HASSEN LIEBEN STERBEN

Die Fälle von Kriminalkommissarin Gitta Jagoda taugen weder als Reiseführer noch als Dokumentation, sie sind fiktive Geschichten im Umfeld von Verbrechen und deren Aufklärung. Sie leihen sich konkrete Orte und Zeitereignisse für ihre eigene Wirklichkeit. Dafür halten sie sich an Psychologie und Strukturen einer realen Gesellschaft. Übereinstimmungen, auch Ähnlichkeiten mit existierenden Personen, ihren Namen und Handlungen, sind Zufall und zu keiner Zeit beabsichtigt.

VIT

LESEPROBE

1 Tatort Hinterhof

Die kleine Leiche befand sich zwischen einem Motorrad, das unter einer Plane verrottete, und einem Škoda mit platten Hinterreifen. Sie lag auf dem Rücken, trug eine dunkelgrüne Hose unter dem geblümten Kleid. Ein Anblick, der befremdete. Die letzten Tage und Nächte waren unerträglich heiß gewesen.
Nach elf Minuten hatten sie den Dammweg erreicht, da beschwerte sich Polizeianwärter Joannes Brambacher.
„Was heißt hier Bahnhofsviertel? Ich sehe nirgendwo Gleise.“
„Beobachte, bevor du redest!“, belehrte ihn Kommissarin Jagoda. „Was meinst du, warum diese Nebenstraße Dammweg heißt? Steig aus und warte ein paar Minuten, dann dröhnen dir die Ohren! Links von uns, auf dem überwucherten Hang zieht sich der unsanierte Teil der S-Bahn-Strecke Schöna-Meißen. Sie kommt aus der Sächsischen Schweiz über den Hauptbahnhof und führt über den Neustädter Bahnhof elbabwärts bis ins Triebischtal. Der Neustädter liegt hinter diesen Häusern. Noch Fragen? Konzentriere dich! Paar Meter um die Ecke und wir sind am Tatort.“
Mehr Ortseinweisung ging nicht. Brambacher war mit der Antwort unzufrieden. Er konnte es nicht lassen.
„Komische Gegend für einen Bahnhof. Keine Junkies, keine Dealer.“
Komisch war ein anderes Wort für źiwne, das hieß in seiner Lausitzer Geburtsstadt seltsam. Seltsam war der Planet, auf dem er sich nicht auskannte. Er hatte sich einfach falsche Vorstellungen gemacht. Bahnhof in der Neustadt musste dreckig und verworfen sein. Klar, dass sich ein Bautzener keinen Reim auf diesen Tatort machen konnte.
Johannes Brambacher war vor einigen Wochen probeweise in die Mord 2 übernommen worden. Nachdem die Funkzentrale eine 107 im Bahnhofsviertel, das hieß einen Leichenfund weiter gab, bekam Kommissarin Gitta Jagoda von ihrem Teamleiter Morell die Stadtortdaten. Sie nahm die kürzeste Strecke vom Präsidium in der Schießgasse über den Albertplatz, setzte erst hier das Blaulicht aufs Dach, um ihr fragwürdiges Wendemanöver mitten auf der Königsbrücker zu rechtfertigen. Sie waren zur Lossnitzer Straße Nummer 4 gerufen worden, aber Jagoda bog in die Scheunenstraße ein und parkte um die Ecke, am Dammweg. Nebenstraßen waren verkehrstechnisch unverfänglicher als die Lossnitzer. Was Brambacher nicht wissen konnte. Nichtwissen hinderte ihn nicht daran, über Jagodas Fahrweise zu meckern. Sie war pappe satt. Man hatte sie zu einer 107 geschickt, nicht auf eine Sightseeingtour.
„Melde eine 04 und folge mir!“, befahl sie und stieg vor Brambacher aus dem Wagen. Für Leute am Fußweg ein weiblicher Bulle in Zivil. Mitte Dreißig und einen Kopf kleiner als der junge Kollege hinter ihr. Die Schultern schmal, die Haare bis zum Kinn und oben borstig, als würde sie sie morgens vergeblich striegeln. Weder blond noch braun und so unauffällig wie ihr Profil. Aus einem nur ihr bekannten Grund blickte sie meist überall und nirgends hin. Der Praktikant wäre nicht im Stande zu sagen, welche Farbe ihre Augen hatten.
Vor Jahren wäre Kommissarin Gitta Jagoda an diesem seltsamen Ort zu einem weniger blutigen Heimspiel angetreten. Damals arbeitete sie im Revier Nord. Das war nicht der einzige Grund, warum sie nun sofort aufs Tuchfühlung ging. Bis Ende der Achtziger stand ihre Großmutter eine Ecke weiter in der Königsbrücker am Schalter des Hauptpostamtes. Oma wohnte in der Katherinenstraße, für müde Füße ein entspannter Heimweg, auch nur 500 Metern von Gitta und ihrer Mutter entfernt, die auf der oberen Königsbrücker eine Zwei-Zimmer-Wohnung belagerten. Die Königsbrücker Straße trennte hier das Bahnhofs- und das Hechtviertel von der Äußeren Neustadt, teilte weiter nördlich die Albertstadt vom Provianthof ab, eilte weiter am Industriegelände vorbei bis Hellerau, als wolle sie dem Morgenverkehr entfliehen, und führte nach 6 Kilometern als Königsbrücker Landstraße hinaus aus der Stadt. Vor allem am Anfang des langen Elends, kurz nach dem Albertplatz, wo sich der Verkehr am dichtesten staute, mussten Menschen wie Häuser vom Morgen bis in die Nacht den Geruch nach heißem Blech und Abgasen ertragen.
Gitta und ihre Girls-Gang hausten in Gründerzeitblocks der Äußeren Neustadt. Die 15. Grundschule lag mittendrin. Als sie ins Gymnasium kam, war die Großmutter gestorben und Gittas Mutter hatte die Tochter der Fürsorge ihrer älteren Schwester Louise überlassen. Tante Louise, auch Lou oder Loulou genannt. wohnte wiederum seit den Achtzigern auf den Bischofsweg, am Alaunpark. Heute noch gehörten alle diese Straßenzüge ins Revier Nord.

Die Stadt, die man auch Elbflorenz nannte, posaunte von Loschwitz bis zum Bellevue, von Blasewitz bis zur Südvorstadt ihre Eitelkeiten in die Welt, im Revier Nord musste man lange danach suchen, denn es besaß weder eine vergoldete Vergangenheit, noch gab es jemals Versprechen auf die Zukunft ab. Kommissarin Jagoda wunderte sich nicht, dass sich im Bahnhofsviertel so wenig verändert hatte. Sie bog am Schwarzen Kater in die Lossnitzer ein, ohne sich nach ihrem Begleiter umzusehen. Von links wie rechts glotzten blinde Fenster in den Morgen. Sie waren zur Nummer 4 bestellt, die Haustür befand sich hinten im Hof. Jagoda musste einen Durchgang zwischen den Häusern benutzen, stolperte fast über einen Karton mit leeren Flaschen.
Erreichte man den rückwärtigen Teil der Straße, duckte sich neben der Haustür der Nummer 4 links ein flaches Seitengebäude mit Supermarkt in den Hof. Jagoda stand mitten in einem Geviert von Häuserblocks, konzentrierte sich auf ihren inneren Stadtplan, sah dort, dass hinter ihr die Lossnitzer, rechts den Dammweg liegen müssten, während sich auf größere Distanz hinter dem Seitenflügel das Gebäude der Hauptpost lang streckte. Dann müsste sich vor ihr, nach Süden ausgerichtet, als Abschluss des Karrees die Rückansicht des stillgelegten Heizhauses befinden. Kaum zu erklären, warum ausgerechnet im Innenhof der Lossnitzer ein kleiner Supermarkt existierte. Plötzlich fiel es Gitta wieder ein. Dieser flache Betonbau wurde zu Omas Zeiten als Kantine und Betriebsladen der Hauptpost genutzt, nun also als Minimarkt einer großen Discounterkette.
Jagoda fand noch eine Erklärung. Das Viertel hatte, bis auf den Supermarkt am Neustädter Bahnhof keinen einzigen Lebensmittelladen für seine Bewohner. Zu dem auf der oberen Königsbrücker müssten sie ihren Kietz verlassen. Und das war eine Zumutung. So abgefuckt dieser Stadtteil zu sein schien, die Leute mochten ihn.
Reihum waren die Häuser teilsaniert und Mietwohnungen billig. Während im Hofgeviert neben einer Pappelreihe Müllcontainer vor sich hin stanken, war vor dem Markt ein bescheidener Parkplatz betoniert worden. Nach Osten boten die Rückseiten der Gründerzeithäuser Lossnitzer Straße und Dammweg einen tristen Anblick. Sie zeigten ihre Abkehr von der Welt mit herunter gelassenen Hosen, darunter aschgrauer Fassadenputz. Auf den Balkonen Geranienkästen, Tonkrüge, Klappstühle, Wäschetrockner und anderer Krempel.
An diesem Augustmorgen bevölkerte viel mürrisches Publikum die Fenstergalerien und Aussichtsplattformen. Die Neugier der Anwohner hing wie Mundgeruch in der Morgenluft.

Streifenpolizisten vom Revier Nord hatten im hinteren Teil des Parkplatzes weiß-rote Absperrbänder gezogen. Kriminalkommissarin Jagoda ging auf die Uniformierten zu. Als Ersten begrüßte sie den Polizeiobermeister Horst Weigelt, dann ein Händedruck für seine Kollegen. Gerne hätte sie ein paar Worte mit ihren Ehemaligen gewechselt, aber Dr. Katz winkte heftig. Niemand ließ eine Pathologin warten, auch Weigelt nicht. Er folgte der Kommissarin mit schlaffen Schultern. Er hatte schon gesehen, was Jagoda erst zur Kenntnis nehmen musste.

Die kleine Leiche befand sich zwischen einem Motorrad, das unter einer Plane verrottete, und einem Škoda mit platten Hinterreifen. Sie lag auf dem Rücken, trug eine dunkelgrüne Hose unter dem geblümten Kleid. Ein Anblick, der befremdete. Die letzten Tage und Nächte waren unerträglich heiß gewesen. Auch die fein gestrickte Wollmütze auf dem Kopf und die Strickjacke passten nicht in diesen überhitzten August. An den Füßen steckten abgestoßene Stoffschuhe. Hand- und Fußgelenke waren kindlich zart. In der Rechten hielt das Mädchen einen Plaste-Beutel mit Fladenbrot, Tomaten und Käse fest. Die Linke war auf den blutbefleckten Bauch gepresst.
„Warum hat man sie nicht früher entdeckt?“, begann Weigelt. Es sollte kein Fragesatz werden. Der Polizeiobermeister war seit 30 Jahren im Dienst und fragte nicht mehr, ergänzte nun ebenso fraglos: „Der Supermarkt hat bis zweiundzwanzig Uhr geöffnet. Scheint so, als wäre sie kurz vor Ladenschluss zum Einkauf geschickt worden.“
Johannes Brambacher trat einen Schritt rückwärts, als er die Tote sah. „Man müsste Leute einsperren, die ihre Kinder nachts herumlaufen lassen.“
„Sie ist kein Kind mehr“, belehrte Jagoda den Praktikanten. „Rumänin, Albanerin, Türkin oder was weiß ich“, überlegte sie laut. Die Kommissarin wollte die Meinung der Pathologin hören.
„Was meinst du, Jana, wie alt ist die Kleine?“
Dr. Katz seufzte. „Schlecht zu schätzen. Etwas zarter als der hiesige Teenager-Durchschnitt. Ich vermute, zwischen vierzehn und sechzehn. Sie liegt seit etwa zehn, elf Stunden hier.“
Jana Katz hob die Linke des Mädchens an, um Kommissarin Jagoda die Verletzungen zu zeigen.
„Zwei Einstiche, daumenbreit, mit langer Klinge; einer unterhalb des letzten Rippenbogens. Intraabdominale Blutungen. Möglicherweise wäre das Mädchen zu retten gewesen. Mehr kann ich jetzt nicht sagen.“
Gitta Jagoda schaute Dr. Katz an. Wenn sie endlich mal lernte, sich zusammenreißen, würde sie die gleiche Mimik beherrschen.
Janas strenge Züge zeigten keine Emotionen. Ihr Ton hatte nichts mit der Morgenstunde zu tun. Dr. Jana Katz fühlte sich beschissen. Tötungsdelikte an Kindern und Jugendlichen machten sie wütend. Wut war keine wissenschaftliche Disziplin.

Die Pathologin erhob sich, streifte ihre Latex-Handschuhe ab und strich sich die blondierten Strähnen aus der Stirn.
„Vorläufiger Bericht nicht vor vierzehn Uhr. Transport ist bestellt. Ich muss los.“
Als sie sich umdrehte, lief sie Hauptkommissar Helbig von der KTU in die Arme. Der wechselte seine Gesichtsfarbe, auf eine Weise, wie es nur Weißblonden zu erröten gelingt. Gitta lächelte über die beiden. Dann besann sie sich auf das tote Mädchen. „Zeugen?“ fragte sie den Polizeihauptmeister.
Weigelt wies auf die Rückseite von Haus 2. Auch hier Neugierige auf dem Balkon oder am Fenster. Der Mord hatte sich herumgesprochen.

„Erster Stock rechts. Siehst du die Frau, die raucht?“ fragte er. „Isa Ruppert, 38, Köchin. Sie rief gegen sieben an. Wir haben sie gebeten, in ihrer Wohnung zu warten. Du wirst sie selber sprechen wollen. Die anderen Mieter können wir nach und nach übernehmen. Du weißt, wir sind seit den letzten Etatstreichungen unterbesetzt und haben noch einen Bruch an der Katharinen-, Ecke Alaunstraße.“
Gitta Jagoda brauchte keine Rechtfertigungen. So war sie nicht.
„Danke dir, Horst! Bitte, nimm unseren Praktikanten mit! Ihr kümmert euch um die Befragung in den Vorderhäusern. Ich muss mit Helbig reden. Mit der Anruferin rede ich später, danach ist der Supermarkt dran.“
Dr. Katz war verschwunden, aber Helbig von der Kriminaltechnik stand immer noch am selben Fleck. „Tach Henning! Warum bist du so spät dran?“
Der große, stämmige Mann erblasste. „Frag das die Telefonzentrale! Die hat uns als Letzte informiert. Anfänger sind eine Katastrophe in unserem Job. Auch uns fehlt Nachwuchs. Ich habe heute drei Leute für die gesamte Spurensicherung.“
Er beachtete Brambacher mit keinem Blick.
„Tut mir leid für euch“, meinte Gitta. Sie war froh, dass ein erfahrener Kollege wie Horst Weigelt den Platz gesichert hatte. Sie war froh, dass Helbig übernahm, froh, nicht allein zu sein mit der kleinen Toten in der verdreckten Ecke und den Gaffern im Rücken.
Gitta Jagoda würde nie verstehen, warum mit Tätern ein perverser Heldenkult getrieben wurde, die Opfer dagegen nur Objekt der Neugier waren. Sie hatte oft erlebt, wie das Leben wirklich spielt. Es waren die Ermordeten, die eine unvergessliche Geschichte erzählten, die Mörder jedoch waren einander beängstigend ähnlich. Das Beste, das sie jetzt tun konnte, bestand darin, die Presse und andere Aasgeier vorerst fern zu halten.

Seit Januar diesen Jahres fand der Wochen-Rapport im Dezernat 1 erst jeden Dienstag statt, angeblich, weil die Mitarbeiter Gelegenheit haben sollten, sich montags schriftlich darauf vorzubereiten. Genau so gut konnte man glauben, dass Kriminalrat Albert Hohenkampf Zeit für die Einsicht in laufende Berichte gewinnen wollte. Denn das Wochenende widmete er seiner Familie.
Dieses Meeting hatte länger gedauert. Die Kriminalisten verteilten sich eben auf ihre Zimmer, als Gitta Jagoda den Fahrstuhl verließ. Hauptkommissar Morell, ihr Teamleiter kam auf sie zu. Zehn Jahre älter als die Kommissarin, offensichtlich mehr nach seinem Südtiroler Vater als seiner norddeutschen Mutter geraten. Sein Hochdeutsch pflegte er wie sein Äußeres mit exquisitem Akzent.
„Gut, dass du zurück bist“, sagte er. „Ich musste dich allein losschicken. Die SOKO Krobatsch steht auf Abruf und Hohenkampf wollte mich nach dem Meeting unter vier Augen sprechen. Jetzt brauche ich dringend eine Pause zum Nachdenken. Kannst du mir ein paar Unterlagen aus der WiKo holen?“
Viel zu viele Sätze. Ihr Teamleiter war weisungsberechtigt. Er verteilte ungern Druck von oben nach unten, er mochte die samtige Tour.

Der Fall Krobatsch ging in die zweite Woche. Er kam ohne das Dezernat 3 nicht aus. Jonas Krobatsch zählte zu den umsatzstärksten Unternehmern im Mittelstand Sachsens und war Landtagsabgeordneter der Liberalen. Sein Fall stand inzwischen unter Beobachtung des LKA. Mordversuch, als Selbstmord inszeniert. Das Opfer lag seit Tagen im künstlichen Koma.
Kriminalrat Albert Hohenkampf, zuständig für das Dezernat 1, Leib und Leben, arbeitete seit dem Frühjahr mit wechselnden Personalkonzepten. Jede Woche entschied er neu, wer zu welchem Fall hinzu kam oder wer wohin abgezogen wurde. Jaro Morell, Teamleiter der Mord 2, hatte an diesem Morgen keine Wahl. Er musste Kommissarin Jagoda ohne ihren Partner Fix Brauhaus ins Bahnhofsviertel schicken. Der Praktikant war entbehrlicher gewesen. Das sah Gitta nicht anders. Dennoch ärgerte sie sich über Jaro. Erst sollte sie die Babysitterin, dann Lückenbüßerin und nun sogar Hauspost spielen. Wäre nicht so demütigend, wenn er nach dem neuen Fall gefragt hätte. Noch mehr störte Gitta, dass er sich davor drückte, selber in den zweiten Stock zu fahren. Die WiKo, kurz für Wirtschaft und Vermögen, war diesmal enger mit dem Dezernat 1 verbunden, als Jaro Morell recht sein konnte. Er kam mit dem Leiter des Dezernats 3 nicht klar. Sie waren einander ziemlich ähnlich. Mittelgroßer, brünetter Typ, überdurchschnittlicher IQ und leicht übertrainiert. Gewissenhaft, fast pedantisch, dennoch überraschend in ihren Entscheidungen. Einen Unterschied gab es. Morell war ein Eigenbrötler und frisch geschieden, der Leiter der WiKo hatte vier Kinder und verbreitete die Aura eines Übervaters.
Der einzige Grund, warum Gitta den Auftrag ihres Teamleiters ohne Widerspruch annahm, hieß Nicole Brettel. Ihre beste Freundin saß im Vorzimmer des Dezernats 3. Sie arbeitete doppelt solange wie Gitta im Haus, brühte regelmäßig einen Tee für ihre Freundin, lieferte gerne einen beruflichen Rat, ein Mut machendes Wort. Im stillen hielt Nicki sich selbst für feige, weil sie Innendienst gewählt hatte.
Die Akte Sievert AG lag bei ihr. Nicole wühlte sich durch die Papierberge, auf ihrem Schreibtisch. Sie fragte Gitta, was los sei.
„Morgens halb acht im Bahnhofsviertel“, antwortete Gitta bedrückt. „Der Schwarze Kater macht erst mittags auf, sonst hätte ich mir einen Whiskey geholt.“
Ein Blick zur Seite, während Nicki mit ihren langen Fingern auf der Tastatur herum hackte. „Du siehst auch ohne beschissen aus.“
„Danke für die Blumen. Ich musste eine Mädchenleiche bergen lassen. Die Jungs hatten dafür keine Zeit. Rapport bei Kriminalrat Krampf. Ihr habt die Datenbank nicht aktualisiert. Ich brauche eure Sievert-Akte für Jaro.“
„Was heißt IHR?“, entgegnete Nicole. „Drammer ist dafür zuständig. Sei doch froh, dass du mal einen eigenen Fall hast!“ Sie schielte nach der Tür zum Zimmer des Chefs, drehte sich endlich ihrer Freundin zu.
Gitta schüttelte den Kopf. „Froh sein über eine Tote, die noch nicht lange genug gelebt hat, um eine Frau zu werden, einen Beruf zu wählen, zu heiraten, Kinder zu bekommen oder Karriere zu machen.“
Warum verstanden die Leute im Haus nicht die von der Mordkommission? Eine Ausnahme war das D 4, Personenfahndung, die wühlte im selben Elend.
Nicole erhob sich, griff aus einem Postfach eine dick gefüllte Mappe.
„Mehr kann ich leider nicht für dich tun. Hier brennt die Luft. Nebenan sitzen der Chef, Drammer und das LKA. Ruf mich um zwölf mal an!“
Gitta schnappte sich die Sievert-Unterlagen und fuhr ins Erdgeschoss zur Vermisstenstelle. Dort saß Polizeimeisterin Anna Drache als Vorposten des Dezernats 4, eine zugewanderte Russland-Deutsche und erst am Anfang ihrer Laufbahn. Gitta Jagoda hatte bisher nur Gutes über die junge Frau gehört.
„Ich hoffe, du kannst mir helfen. Wir haben eine Tote zwischen 13 und 16; etwa ein Meter sechzig, Mittelmeerraum. Hast du eine passende Anzeige?“
Anna Drache strich sich mit beiden Händen über ihre Sauerkrautlocken. Sie musste nicht im Computer nachschauen. „Du meinst sicher die neuesten Fälle. Zur Zeit, bis auf die cold cases auf der Website, nur ein entführtes Kleinkind und zwei halbe Bosnier, Brüder mit deutschem Pass“, antwortete sie. „Seit letzter Woche hatten wir keine weiteren unerledigten Anzeigen. Ich gebe dir Bescheid, sobald eine passende Meldung reinkommt.“
Gitta Jagoda fuhr in den dritten Stock zurück und überwand sich, das Sekretariat zu betreten. Sie und Polizeimeisterin Krause waren zwei von fünf Frauen im gesamten Dezernat. Elvira Krause saß im Vorraum zu den drei Hauptkommissaren, doch im Grunde musste sie seit Jahren ausschließlich für den jeweiligen Dezernatsleiter arbeiten. Gitta Jagoda hielt Elvira auf Abstand, weil sie keine extrovertierten Frauen mochte. Sie klopfte absichtlich nicht an und bereute es.
Jaro Morell und Elvira Krause drehten Gitta den Rücken zu und standen mehr als nahe nebeneinander. Sie blätterte in einem Ordner, er ließ sie machen, hörte ihr zu. Sie wendeten sich gleichzeitig um.
„Kannst du nicht anklopfen?“, beschwerte sich Elvira mit einer Stimme, die einen Tick zu hoch lag. Sie schien besser ausgestattet als Kommissarin Jagoda, trug dennoch nie einen BH unter ihren Seidentops und Feinstrickpullis. Die orange getönte Mähne war ein Aufschrei an schlechtem Geschmack. Gitta Jagoda hatte den Verdacht, dass es Elvira damit gelungen war, aus der Uniform in die zivile Garde des Präsidiums aufzusteigen. Von Morell mal abgesehen, kannten sich Polizisten einfach nicht in Stil und Modefragen aus. Möglich, dass Gitta nur von sich auf andere schloss. Sie passte sich ihrer Umgebung an, um nicht aufzufallen, und hatte selten Gelegenheit, ihrer Fantasie Futter zu geben.

Jaro Morell ging ein paar Schritte auf Jagoda zu, nahm ihr die Unterlagen ab und bedankte sich kurz, aber herzlich. Für ihn war Höflichkeit keine Formsache sondern Taktik. Ihm lag viel daran, alle bei Laune zu halten. Er wollte es sich weder mit Elvira noch mit Gitta verderben. Der Hauptkommissar war ein kompromissbereiter Mensch. Ein Charakterzug, den Gitta an anderen Männern verachtete. Keine Ahnung, warum sie ihn bei Jaro durchgehen ließ.
„Wann können wir über das Bahnhofsviertel reden?“ fragte sie ihren Teamleiter.
„Viertelstunde noch“, bat er und tippte auf das Material, das sie ihm übergeben hatte. „Der Staatsanwalt sitzt bei Hohenkampf, ich habe Aufschub bekommen.“

Sie roch es, als sie das Zimmer betrat. Felix Brauhaus, irreführend Fix genannt, hatte heimlich geraucht. Ihr Partner war am Tag seiner Hochzeit zum zum Nichtraucher konvertiert und hatte sich dazu leichtsinnigerweise im Präsidium geoutet. Die Ehe hielt er immer noch für die beste Entscheidung seines Lebens, das andere Versprechen an seine Heike hielt er für einen Fehler. Er kämpfte seitdem mit Übergewicht. Nicht der Erste, der einen Rückfall erlitt. Weil sich Fix vor Kollegen nicht bloßstellen wollte, zog er seine Zigarette im Zimmer 323 durch. Der Tag war nicht zur Hälfte gelaufen, da hatte er bereits mehrmals seine Lunge gequält. Als Gitta eintrat, saß Fix auf seinem quietschenden Bürostuhl und ackerte am Fall Krobatsch.
„Unsere SOKO steht wie eine 1. Das LKA kann uns nicht mehr ans Bein pinkeln. Lohnt sich das Ding im Bahnhofsviertel?“, fragte er ohne Übergang und ohne von seinem Monitor aufzublicken.
„Das Ding ist ein totes Mädchen“, reagierte sie verbittert. „Übrigens suche ich Johannes. Er sollte mir seiner Befragungsprotokolle geben.“
„Email-Account?“, fragte Fix Brauhaus.
„Ich brauche ihn leibhaftig. Ich muss mit ihm reden. Reden mit Fragen, Antworten, Austausch von Ansichten, Blickkontakt. Kennst du das noch?“
„Gehen wir was essen!“, schlug Fix versöhnlich vor. Er musste nicht auf seine Uhr schauen, um zu wissen, dass es Zeit für den ersten kräftigen Happen des Tages war.
Gerüche, Geräusche: eine Riesenwelle schlug ihnen entgegen. Im Meer der Kantinengäste, fanden sie zwei Plätze an Harald Reißmüllers Tisch. Der Kommissarische Leiter des Dezernats 4, Zentrale Aufgaben war ein schlecht rasierter Mann mit Halbglatze. Er schien schon als Alter auf die Welt gekommen zu sein. Obwohl er der selben Generation wie Jaro Morell angehörte, zeigte er kein Interesse an den schönen Seiten des Lebens. Gitta lernte Reißmüller im Frühjahr kennen. Die Sympathie funkte wechselseitig.
Im Haus wie in der Kantine wurde der Erste Hauptkommissar als eine Respektsperson behandelt, sein Markenzeichen die aufgeklappte Tageszeitung. Er wollte in der Kantine einen Vierertisch für sich allein haben, egal zu welcher Tageszeit. Kein Ding für Gitta Jagoda, sie ließ sich ungefragt ihm gegenüber nieder. Reißmüller blickte über den Rand der Neuen Sächsischen.
„Anna hat mir gesagt, dass ihr ein totes Kind gefunden habt“, meinte er müde.
„Eine Jugendliche“, korrigierte Gitta Jagoda und machte sich daran, eisgekühlte Kirschsuppe zu löffeln. Fix war ihr gefolgt und nickte nur. Er sah keinen Anlass, irgendwas zu sagen, bevor er nicht seinen Bouletten-Teller geleert hatte.
Reißmüller schien ehrlich interessiert.
„Schon mal an das Erstaufnahmelager gedacht? Ich wüsste keinen Ort in dieser Stadt, wo Leute schneller verloren gehen. Die Ehrenamtlichen haben zwei Gays in die Notaufnahme gebracht, die von den eigenen Leuten misshandelt wurden. Ein Vater wäre fast Amok gelaufen. Der Alte beschuldigte die Wachmänner, seinen Sohn verschleppt zu haben. Sein Adil sei nicht homo. Sein Adil sei in der Heimat ein Held der Revolution, ein Fußballspieler und Kämpfer gewesen.
Das Lager kommt mir wie ein menschlicher Dschungel vor. Nicht einmal unser aller Ze´us weiß, wie wir in diesem Chaos ermitteln sollen, falls wir müssen.“
Mit Ze´us war der Polizeidirektor Lorenzeus gemeint. Fix lachte, dass ihm der dritte Hemdknopf von unten aufplatze. „Ich danke jeden Morgen allen Göttern“, sagte er zu Reißmüller, „dass wir nicht in deine Einsatzteams gesteckt werden. Weder ins Lager, noch zwischen Demonstranten, die sich über die Aufnahmelager hermachen. Dagegen sind unsere Toten eine saubere Sache.“
Gitta mochte es nicht, wenn in der Kantine über Politik oder Leichen geredet wurde. Beides schlug ihr beim Essen auf den Magen. Alle redeten hier mal über ihre Arbeit, viel lieber über ihren Schrebergarten, die Autowerkstatt, die Familie oder Grillrezepte. Nicht zu vergessen: das sicherste Medium unter Kollegen war und blieb der Buschfunk. Was Harald Reißmüller blöd fand. Er las Zeitung, redete nur, wenn er jemanden mochte.
Gitta Jagoda dachte nach. Mal von potentiellen Totschlägern und Mörderinnen abgesehen, machte sich niemand in der Mordkommission die Finger schmutzig. Im Gegenteil, sie putzen eher den Drecksäcken in der Stadt hinterher. Oder war das eine von den Legenden, die man sich zu gern im Präsidium erzählt? Gut möglich, das tote Mädchen habe zu den Geflüchteten gehört. Dagegen sprach: Das nächste Aufnahmelager war zwei Kilometer Luftlinie vom Ort entfernt, an dem die Kleine gelegen hatte. Mehrere Kilometer über Land bedeuteten für das Heer der Heimatlosen nichts. In einer fremden Großstadt dagegen war es nicht nur für eine Minderjährige der Marsch durch eine erbarmungslose Zivilisation.
Gitta hatte ihre Suppe gelöffelt, nahm das Rosinenbrötchen für später mit und erhob sich. Sie dankte Reißmüller für den Tipp. Er antwortete mit einem faltenreichen Lächeln.
Minuten später hing Kommissarin Jagoda am Telefon und redete mit Louise Kraul. Tante Louise war in Sachen Zeitung und Stadtgeschichten mindestens ebenso erfahren wie Reißmüller.
„Was hältst du von euren Suchmeldungen?“, fragte Gitta.
„Kommt darauf an, wer gesucht wird“, antwortete Louise mit ihrer Billy-Holday-Stimme. „Manche Menschen wollen nicht gefunden werden und haben auch das Recht dazu. Dann ist der Schaden größer als der Nutzen.“
„Wir haben sie schon gefunden. Ein neuer Fall, fast noch ein Kind, aber bisher kein Anhaltspunkt, wer, woher und warum.“
„Du und deine Toten“, seufzte Tante Lou. „Kommst du heute Abend? Ich könnte dir Tarator aus dem Kühlschrank und Bifteki mit Feta-Salat anbieten.“
Gitta lachte herzlich. „Hast du auch schon den Balkanblues? Die Kleine läuft mir nicht mehr davon, so sehr ich es ihr gegönnt hätte. Ich komme und bringe Rotwein mit.“
„Bring Hunger mit. Den Wein habe ich bereits gekauft. Du weißt doch, dass ich meine eigenen Quellen bevorzuge. In jeder Beziehung. Noch einmal zu deiner Frage. Eine Vermisstenanzeige bei uns könnte für eure Identifizierung nützlich sein. Vergiss nicht, das Foto in Schwarz-Weiß anzuhängen! Das wird beim Druck kontrastreicher und wir haben weniger Aufwand beim Bearbeiten.“
Louise Kraul beendete ihr Gespräch ohne Gruß.
Gitta Jagoda war mit sich zufrieden. Zeitungsmeldungen hatten eine breite Streuung und machten nicht so viel Wirbel wie eine Polizeiansage im lokalen Fernsehen oder im Internet. In den Aufnahmelagern brachte das natürlich nichts. Da könnte man mehrsprachige Flyer aushängen. Auch im Fall, dass die Kleine bereits in einer der Wohnungen oder der Unterkünfte für minderjährige Geflüchtete untergebracht wurde, müsste irgendwer sie identifizieren. War das Mädchen eine Illegale im Land, zum Beispiel eins der Romakinder aus Tschechien, brachte die Aktion nichts ein. Versuch macht kluch, hätte Tante Louise gesagt.
Der Praktikant Polizeianwärter Johannes Brambacher, war abgetaucht, aber in ihrem Email-Postfach entdeckte Kriminalkommissarin Jagoda eine Zusammenfassung seiner Ermittlungen und denen von Hauptmeister Weigelt. Wenn Brambacher etwas gut konnte, dann das.
Weigelt lieferte als Einstieg eine erste Zustandsbeschreibung der Toten und präzise Angaben zum Fundort. Leider dürftige Befragungsergebnisse in der Umgebung. Entweder wollten die Bewohner von Dammweg und Lossnitzer Straße nicht öffnen oder sie waren nach 8 Uhr bereits unterwegs. Immerhin hatte Heinz Weigelt fünf Leute erreicht und Brambacher die Aussagen von 8 Anwohnern ausführlich protokolliert. Sie druckte die Texte von Brambacher und Weigelt und legte sie zu ihrem eigenen in die Mappe. In der elektronischen Haustechnik passierte hin und wieder eine Panne, von Dilettanten oder eben so oft von übermütigen Nerds verursacht. Analog war sicherer als jede Datenbank.
Die Akte D1_AZ023/2015, unbek., weibl. begann mit einem Formular zur Person, das mehr Lücken als Einträge dokumentierte. Es folgte als zweite Ablage die Befragung von Isa Ruppert, der Anruferin, die 7.05 Uhr in der Zentrale des Polizeipräsidiums den Leichenfund meldete. Köchin im Café Eclaire, 38 Jahre alt, wohnhaft in der LossnitzerStraße 2, 1. Stock rechts. Die Aussage von Isa Ruppert war kurz und knapp, aber ausreichend. Sie hatte ihre letzte Zigarette am Vorabend gegen halb zehn und bemerkte nichts Ungewöhnliches im Hinterhof bzw. auf dem Parkplatz. Sie rauchte nur auf ihrem Balkon, auch wenn der Freund nicht zu Hause war, die Erste immer früh gegen sieben. Da konnte Isa Ruppert von ihrem Balkon aus sehen, dass jemand in einer Blutlache lag. War unsicher, ob sie einen Krankenwagen oder die Polizei rufen sollte, telefonierte dann mit beiden Notrufen. Eine Streife des Polizeireviers Nord war 7.11 Uhr vor Ort, die benachrichtigte umgehend die Funkzentrale. Der Krankenwagen traf 7.29 Uhr ein, war so oder so zu spät.
Jagodas Befragung im Supermarkt war kurz und unergiebig gelaufen. Die Kassiererin und zwei sogenannte Einräumerinnen hatten kurz vor 8 Uhr ihren Dienst begonnen und konnten über die Abendschicht keine Aussage machen. Dafür waren der Leiter und eine festangestellte Kollegin zuständig, die Letzten, die sich im Verkaufsraum aufgehalten hatten. Am Folgetag kamen sie nie vor zwölf. „Wir sind nicht groß genug, um mehr Personal einzusetzen“, entschuldigte sich die Frau an der Kasse. Diese Information hatte Kommissarin Jagoda nur im Kopf gespeichert, ins Protokoll gehörte sie nicht. Sie hasste es, Ordner mit Berichten und Protokollen aufzublasen, egal, ob digital oder analog.
Gitta Jagoda nahm ihr iPhone und suchte nach Fotos vom Tatort. Die Aufnahmen der Kriminaltechnik waren ein anderes Ressort und wegen ihrer Grausamkeit für die Presse selten verwendbar. Unzufrieden schickte Gitta an Brambacher eine Nachricht.
„Brauche ein Foto, auf dem das Mädchen nicht so tot aussieht. Hast du was?“
Wo auch immer der Praktikant steckte, er antwortete mit WhatsApp. Brambacher war in die Hocke gegangen und hatte seinen Zoom aus einem flachen Perspektive von schräg unten gemacht, der Kopf schien deshalb leicht zurückgelehnt und etwas breit. Die Stirn wirkte schmal, am Kopfende war der Rand der Mütze zu sehen. Die Kriminalkommissarin betrachtete das Gesicht mit den offenen, dunkelblauen Augen. Der kindliche Mund war leicht geöffnet. Das Gesicht ließ keinen Schmerz erkennen, nur ein großes Staunen. Gitta Jagoda entschloss sich, die Aufnahme zu verwenden und konvertierte sie in Graustufen. Sie telefonierte mit der Kriminaltechnik, um sich von KK Helbig Details zu Kleidung und anderen persönlichen Dingen geben zu lassen. Anschließend verhandelte sie mit der Pressestelle. Sie wollte unbedingt einen eigenen Text formulieren. Dann machte sie sich noch einmal auf den Weg, die Mitarbeiter der zweiten Schicht im Supermarkt zu befragen.

Eine Geduldsübung, mittags von der Altstadt in die Neustadt zu fahren. Kriminalkommissarin Jagoda nahm die Carolabrücke zum Albertplatz, von da einen Schleichweg, um zügig in die Lossnitzer Straße zu kommen. Fuhr bis zum unteren Dammweg und stellte ihr Auto wieder in eine Parklücke unter den alten Kastanien ab. Sie schreckte auf, als die S-Bahn Schöna-Meißen auf dem Bahndamm vorüber zischte. Richtung Supermarkt versuchte sie, sich zu sammeln. Sie bog am Schwarzen Kater, der traditionsreichen Kiezkneipe um die Ecke, gelangte vom Durchgang in den Hof und warf einen Blick auf den Parkplatz. Die Lache zwischen Auto und Motorrad hätte Öl sein können. Die Anwohner und Einkäufer würden sich über einen Fleck mehr nicht aufregen.
Im Laden machten sich wenige Kunden zwischen den Auslagen zu schaffen. Kriminalkommissarin Jagoda sprach den einzigen Mann im Raum an, der einen Kittel trug, und hatte, wen sie suchte. Ja, er sei der Leiter der Verkaufsstelle und über den Mord informiert. Richtig, er hatte gestern Spätdienst. Er gab einer Frau, die Feinfrostgemüse auffüllte, ein diskretes Zeichen. Die Verkäuferin brachte ihre blaue Kittelschürze fast zum Platzen. Schwanger oder nicht, sie bewegte sich dennoch geschickt zwischen den Warenstapeln bis zu einer Stahltür hindurch. Der Chef und die Kommissarin kamen nach ihr an. Zu dritt betraten sie das Lager mit seinen Flaschenkästen und hoch gebauten Kartons.
Was der Supermarktleiter als Büro bezeichnet hatte, erwies sich als Nische mit Regalen, einem Tisch mit Rollcontainer, einem meterhohen Tresor und zwei Stühlen. Es war so eng, dass Gitta sich an den Schreibtisch setzen sollte, was ihr gar nicht gefiel. Dichte Masse auf acht Quadratmetern. Fast fühlte sich die Kommissarin bedroht. Vor einem Kistenstapel äugte die Verkäuferin neugierig. Dass sich der Chef und die Angestellte schon über ihre Aussagen verständigt hatten, war sicher. Jagoda stellte die üblichen Fragen zu Personalien und zu Beobachtungen am Vorabend. Sie hatte ihr Handy auf Audioaufnahme gestellt, das musste genügen. Die Kittelschürze kam sofort zur Sache.
„Ich erinnere mich an die Kleine. Gegen halb zehn belebte sich der Laden noch einmal: Um diese Zeit schiebe ich den Fußbodenreiniger durch die Gänge. Sie kam kurz vor Ladenschluss an, lief mir zweimal über den Weg. Sie hatte es eilig, als wäre sie auf der Flucht. Vor ihr waren die üblichen Verdächtigen dran. Eine Bekannte aus der Kneipe gegenüber, ein Paar auf dem Heimweg, zwei Männer, die Schnaps kauften. Wie oft, brauchten die Punks vom Bahnhof Nachschub für ihre Bierkästen. Bei uns gibt es Freiberger und Felsenkeller billiger. Dann kamen ein Typ wegen Pizza und Cola vorbei, ein älterer Mann, um Zigaretten zu kaufen, und zwei Studentinnen für ihr Müsli und das Morgenjoghurt. Das Mädchen stand vor ihnen an der Kasse. Ich hatte die Kleine schon mal gesehen. Ich dachte, Eva schickt sie, weil sie wieder was vergessen hat.“
„Wer ist Eva?“ Gitta Jagoda blickte von der Dicken zum aufragenden Chef. Er zuckte mit den Schultern, die Kollegin erklärte.
„Eine Stammkundin, die am Dammweg wohnt. Eva hat eine Tochter, etwa im gleichen Alter wie das Mädchen. Am Sonnabend machten sie zu dritt einen Wochenendeinkauf. Wir hatten Fisch im Angebot, Eva nahm Pangasius mit. Gestern dachte ich mir nichts dabei, als das Mädchen alleine kam. Ist sie eine Verwandte? Arme Eva.“
Kriminalkommissarin Jagoda ging nicht auf die Frage ein.
„Kennen Sie den Nachnamen dieser Frau und ihre Adresse?“
Da musste die Verkäuferin passen. Auch der Marktleiter, der im Spätdienst an der Kasse gesessen hatte, wusste nichts mehr zu sagen. Er behauptete, bis auf die Kleine und einen Zigarettenkäufer hätte er nur bekannte Gesichter gesehen.
Die Kriminalkommissarin versuchte es mit zwei letzten Fragen.
„Was geschah nach der Ladenschließung? Haben Sie nicht bemerkt, ob sich jemand auf dem Parkplatz herumtrieb?“
Die Antwort übernahm wieder der Marktleiter.
„Nach 22 Uhr brauchen wir eine Weile, bis wir alles unter Kontrolle haben. Wir sichern den Laden am Eingang zum Parkplatz mit Rollos von innen, verstauen die Handkasse im Tresor und schließen als Letztes die Türen an unserem Hintereingang. Der befindet sich hier im Warenlager. Er führt ins Gelände der Hauptpost. Wir dürfen die breite Zufahrt zum Postamt für unsere Anlieferungen nutzen. Nach der Schließung verlasse ich auf dem selben Weg den Laden, in Richtung Königsbrücker Straße. Ich wohne in der Scheunengasse 11 und komme weder am Kunden-Eingang vorbei, noch am Parkplatz vor unserem Laden, gehe gewissermaßen durch das Nachbarobjekt aufs Ende der Lossnitzer Straße zu.“
„Ich muss rechts ab zur Haltestelle Louisenstraße“, erklärte die Verkäuferin. „Ich nehme die Linie Sieben bis zur Stauffenbergallee. Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, komme ich auch nicht auf den Parkplatz, ich schließe es neben der Laderampe der Hauptpost an. “
„Und weder dort noch an der Ecke Königsbrücker/Lossnitzer Straße irgendwas bemerkt?“ Die Kriminalkommissarin stellte sich den üppigen Leib auf den Fahrrad vor. Sie konnte nicht anders, ihr Kopf verwandelte Wörter in Bilder. Es gelang ihr, ein Lächeln zu unterdrücken. Die Verkäuferin zuckte mit den Schulter und zog einen Flunsch.
Jagoda fragte nach. „Kein Mensch an der Haltestelle oder auf der Straße, im Sommer, abends halb elf? Möglich, dass um diese Zeit anderswo in der Stadt die Bürgersteige hochgeklappt werden, aber nicht in der Neustadt, in der Nähe von Bistros, Kneipen und Restaurants. Bis zu Ihrer Haltestelle sind es fünfzig Schritte. Die Königsbrücker ist eine belebte Nord-Südverbindung.“
Die Antwort war ehrlich, aber unergiebig.
„Montagnacht ist nicht viel los. Schließtag in den Kiezkneipen, weil nach dem langen Wochenende kaum Umsatz gemacht wird. Natürlich habe ich Passanten gesehen. Einige kamen aus der Louisenstraße oder liefen Richtung Schaupalast, andere zum Albertplatz. Soll ich mal herumfragen, ob jemand den Nachnamen von Eva kennt?“
Gitta Jagoda lächelte, obwohl ihr nach Meckern war.
„Wir sind mit Sicherheit schneller. Wir finden sie. Bei Mordermittlungen bitten wir Zeugen, unsere Gespräche vertraulich zu behandeln. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich beide bei Kundenanfragen zurückhalten würden.“
Die Frau im blauen Kittel führte die Kommissarin durch den Supermarkt zurück, nicht ohne dass sie ihr gefrostete Frühlingsrollen im Zehnerpack empfahl. Jagoda meinte: „Dafür ist es viel zu spät.“ Frühling war vorgestern und in diesem Sommer wäre Kleinasien in der Stadt bereits überrepräsentiert. Türkei, Syrien, Afghanistan. Da gäbe es keinen Platz mehr für den Fernen Osten. Was ein Witz sein sollte und die Dicke ihr übel nahm.
Kriminalkommissarin Jagoda war auf dem Weg zu ihrem Wagen am Dammweg, als das Handy schnurrte.
„Was ist los, Gitta? Akademisches Viertel ist vorbei. Ich warte im Saal B.“
Die Pathologin. Jana Katz und Gitta Jagoda trennten ein Altersunterschied von sechs Jahren und einer Promotion in forensischer Pathologie, was beide nie hinderte, gerne ein privates Wort zu wechseln. Selbstverständlich besaß Jana mehr Erfahrungen in Forensik, was sie nie gegen die Jüngere ausspielte. Gitta Jagoda versuchte, sich zu erinnern, wann sie sich mit ihr verabredet hatte.
„Jaro hat mich informiert, dass du für den Fall zuständig bist. Bist du oder bist du nicht?“
Dr. Katz klang verärgert.
„Ich komme“, versprach Gitta.
Eindeutig war das nicht gewesen. Ihr Teamleiter hatte sie irgendwann nach Sieben angerufen und gesagt, sie solle zu einem Tatort in die Lossnitzer Straße fahren. Er wäre vorübergehend verhindert, aber der Praktikant und ein Dienstwagen stünden zu ihrer Verfügung. Kein Wort über Gittas Partner Felix Brauhaus. Dass er nicht erwähnt wurde, machte ihr kein Kopfzerbrechen. Für derartige Übungen war es schlicht zu früh.
Der Buschfunk im Präsidium funktionierte reibungslos, erreichte Nicole Brettel auf dem Gang im zweiten Stock, noch ehe ihre Freundin vom Tatort zurückkehrte. Kurz darauf gratulierte sie Gitta zum ersten eigenen Fall.
Wer hatte das zu wem getragen? Ihr Partner, der Teamleiter, der Rat der Götter? Und warum wurde ihr nicht mitgeteilt, dass Jagoda für diesen Fall allein verantwortlich war? Informationslücken sind so geschmacklos wie Löcher im Käse, dachte Gitta. Man wird davon nicht satt.
Wer immer sie hängen ließ, sie war dran, in der Pathologie den Platz des Teamleiters einzunehmen. Wünschte sich, dass der Tag schon gelaufen wäre und sie bei Loulou eine der seltenen Mahlzeiten genießen konnte, die mal nicht aus Döner, Pizza oder Kantinensuppe bestand.

2 Eiskalt erwischt

Vor Ärger wurde ihr übel. Janas verkopftes Gequatsche war doch nichts als ein Panzer gegen das, was vor ihnen auf dem Stahltisch lag: Ein grauenvoll misshandelter Teenager. Sie schwieg. Bis sie sich eingestand, dass der Ärger sich an die Falsche richtete.

Erwartungsgemäß übernahm Hauptkommissar Morell alle unangenehmen Aufgaben in den Fällen der Mord 2. Bis gestern. Terminabsprachen zwischen der Pathologin und Jaro Morell hatten Brauhaus und Jagoda, bis auf wenige Ausnahmen, erfolgreich ignoriert. Sich gründlich am Tatort umschauen, die Leiche lokalisieren, genügte ihnen. Das vorläufige und das abschließende Obduktionsergebnis erreichte sie über Emails, Hauspost und Fotoaufnahmen. Es mussten schon besondere Anlässe sein, wenn sie zu dritt im Reich der Toten und ihrer Meisterin erschienen.

Durch den Nachmittagsverkehr brauchte Kriminalkommissarin Jagoda bis zur Universitätsklinik länger als gehofft. Zeit genug, sich eine Entschuldigung auszudenken. Jana Katz wollte sie gar nicht hören.
Nein, sie war nicht verärgert. Sie erwartete Gitta Jagoda im Souterrain des Hauses P, im Großen Obduktionssaal, hatte sich einem anderen Fall zugewendet und unterbrach diese Arbeit. Jana Katz zog sich die Latex-Handschuhe aus, warf sie in den verchromten Abfallbehälter, nahm Gitta vorsichtig am Ellbogen und führte sie in den Nachbarraum zu einem der Stahltische. Hier nahm sie ihre Schutzkappe vom Kopf. Das gebleichte Strubbelhaar stand sofort in alle Richtungen ab. Jana Katz wendete sich ihrer Begleitung zu und schmunzelte.
„Mach dich endlich locker, Gitta! Verspannt hast du keine objektive Wahrnehmung.“
Als könnte sie den nächsten Augenblick damit verhindern, redete Gitta Jagoda ausführlich von ihrem letzten Mal in diesen Räumen, als ein Brandopfer aus einem Prohliser Hochhaus obduziert wurde.
„Ich erinnere mich. Auch für uns war das eine ungewöhnliche Aufgabe, aber nicht besonders aufreibend. Mir fällt es leichter, total entstellte Körper zu untersuchen als die kaum versehrten. Der Tod erscheint dann glaubhafter. Körper wie dieser hier sind noch so nahe an unserem eigenen Leben.“
Sie zog vorsichtig das Tuch von der Kleinen, referierte, als gehöre Gitta zu den Studierenden der Pathologie.
„Unbekannte Leiche einer etwa Vierzehn-, Fünfzehnjährigen, getötet mit zwei Messerstichen zwischen Oberbauch und Brustbereich, vermutlich ein sogenanntes Butterfly. Keine Verwahrlosungen erkennbar, aber mangelhafter Ernährungszustand; organisch gesund. Toxikologische Untersuchung noch nicht angeordnet, wird auf Antrag der Ermittlungsbehörde nachgeholt.
Besonderheit: Innere und äußere Anzeichen einer Vergewaltigung, die etwa fünf bis sechs Tage zurück liegt. Alte und frische Hämatome. Schnittverletzungen, das heißt Abwehrspuren an den Händen. Unter den Fingernägeln Hautpartikel. Diese und ein Scheidenabstrich wurden zwecks DNA-Bestimmung eines potenziellen Täters ans Forensik-Labor weitergereicht. Meinen vorläufigen Bericht habe ich vor zwanzig Minuten ins Präsidium geschickt.“
Kriminalkommissarin Jagoda fragte sich, wie man neben diesem nackten, aufgeschnittenen, wie ein Huhn wieder zugenähten Mädchen eine unverspannte Wahrnehmung zustande bringen soll. Vor Ärger wurde ihr übel. Janas verkopftes Gequatsche war doch nichts als ein Panzer gegen das, was vor ihnen auf dem Stahltisch lag: Ein grauenvoll misshandelter Teenager. Sie schwieg. Bis sie sich eingestand, dass der Ärger sich an die Falsche richtete.
„Zwei Messerstiche sind noch keine Übertötung“, hörte sie ihre eigene Stimme. „Was sagst du?“
„Der erste Stoß sollte vielleicht ins Herz gehen, prallte aber am Rippenbogen ab“, gab Jana Katz zurück. „Der Mörder stach noch einmal zu. Die Hofecke war nachts schlecht beleuchtet. Kann auch sein, der Täter wurde gestört.“
Dr. Katz bedeckte den schmalen Körper wieder mit dem Tuch, ließ nicht einmal das Gesicht frei. „Bis zur Identifizierung bleibt sie bei mir. Ich hoffe, ihr findet Angehörige.“
Gitta Jagoda starrte Jana Katz entgeistert an.
„Ich hoffe, ich finde den Täter.“
Die Ärztin nickte. „Das auch. Aber zu irgend jemandem wird sie gehören. Der macht sich Sorgen, wartet, wünscht sich, dass ihr nichts passiert ist.“
Gitta atmete durch. „Und dann kommen wir mit der Nachricht, dass das Mädchen vergewaltigt und Tage später mit mehreren Messerstichen getötet wurde.“
Sie hatte die Luft angehalten, um nicht mit ihrer Wut auf Jana loszugehen.
„Jetzt haben wir vermutlich eine junge Geflüchtete ohne Papiere, zwei Delikte, aber nicht unbedingt zwei Täter. Das wird mir zu viel. Ich brauche meine Jungs. Unser Praktikant ist nicht erfahren genug.“
Die Pathologin wollte weiterarbeiten, zog die Kriminalistin in den Großen Saal. „In wenigen Minuten kommen Studenten zur Nachprüfung. Ich bin mit der Vorbereitung noch nicht fertig. Lass dich nicht von dem grassierenden Flüchtlings-Blues anstecken! Falls du mich brauchst, können wir heute Abend miteinander telefonieren.“
Gitta Jagoda nickte. Dann fiel ihr ein, dass sie sich bedanken sollte. Jana Katz lächelte. Die Fältchen in den Augenwinkeln blieben zurück, als sich ihr Blick auf den Körper eines alten Mannes richtete. Der sollte zukünftigen Medizinern beibringen, wie man sich dem Tod mit Respekt nähert.

Wegen Dr. Katz und ihrer Email war die Kriminalkommissarin auf direktem Weg in die Schießgasse gefahren. Der schwerfällige Sandsteinbau aus dem Jahre 1500 ließ trotz aller Modernisierungsversuche wenig Licht in die Tiefe der Räume. Die Mauern waren so dick, dass sie im Winter Kälte, im Sommer Hitze fernhielten. Gitta erschauerte, als sie das gemeinsame Zimmer betrat. Fix Brauhaus hatte das Fenster geschlossen gehalten. Das ergab gefühlte zehn Grad Unterschied zwischen drinnen und draußen.
„Jaro wollte mit dir reden“, begrüßte Fix seine Partnerin. „Beeil dich! Die SOKO Krobatsch soll sich in ein paar Minuten im Raum 200 treffen. Sei froh, dass du jetzt deinen eigenen Fall hast!“
Weil er nach dem Rauchen nicht gelüftet hatte, blieb Gitta nichts anderes übrig, als selber das Fenster aufzureißen, um den grantigen Geruch seiner Hausmarke zu vertreiben. Die Hitze knallte ihr ins Gesicht. Das oder dicke Luft, sie entschied sich für ersteres.
Felix packte eben seine Tasche und hing sich den Riemen über. „So viel ich weiß, mischen wir heute noch die Dresdner Halbwelt auf. Ein Dürrenmatt-Spektakel: Biedermänner und die Anstifter im HighTec Gewerbe. Ich komme nicht mehr zurück. Du bist die Letzte auf der Etage. Mach Feierabend, Gitta! Du verpasst nichts mehr.“
„Grüß Heike!“ entgegnete Gitta, ohne auf seinen Ratschlag einzugehen. Dann öffnete sie den Mailaccount, las die ersten Zeilen, druckte den vorläufigen Obduktionsbericht von Dr. Katz aus. Ein Mädchen war eine namenlose Nummer geworden, war ein vergewaltigtes und abgestochenes Opfer. Gitta schloss die Augen, um sich an die kleine Leiche zu erinnern. Das machte nichts besser. Raus hier! Fix diente schon zwanzig Jahre, er wusste, was richtig war. Vielleicht hatte sie morgen den nötigen Abstand, um klare Gedanken zu fassen.