für Politik. Sie war für Kunst und Musik. Jede Art von Musik. Seit sie drei war. Oder vier. Die erste eigene Gitarre erhielt sie mit sechs, Klavierunterricht ab neun.
Ihr erstes Mal hatte sie mit ihrem Lehrer für Drucktechniken an der Berliner Kunsthochschule, ihr letztes Mal mit Nerdy, dem Drohnenspezialist im SK 7. Schon zwei Monate her. Er sagte, er sei nicht auf eine feste Bindung aus, obwohl er sich seit dem Konzert von Patti Smith mehrmals gemeldet hatte.
My Lord! Wenn Nerdy seine Drohnen steuerte, wie er Jessy bediente, musste er der Profi Nummer 1 sein. Er war nicht schüchtern. Nicht im Bett. Ansonsten eher schweigsam. Die Narben an seinem Körper taten ihr weh. Was hatte Nerdy durchgemacht, als man ihn so verletzte? Er war gar nicht ihr Typ. Und ob sie sein Typ war, stand in den Sternen. Gab es auf seiner Uniform so was wie Sterne? Sie kannte ihn nur in Zivil.

Zugabe! Patti, die Schmitten, Grandmother of Rock´n Roll, kam zum Ende, Jessi und ihre Band hockten noch in den Bänken der Parkbühne, ein Joint wurde herum gereicht. Hinter ihr hatten Typen gesessen, die den Klamotten nach eher zur rechten Szene gehörten. Einer blieb zurück. Nachdem der Joint geraucht war, die Menge sich verkrümelte, ließ sich auch Jessy mit den Mädels zum Ausgang schieben und verabschiedete sich von ihnen. Sie war die Einzige, die mit dem M49er Bus fahren musste. Die Haltestelle befand sich unweit vom Olympiastadion.
Pech gehabt. Hooligans an der Straße, obwohl kein Spiel gelaufen war. Sie wagte sich nicht über die Straße. Die Kerle hatten sie gesehen, grölten, liefen los zum Niggerklatschen.

Wenn Nerdy nicht gewesen wäre. Ein Deutscher, wie er vor beinahe hundert Jahren vom Rassen-Günther beschrieben wurde. Blauäugig, blond, etwa 1,85 Meter groß, körperlich ein Adonis im Dauertraining. Er hielt die rechten Schweine mit einem Messer in Schach.
„Ruf die Bullen an!“, rief er ihr zu. Was sie natürlich nicht tat. Man wusste nie. War wie Lotto spielen, wer da kam. Aber die Assis mit dem verbotenen Zeichen auf den Bomberjacken hatten schon die Fliege gemacht. Jessica bedankte sich misstrauisch.
Er beruhigte sie.
„Leander Nordmann. Meine Freunde sagen Nördy oder Nerdy. Ich habe hinter euch gesessen und gehört, dass ihr Punkrock spieltt. Keine Bange, ich wollte nur wissen, wie eure Band heißt.“
„Rat Cats“, platzte sie raus. „Wir sind keine Profis, wir studieren an der HfGB und treten nur hin und wieder auf. Und was machst du so? Messer werfen gegen Nazis?“
Er lachte. „Mir egal, wie die heißen. Wenn jemand nachts Frauen jagt, bin ich vorbereitet. Ich darf das. Normalerweise trage ich besseres Werkzeug bei mir.“
Sie durfte lange rätseln, was er damit meinte.
„Die Typen sind nur neidisch auf deine Figur. Du könntest modeln wie Edy Sedgwick, die berühmte Miss Lonely. Kennst du den Text von Dylan? Du hast alle Titel bei Patti Smith mitgesungen. Du kannst das gut.“
Er hatte es geschafft. Jessy lachte wieder.
„The Rolling Stone war der Song meines Vaters“, sagte sie. „Er war der echte Blondie, meine Mom ist ein echtes Brownie, in Berlin geboren. Mein Song ist Baby Blue.“
Erst am Morgen, in ihrem Bett, beantwortete er ein paar ihrer Fragen. Nicht alle. Bei ihrem dritten Date versprach er ihr, sie mit seinem Commander bekannt zu machen. Wäre wie ein Vater, nur ehrlicher. Sagte Nördy, der Nerd. Das klang, als wolle er ernst machen.
„Mag er Brownies?“, lachte sie. „Sag ihm, er soll sich selber welche backen. Ich gehöre zu dir.“

Jessy hatte ihr Diplom vor der Nase, eine Heidenarbeit mit einer Installation am Hamburger Platz. Natürlich mit Sound und Performance zur Eröffnung. Nerdy wollte kommen. Kam Tage zu spät. Jessy war nicht sauer, sie war enttäuscht. Sie schluckte auch das. Und nun den lauwarmen Kaffee.
Ihr Handy lag neben der Kanne. Ein verpasster Anruf, Nerdys Nummer.
Holy Shit hoch drei. My Lord, give peace a chance! Sie wählte seine Nummer. Die Box.

„Tut mir leid, dass wir uns verpasst haben. Wo steckst du? Nicht schon wieder! Deine Geheimniskrämerei geht mir auf den Sack. Pardon, das mit dem Sack steht nur dir zu. Ich brauche dich heute. Morgen Abend gehen wir auf Tour. Dann sind es nochmal drei Wochen, dass wir keinen Sex hatten. Wie machst du das bloß? Im Ernst. Ich vermisse dich, aber schick mir kein Selfie von deinem kleinen Prinzen. Dann lieber Call me Babe, I´m hot.“

Alice ließ das mit dem Eselsohr. Band 9 bediente sich reichlich am Jargon der Langzeit-Pubertierenden. Hatte sie von ihren Studis so gehört. In deren Ohren klang das nicht einmal wie Softporno. Alice Grimm konnte sich gut erinnern, was ihre Mitschüler und Kommilitonen in den End-80ern dazu gesagt hätten, aber nie geschrieben und nur im Vollrausch laut.
Sie könnte den Generationen-Vergleich zum Thema machen, wenn sie wüsste, wann Isabelle Blank zur Welt kam. Ihr Geburtsjahr war in keiner Angabe zur Person erwähnt worden.