Leseprobe
1 Caroline
Was meinen Alltag von meinen Träumen unterscheidet, ist die Möglichkeit, sich außerhalb von Raum und Zeit eine Dimension zu schaffen, in der der Tod keine Bedeutung hat.
Aus meinem Traumpfadebuch. CB
Als sie durch den Haupteingang die Vorhalle betrat, sah sie an der Anzeigetafel für an- und abfahrende Züge, dass sie zu früh dran war. Die Digitaluhr klickte auf 7.31. So ging das seit einigen Wochen. Aus Angst, zu spät zu kommen, verfrühte sie sich. Caroline ließ den Schalterbereich links und die Fast-Food-Strecke auf der rechten Seite liegen, bog im Strom der Reisenden in die Vorhalle ab, vorbei am Presse-und Buchshop, um kurz vor dem Ausgang E in den Bioladen von Frohgut einzutreten.
Die Tür stand weit offen, was Carolines Geruchssinn nervte. Bioläden sollten nicht nach Metall, Diesel und Taubenkot riechen. Der Laden befand sich direkt unter der Südhalle mit den Gleisen 1 bis 3, und war eher schmal als breit. Man konnte sich als Einheimische sogar an Sonn- und Feiertagen mit den wichtigsten Waren der Hofproduzenten versorgen oder als Durchreisende in der Imbissecke einen fairen Kaffee, Tee oder gesündere Getränke bestellen. Neben belegten Vollkornbrötchen und Süßkram, gab es dazu keine Snacks, es sei denn, man hätte aus dem Sortiment in den Regalreihen etwas Eigenes ausgewählt.
Caroline bestellte Hafermilchkaffee, ein halbes Dinkelbrötchen mit Ziegenkäse und Rukkolablatt. Sie wusste, es würde schwer im Magen liegen, das Brötchen.
Dr. Kahan hatte ihr geraten, regelmäßig vier Mahlzeiten einzuhalten, damit die Medikamente nicht ins Bodenlose fielen. In den wechselnden Kliniken gewöhnt sich Caro an, vor sieben zu frühstücken, zeitgleich standen die Pillen in einem gläsernen Becher bereit. Seit der Entlassung hatte sie ihr Zeitmanagement abgeschossen. Wenn sie immer noch Punkt Sechs wach wurde, weil sie pinkeln musste, legte sie sich oft wieder ins Bett und pennte traumlos bis zum Mittag. Falls sie sich nicht vom iPhone wecken ließ, weil ein Kontrolltermin anstand. Heute machte sie mehr als eine Katzenwäsche, um sich unter Menschen zu wagen, dann schnappte sie den vorgepackten Rucksack und lief zur Bahn.
Als Treffpunkt war auf der Website des OSBV die Bayreuther, Ecke Würzburger Straße (unter der Kastanie) angegeben. Karfreitag, 19. April, 8.00 Uhr. Der Ostsächsische Bergsteigerverein lud an mehreren Orten zum Osterwandern ein. Caroline wählte den, der der Stadt am nächsten lag. Fahrten mit den regionalen Verkehrsmitteln schreckten sie ab. Schon die Anfahrt wäre zu anstrengend, und nach drei Tagen in freier Natur würde ein langer Weg zurück noch einmal Kraft verbrauchen. In diesem Angebot stand, dass die Anreise in Gruppe und mit Kleinbus organisiert wird.
Caroline Brandner wollte sich weder aus Ehrgeiz noch aus Übermut in einen Härtetests stürzen. Als ihre Therapeutin behauptete, zur dritten Phase der Maßnahmen gehöre körperlich-sportliche Betätigung, erfuhr sie, dass das leichte Kreislauftraining in der Reha-Klinik zu Ende ging. Was dann? Sie durfte ihre Arbeit in der Universitätsbibliothek erst wieder aufnehmen, wenn sie ihre physische Belastbarkeit nachweisen konnte. Caro rechnete mit vier Stunden Schonarbeitszeit täglich. Die Invalidenrente allein reichte nicht auf Dauer. Zwanzig Stunden in der Woche brachten ein halbes Gehalt ein. Neben einem Selbsttest und Beweis ihrer Genesung könnte das Osterwandern auch Spaß machen.
Während der Klinikaufenthalte hatte Caroline immer wieder versucht, aus den kleinen Schritten heraus nach vorn zu springen. Die Strafe folgte augenblicklich. Inzwischen war sie vorsichtiger geworden. Um nichts zu verpassen oder falsch zu machen, kam Caroline Brandner also an diesem Karfreitag zu früh zum Treff. Ihr blieb fast eine halbe Stunde, um die erste Mahlzeit des Tages nachzuholen. Ihr Magen freute sich, nicht mit der Handvoll Pillen allein gelassen zu werden.
Als sie das letzte Dinkelkrümel aufgetippt und das Geschirr in der zugewiesenen Ecke abgestellt hatte, waren erst fünfzehn Minuten vergangen. Sie verließ Bio Frohgut, schlenderte bis zum Bahnhofs-Ausgang E. Von hier aus konnte sie in die Bayreuther Straße blicken, sah die Schlangen an den Fernbussen bis zur Ecke Würzburger stehen. Ein kräftig gebauter, aber großer Mann lehnte sich an die Kastanie, das linke Bein gegen den schorfigen Stamm gestemmt, als wolle er sich im nächsten Moment zum Start abstoßen. Er telefonierte und drehte den Kopf in Carolines Richtung; er winkte. Nein, er meinte nicht sie, woher auch, er kannte sie nicht. Er begrüßte das ältere Paar, das im Wolfeskin-Partnerlook an ihr vorbei trabte. Sogar die prallen Rucksäcke glichen einander. Von hinten gesehen auch die handgestrickten Mützen mit Bommel. Nur, dass eine davon etwas tiefer wippte. Erst, als das Paar den jungen Mann erreichte, unterschied Caroline die kleinere Figur als Frau Mitte vierzig und die größere als bemerkenswert älteren Mann.
Aus der Würzburger kamen zeitgleich zwei Frauen in Wanderkleidung. Die Leute kannten einander. Ihr Hallo und Umarmen gehörten offensichtlich zum Ritual. Das machte es für Caroline nicht leichter, aus der Deckung zu treten.
Der Wind hatte nachgelassen, die Wolkenschicht lichtete sich, das versprochene Osterwetter brach durch. Einer nach dem anderen fuhren die Fernbusse ab. Blieb noch eine letzte Warteschlange, an der ein Mädchen vorüber eilte. Es rief von weitem einen Gruß und schien der kleinen Gruppe ebenfalls bekannt.
Caroline hatte von maximal zehn Teilnehmern gelesen. Unangenehm, die Erste zu sein. Die Letzte werden, ging gar nicht. Sie kam aus der Deckung, überquerte die Straße und steuerte auf die Kastanie zu.
Um den Baum drängten sich jetzt sechs Leute. Caro sprach den älteren Wolfskin an. Sind Sie Herr Friedberg vom SBVO? Caroline Brandner. Ich hatte mich online angemeldet.
Der Mann über fünfzig und schon im April wettergebräunt, schmunzelte mit Falten um Augen und Mund.
„Wir sagen OSBV und siezen uns nicht. Ich bin der Norbert. Friedberg heißt mit Vornamen Patrick, den rufen wir Pat. Hej Pat, unser Neuling ist eingetroffen.
Der Mann, den Caro für dick gehalten hatte, sah aus der Nähe bestenfalls kompakt aus. Wattierte Jacke, Stiefel, Trekkinghose. Im Profil nichtssagend. Als er sich von der jungen Frau ab- und Caro zuwendete, sah sie in ein Dutzendgesicht.
Sie hatte einen Beruf gewählt, in dem sie an manchen Tagen hunderte dieser Art in Ausleihe oder Lesesaal bediente. Dieses hier erinnerte sie dennoch an jemanden, dem sie schon einmal begegnet war. Ihr fiel nur der jungen Ludwig Wittgenstein ein, sie lächelte, denn den Philosophen hatte sie nur auf den Schutzumschlägen seiner Bücher gesehen. Der Mann vor ihr besaß den gleichen schmale Kopf und die gerade Nase. Dichte Augenbrauen, hohe Stirn. Auffallend die aufmerksamen grauen Augen, die um die Pupille ins Grün übergingen. Sie beherrschten die Mimik. Als er den Mund verzog, hatte er links ein Grübchen. Das ließ ihn jünger erscheinen. Er sprach ohne Dialekt. Von Norbert konnte man das nicht sagen. Auch Friedbergs Stimme lag tiefer.
„Brandner? Ich freue mich auf jeden Zuwachs in der Gruppe. Zum Kennenlernen haben wir später Zeit. Du bist die Vorletzte. Einer hat abgesagt. Tobias Kaden fehlt uns noch. Leute, ihr geht mit Linda zum Parkplatz am Haupteingang Nord, dort sollte er in seinem Bus warten. Ich fahre euch voraus. Ich habe gestern Proviant auf die Baude gebracht, jetzt Getränke und frisches Brot geladen. Wir sehen uns auf dem Wetterberg.“
Sein Händedruck fiel so heftig aus, dass Caroline fürchtete, blaue Flecke zu bekommen. Sie waren das erste Anzeichen gewesen, dass irgendwas nicht stimmte. Und die verfluchten Petechien. Kleine Ansammlung roter Punkte unter der Haut. Sie rieb sich die Rechte, als sich schon wieder eine Hand entgegen streckte. Die kleinere Pudelmütze konnte ebenfalls hochdeutsch sprechen.
„Doris, ich bin Norberts bessere Hälfte.“
Wer nennt sich heute noch bessere Hälfte? Caroline sagte wieder ihren Namen auf, auch wenn alle in der Runde ihn bereits gehört hatten.
„Das sind Jane und Hedi“, stellte Doris die beiden älteren Frauen vor. Hedi der mütterliche Typ, Jane in Kniebundhose, zäh wie Leder, mehr Muskeln als Fett, keine Falten im Gesicht, die Freundlichkeit oder Ärger zeigen konnten.
Linda hatte den Vogel abgeschossen, die Jüngste unter den Teilnehmenden. Strohblondes Pony und das, was man hübsch nennt. Ihre langen Haare waren zu einem Schwanz gebunden und in ein braunes Basecap gesteckt. Die schwarzen Tattoos im Nacken und am Kinn befremdeten. Hinten ein Yin-Yang, vorn eine Sonne. Konnte genau so gut eine Windrose sein, das Zeichen für die Himmelsrichtungen. Die Morgenkühle hatte Nase und Ohren rot gefärbt. „Folgt mir unauffällig!“, kommandierte sie. „Ich bring euch zum Bus.“
Ihr Humor war so schlicht wie ihre Tätowierung. Die Stimmung stieg dennoch mit der Sonne. Drei lange freie Tage in der Natur ermutigten nicht nur Caroline.
Vor zwei Jahren war sie mit der Regional-Bahn zum Landheim-Aufenthalt ihrer Tochter in die selbe Richtung gefahren. Eine Abschlussreise für die Schülerinnen und Schüler, die ins Gymnasium überwechselten. Pauline schloss die Vierte mit sehr gutem Durchschnitt ab. Aus Dankbarkeit begleitete Mama Caro die Klasse.
Ihre Tochter stotterte so heftig, dass sie sich im ersten Schuljahr nicht am Unterricht beteiligte. Die Mehrheit der Lehrer sah Paulis Handicap nicht einen Tag lang als Hinderungsgrund für eine normale Entwicklung. Viele Stunden bei der Logopädin und die Unterstützung durch die Klassenleiterin bauten die Kleine auf. Der Übergang zu einer höhere Bildung, in einer anderen Umgebung würde ihr noch einmal viel abverlangen. Deshalb ließ sich Caroline Brandner mit Beginn der fünften Klasse, befristet für ein Jahr, auf fünfundzwanzig Stunden pro Wochen runter stufen und arbeitete täglich mit ihrem Kind.
So eng beieinander waren Mutter und Tochter lange nicht mehr gewesen. Vielleicht war das der Grund, dass es Caro völlig entging, wie sich ihr Mann von ihr entfernte. Paulis Stottern brach wieder durch, wenn sich die Eltern etwas lauter unterhielten.
Aus der neuen Schule kamen ausschließlich positive Berichte. Pauline Brandner lag vor den Sommerferien auf Platz Fünf und hatte Aussicht auf beste Noten in den musischen Fächern und in deutscher Literatur. Das Mädchen entwickelte sich auch im nächsten Schuljahr schneller als manche, die mit besseren Zensuren am Start gewesen waren. Nur Paulis Zurückhaltung störte Lehrer wie Mitschüler. Dann kam der Morgen, an dem Caroline ihre Tochter und ihr bisheriges Leben verlor. Ihr Mann war wieder mal nicht nach Hause gekommen. Sie lag bis gegen drei Uhr wach.
Peer hatte jede seiner Affären arglos gestanden. So war er eben. Er verliebte sich gerne, Caro nannte er seine Nummer Eins. Er bereute auch gerne, war nach den Ausrutschern, wie er außerehelichen Sex nannte, um so aufmerksamer, plante einen Familienurlaub, schaffte für sein Kind einen Goldhamster an, brachte Frau und Tochter an die Lippe, ins Sommerhaus seiner Eltern, buchte mit ihnen eine Segeltour auf der Ostsee, ging mit ihnen ins Erlebnisbad. Nicht zu reden von kleinen, kostbaren Geschenken. Diesmal schwor sich Caro, ihm keine weitere Ausrede zu lassen. Nach der schlaflosen Nacht fiel sie im Bad in Ohnmacht. Pauli wählte 112, stotterte ins Telefon, ihre Mama sei blau angelaufen. Nur, weil sie wie ein Hundewelpe heulte, kam der Rotkreuz-Wagen in angemessener Zeit. Kein Ehemann daheim, man setzte das Kind vorn in die Fahrerkabine und fuhr ins Krankenhaus.
Caroline hatte alle Symptome verdrängt. In der Notaufnahme lautete die Diagnose Hypochrome Anämie. Man tat, was in akuten Fällen machbar war. In der Woche darauf teilte der Stationsarzt zur Visite mit, dass sie an akuter lymphatischer Leukämie, kurz ALL leidet. Diese Form von Blutkrebs trat bei nur 15 Prozent aller erkrankten Erwachsenen auf. Auch der Oberarzt hatte bisher vorwiegend Männer, aber keine Patientin in ihrem Alter gesehen. Der Krebs sei äußerst aggressiv und am erfolgreichsten mit komplexen Methoden zu therapieren. Ihr Mann wurde informiert. Im groben. Man wolle ihn zur Besprechung des Behandlungsplanes dabei haben. Es wäre vernünftig, wenn Frau Brandner eine Patientenverfügung zu seinen Gunsten unterschriebe. Für den Fall der Fälle.
Sie tat es nicht. Sie setzte Johannes Fräsing ein. Jo war der jüngere Bruder ihrer besten Freundin und Sozialtherapeut. Caro hatte ihn bei Luisas 33. Geburtstag kennengelernt, hörte seitdem auf Jos bodenständigen Ratschläge und war als Gegenleistung sein Kummerkasten. Sie kam auf seinen Wunsch zum Händchen halten mit, als er der Familie seine Homosexualität offenbarte.
Luisa, seit Jahren mit Benno Schwitt in einer stabilen Ehe, hatte gehofft, ihr jüngerer Bruder würde Caro mal glücklich machen. Doch der schwule Jo gefiel Caroline gerade deshalb, weil er ohne Erwartungsansprüche war, verlässlicher als ihr Mann oder Freunde und leibliche Verwandte.
Letztere hielten nicht viel von Carolines Menschenkenntnis, als sie Peer Brandner heiratete. Ein Westfale mit Eltern, die an der Hochzeitstafel saßen, als müssten sie den Adel von Altenbockum bis Kleve vertreten. Höflich, aber abgehoben. Bestanden darauf, dass sie die Festtafel finanzierten, und fragten nicht, ob die Familie der Braut das gut hieße.
Caros Leute sagten es ihr, nachdem die Hochzeitstorte getestet war. Die da passen nicht zu uns. Darin schienen sie sich ausnahmsweise einig: Großmutter Hanny, Tante Magda, Onkel Friedrich väterlicherseits, Ronny, Caros Großcousin mütterlicherseits und Mandy, seine Lebensabschnittspartnerin. Mehr hatte Caroline seit dem Abgang ihrer Eltern nicht zu bieten. Johannes Fräsing und seine Schwester Luisa, verehelichte Schwitt mit nicht wirklich überschaubarem Anhang wurden ihre Wahlverwandten.
Nach der zweiten Chemo erklärte Peer, dass er und Pauline die Tortour nicht mehr ertrugen.
„Niemand hält es aus, mit anzusehen, wie du dich aufgibst. Paulis Leistungen sind im Keller und ich kann meine regulären Arbeitszeiten so gut wie vergessen. Bleib bis zum Ende der Therapiemaßnahmen auf deiner Station oder in der Reha-Klinik, damit wir daheim wieder normal leben können!“
Er hätte den Spruch auch verkürzen können. Bleib wo der Pfeffer wächst. Und das für immer.
Peer Brandner hatte bei der Besprechung des Behandlungsplanes neben ihr gesessen. Er wusste, dass diese Krebsart weder genetisch weitergegeben wurde, noch ansteckend war. Er hatte gehört, dass die Kranke sich während der Therapie zeitweise nicht mehr selbst versorgen konnte, und entschied sich trotzdem dafür, seiner Frau die Schuld an ihrem Zustand zu geben.
Caroline rauchte nicht, trank nur zu Feierlichkeiten, also selten mal ein Glas Wein, bevorzugte frische Lebensmittel, war seit Jahren mit Luisa und den Kindern wöchentlich im Schwimmbad, genau so oft in einer Yogagruppe und zu jeder Jahreszeit im nahen Heidewald unterwegs. Die Ärzte redeten vergeblich auf sie ein, der Lebensstil sei weder Ursache, noch könnten sie eine in ihrer Umwelt finden. Caro löste sich langsam in Selbstzweifeln auf.
Doktor Kahan, der Stationsarzt behauptete, dass in einigen Berufsgruppen unbekannte Faktoren eine Auswirkung auf die schleichende Gefahr hätten. Als er herausfand, dass Caroline am Ende ihrer Lehrzeit, nach der so genannten Jahrhundertflut verschlammtes Archivmaterial geborgen und gereinigt hatte, diskutierte das Medizinerteam, ob die Gammabestrahlung der Akten Spätfolgen zeigte. Möglicherweise hatte man die verstrahlten Objekte zu früh freigegeben. Letztendlich brauchte es weniger eine Theorie zur Vergangenheit, als viel mehr Geduld und therapeutische Erfahrung, wie eine Akute Lymphatische Leukämie kuriert werden muss.
Es war Peers Grundstück, das Haus hatten seine Eltern finanziert, er warf seine Frau raus mit der Bedingung, sie dürfe erst wieder kommen, wenn sie gesund sei. Caroline Brandner akzeptierte widerwillig sein Argument, Pauline schützen zu wollen. Sie konnte sich Verständnis leisten, weil sie Freunde besaß, die ihr halfen.
Jo verschaffte Caro eine Wohnung im Seitenflügel eines Mietshauses, trug mit Freund Ludwig, Luisa Schwitt und Familie ihre wichtigsten Sachen und alle ihre Bücher in die zwei Räume, ehe Caro nach einer Verschnaufpause von drei Tagen zwischen Krebsstation und Rehaklinik die nächste Etappe ihres Weges startete. Schonend brachte ihr Luisa bei, dass Peer sich in seinem Haus Ersatz beschafft hatte.
Caro war das Schnee von gestern. Es tat verdammt weh, nach so vielen Jahren Abschied zu nehmen, dennoch kein Vergleich zu den Schmerzen, die ihr eigener Körper ihr zufügte. Ihr fehlte nur Pauli, aber auch die Kraft, um ihr Kind zu kämpfen.
Johannes Fräsing versprach nie etwas ins Blaue. Er und sein Lebensgefährte Ludwig Koch wohnten im Erdgeschoss des Vorderhauses. Morgens, vor seinem Dienst schaute Jo bei Caroline vorbei, kontrollierte ihre Pillenbox, die Notizen zu Blutdruck, Puls und Temperatur.
Luisa nahm sich meist die Wochenenden vor und kurz nach dem Rauswurf Peer Brandner. Unterhaltszahlungen bis zur Scheidung waren das Mindeste. Der Anwalt, ein Freund von Ludwig, kam zu Caroline auf die Krebsstation, einmal sogar mit Jo und Ludwig in die Rehaklinik.
Länger als ein Jahr dauerte der Kampf gegen die entarteten Leukozyten, neun Monate um die Scheidung und das Sorgerecht für Pauline. Der behandelnde Onkologe, ihre Psychotherapeutin, Johannes und Luisa, alle rieten ihr, aus Vernunftgründen ihre Tochter beim Vater zu lassen und sich das Sorgerecht zu teilen, bis ihr Zustand stabiler war. Dieser Rat sollte ihre Lebensgeister antreiben, erreichte nur, dass Caroline zum dritten Mal von Ohnmachtsgefühlen überrollt wurde.
„Verdammt ungerecht“, beklagte sie sich bei ihrer Therapeutin. „Ich habe alles daran gesetzt, eine gute Mutter zu sein, die Familie zusammenzuhalten. Statt eines Dankeschön bekomme ich eine ALL.“
„So ist die Welt“, antwortete die Frau. „Man kann nicht sicher sein, für gute Taten belohnt zu werden. Nur tun Sie sich keinen Gefallen, wenn Sie Ihrer Wut nachgeben. Würden Sie ständig Ihren Gefühlen folgen, hätten Sie den Impuls zum Weitermachen bereits verloren. Auch Gefühle verbrauchen Lebensenergie und in manchen Fällen sind sie reine Verschwendung. Herz mit Verstand gepaart garantieren Ihnen, dass Sie diese Energie sinnvoll einsetzen und damit voran kommen.
Mal angenommen, Sie würden einen Tagtraum aufschreiben, eine Geschichte, die von Ihren Anstrengungen erzählt. Sie sind auf einer Wanderung in den Alpen. Eine Lawine hat Sie im Winter ins Tal gerissen. Irgendwo auf dem Gipfel lebt seit einem Jahr Ihre Tochter. Sie klettern weiter! Das Frühjahr kommt mit den üblichen Rückfällen. Sie aber sind nicht mehr im Tal, Sie wissen nicht genau, ob die Hälfte oder zwei Drittel hinter Ihnen liegen. Das Wetter schlägt gerade wieder um.
Wovor haben Sie Angst? Beschreiben Sie ihre Gefühle und was diese verändern könnte.“
„Die Luft wird dünn. Ich bin am Ersticken. Ich fürchte mich vor der nächsten Lawine, die mich endgültig begräbt. Es ist Februar, der kälteste aller Monate. Ich friere mich nachts zu Tode.“
„Dann brauchen Sie jemanden, der Brennholz für ein Feuerchen hackt.“
Caroline wusste, dass die Vergangenheit aus ihr sprach. Eine Erzählung als Rückgriff in die Erfahrungskiste. Sie starrte die Therapeutin an und begriff: Holzhacker konnte jeder sein, der ihr begegnete. Sie sollte ihre Geschichte zu einem guten Ende schreiben, mit der gleichen Besessenheit, mit der sie Pauli zurückgewinnen wollte. Der Verstand sagte: Halte mich fest. Aber ohne Gefühle wäre auch er ein Versager.
In der GMALL-Forschungsgruppe, die mit anderen in der Republik verbunden war, ging es eindeutiger zu, da sammelte Doktor Kahan Fakten und Messwerte. Er reichte die Daten nie mit Namen an andere weiter. Über Sterberaten gab er keine Auskunft. Aber die Selbsthilfegruppe ließ alles raus. Als das vierte Grablicht im Stuhlkreis angezündet wurde, hatte Caroline genug. Diese Leute sollten weiter heulen. Sie brauchte das nicht, sie brauchte den Blick nach vorn. Sie hatte sich selbst lange genug bemitleidet, für Fremde war keine Träne übrig. Sie wollte weder im Kreis sitzen noch laufen, erst recht nicht zurück in ihr altes Leben, das war beschissen genug. Sie wollte Pauline an ihrer Seite, für das Kind eine Mutter sein. Wollte die neue Wohnung putzen, morgens zu Luisa in den Bus steigen und vor der Universitätsbibliothek wieder raus.
Sie war sogar bereit, wie eine Auszubildende von vorn anzufangen. Ihr fehlte der Geruch nach bedrucktem Papier, wenn eine Lieferung Bücher eintraf. Sie wünschte über sich das Oberlicht im Innenhof, wenn die Abendsonne sich in den Scheiben brach. Ihr fehlte der nervige Geräuschpegel der Studierenden in den Gängen der Freihandbibliothek, vor den Schließfächern und Ausleiheautomaten. Sie vermisste die bekannten Gesichter aus den Instituten, wenn die Besucher ihre Vorbestellungen in Empfang nahmen. Schön, dass Sie wieder da sind, Frau Brandner.
Caroline, als sie noch nicht Brandner hieß, lebte in einem Weiberhaushalt, in ständigem Streit mit Onkel Friedrich, der zur Erbengemeinschaft der Sippe gehörte. Sie wollte so bald als möglich von Oma Hanny und Tante Magda unabhängig werden. Statt sich mit ihren Bestnoten für ein Studienfach zu bewerben, begann sie nach dem Abitur eine Lehre in der Zentralbücherei der Technischen Universität. Ein Neubau war seit Jahrzehnten geplant und immer wieder verworfen worden. Als der Freistaat beschloss, die altehrwürdige Landesbibliothek mit den wissenschaftlichen Bibliotheken der Stadt in einem Neubau-Komplex zusammenzuführen, schrieb sich Caroline an der Humboldt-Universität ein. Sie schloss ihren Bachelor so gut ab, dass sie sofort in den berufsbegleitenden Masterstudiengang übernommen wurde. Peer erwartete, dass sie ihm zuliebe in Berlin bleibt, aber es zog sie heim in das neue Gebäude. Caroline durfte bald als jüngste Abteilungsleiterin die Sondersammlung Design nach 1945 betreuen.
Luisa Schwitt, geborene Fräsing war damals wie sie eine von 360 Mitarbeitern und im Bereich Erwerbungen angestellt, außerdem um einiges älter als Caroline. Sie lebte mit Benno, einem Dozenten der Fakultät für Umwelttechnik und dem zweijährigem Sohn Lukas in einer nagelneuen Eigentumswohnung. Vielleicht hätten sich die Frauen nie angefreundet, wenn sie nicht zur gleichen Zeit schwanger geworden wären. Seitdem bemutterte Luisa ihre Caro. Sie war von Peer begeistert. Er stellte sich mit Benno an den Grill, ließ sich auf Sohn Lukas ein, als wäre er der Taufpate.
Caro hatte bis auf ihre Großmutter, Tante Magda und den schwer ertragbaren Onkel keine Verwandten in der Nähe, eine komplette Familie wurde ihr erst mit Luisa und Benno wichtig. Nur Johannes, Luisas Bruder mochte Peer nicht. Er warnte Caro auf der ersten gemeinsamen Silvesterfeier. Da war es schon zu spät. Sie dachte damals, Jo wäre eifersüchtig, das kam bei ihm nicht gut an. Bald ahnte sie, dass er Recht haben könnte.
Großmutter starb und Pauli kam gerade zur Schule, als Caroline entdeckte, dass ihr Mann nicht zum ersten Mal einen Seitensprung machte. Peer folgte Caroline nach seinem Studienabschluss ohne längeres Nachdenken aus Berlin, weil er meinte, er könne im Osten leichter Karriere machen. Natürlich traf das für seine Fachgebiet zu. Er fand einen gut bezahlten Job in der Energieversorgung. Dennoch konnten sie sich nur eine Mietwohnung leisten, weil Caro mit dem Kind drei Jahre zu Hause bleiben sollte. Das hielt sie nicht aus, also suchte sie bald eine Tagesmutter.
Sie hatte dem Personalchef drei Jahre gesagt. Die Schwangerschaftsvertretung besaß einen entsprechenden Arbeitsvertrag, die Stelle war fürs erste weg. Aber man schätzte sie, gab ihr einen Platz in der Abteilung für alte Handschriften und das gleiche Gehalt. Sie begann mit 30 Stunden und stockte auf 40 auf, als Pauline in die dritte Klasse ging. Die Schule tat dem Mädchen gut.
In der Tagesgruppe war Pauli das einzige Mädchen gewesen. Zurückhaltend, fast lautlos bewegte sich das Kind auch daheim. Sein Stottern ließ nach, bis der Wechsel ins Gymnasium bevorstand. Vater Peer bestand auf einer höheren Schulbildung, die Klassenleiterin hielt dagegen. Sie meinte, der Druck würde dem Kind nicht gut tun. Auch im siebenten Schuljahr käme eine Entscheidung fürs Gymnasium noch zurecht. Peers Argument, seine Tochter sei eine Spätentwicklerin und daran würde sich nichts ändern, aber der Wechsel in der Pubertät noch größere Defizite produzieren, zählte mehr.
Caroline hatte sich angewöhnt, seiner Logik zu folgen. Er entschied, sie fügte sich. Sie ging mit ihren Wochenstunden auf fünfundzwanzig zurück, um der Kleinen beizustehen. Sie hätte sich zurücklehnen können, Pauli ließ sich trotz Handicap nicht mehr betutteln. Sie wurde bald dreizehn, trainierte in einer Tanzgruppe, hatte Freundinnen, sang im Schulchor, was ihr Stottern reduzierte. Caroline hockte daheim, ihre Tochter flog aus. Peer wies seine Frau zurecht, im Haus gäbe es genug zu tun. Er interessierte sich nicht mehr für Caros Karriere. Von da an fühlte sich Caro verbraucht und unzufrieden, sogar der Winterurlaub in Janské Lázně wurde für sie purer Stress.
Als Caroline die Signale nicht mehr unterdrücken konnten, der Hausarzt eine Leberschwellung feststellte und nach ersten Laboruntersuchungen Caroline zur Intensivdiagnostik ins Klinikum überweisen wollte, erwartete niemand eine tödliche Diagnose. Bis sie vor den Augen ihrer Tochter morgens im Bad kollabierte.
Die Krankheit warf Caroline aus dem eigenen Lebenslauf. Sie konnte nicht einmal zwischen langsamem und schnellem Sterben wählen, weil sogar zu einem Suizid zu schwach.
Ihre Chancen auf Heilung standen zwischen dreißig und fünfzig Prozent, mit einer Stammzellentherapie etwas mehr. Mit Zytostatika und Strahlentherapie kam sie gegen die ALL nicht an. Es war der erste Lichtblick nach einem tiefen Fall, als sie in Kahans GALL-Studie aufgenommen wurde.
Luisa wurde manisch vor Angst. Sie kam in der Woche mit Blumen, Karten, Briefchen in die Klinik. Nachrichten von ihren Kindern, von Pauli und Jo, von Tante Magda, von der Belegschaft. Zwei Monate und der Briefchenverkehr brach ab, denn Caro war immer seltener in der Lage zu antworten.
Auch Peers Besuche ließen nach, wie die kleinen Videobotschaften, die Pauli an ihre Mama schickte. Kinder durften nicht auf die Krebsstation kommen. Die Videocalls mit ihr wurden reduziert, weil Papa kontrollierte. Ich kann Pauline dein Elend nicht mehr zumuten.
Nur Luisa und Jo blieben bei der Stange, brachten Bücher, Musik, bestärkten Caro, mit Hilfe eines alten MP3-Players ihre Sprachkenntnisse in Englisch, Latein und Französisch zu erweitern. Wenn sie unfähig war zu lesen oder zu lernen, lenkte es ab, sich in ein Hörbuch oder Musik zu flüchten.
Ludwig Koch, Jos Lebensgefährte durfte als Assistenzarzt auch zu sonderbaren Zeiten die Station betreten. Er gab den Anstoß, dass Caroline Vertrauen in das Behandlungsteam fasste. Das letzte Ergebnis im MRD war entscheidend. Caros Heilungsaussichten wurden nun mit 70 Prozent bewertet. Sie zählte neben anderen Patienten in der Langzeit-Studie Doktor Kahans als Hoffnungsträgerin der Wissenschaft. Sie willigte endlich in eine psychologische Begleitung ein.
Eine Tatsache sprach auch die Psychotherapeutin nie an. Der Behandlungsplan bezog sich im besten Sinn auf lebensverlängernde Maßnahmen. Garantien gab es nicht. Ein Überleben der ALL wurde auf maximal fünf Jahre geschätzt, mehr könne niemand vorhersagen. Wie alle Sterblichen, hatten Mediziner großen Respekt vor Juristen, fürchteten die Hinterbliebenen mehr als ihre Patienten. Es sei denn, das Wunder trat ein – eine vollständige Remission.
Die Psychotherapeutin verordnete Caroline Brandner ein Traumtagebuch, Tagträume eingeschlossen. Davon hielt Caro nicht viel, aber sie fügte sich und kaufte eins von den Blankobüchern mit venezianischem Dekor. Was nicht schadete, könnte irgendwann nützlich werden. Luisa erzählte sie nichts von ihrem Gekritzel, die Therapeutin fragte hin und wieder nach. Sie behauptete, mit dem Schreiben könnte Caroline sich einen Weg in die Zukunft bauen.
Dann kam der Tag, als Caroline Brandners dritte Phase der Wiederbelebung begann, Muskelaufbau, Yogaübungen, physiotherapeutische Anwendungen. Die Reha-Klinik lag am Stadtrand und dank eines Anwalts durfte auch Pauli in Begleitung von Luisa ihre Mama besuchen. Sie stotterte wieder verheerend. Daraufhin schrieb Peers Anwalt, dass Caroline ihrer Tochter zuliebe auf das Besuchsrecht verzichten solle. Alles, was Caro Brandner für andere tat, richtete sich irgendwann gegen sie.
Inzwischen entschied ihr Ex-Mann ohne Caros Einwilligung über sein Kind. In den Osterferien flog er mit Pauline und der Ersatzfrau auf die Kanaren. Caroline hielt es in ihrem Wohnung nicht aus. Von Donnerstagmittag bis Dienstagfrüh keine Behandlungsmaßnahmen oder anderen Termine. Caroline fühlte sich in einer Sackgasse. Sie verzichtete auf den Zuspruch der Therapeutin, lehnte sogar ab, mit Jo oder Luisa zu verreisen. Sie wollte weder den Familienfrieden der Schwitts noch die überbordende Anteilnahme von Johannes weiter herausfordern.
Sie grübelte, was ihr mehr brachte: Last Minute Fly ans Meer oder Kurzurlaub in der Nähe. Nachts um vier hatte sie eine Entscheidung getroffen. Eine Website bot Osterwandern im Erzgebirge und in der Sächsischen Schweiz an. Unterwegs sein mit Leuten, die sie zu nichts verpflichteten. In dreieinhalb Tagen auf einer Hütte musste sie weder gewisse Erwartungen erfüllen, noch Versprechen abgeben. Aktivitäten mit steigerbaren Anstrengungen waren ein Teil des Rehaprogramms. Der Sportteil sagte nichts über einen normalen Alltag und Dauerbelastungen. Sich in der Natur bewegen, stärkte die Abwehrkräfte. Unterwegs im Gebirge könnte sie ihre Leistungsfähigkeit testen. Im Preis waren regelmäßige Mahlzeiten eingerechnet. Auch das kam ihr entgegen, sie kochte nicht allein für sich. Besonders verlockend: Sie lernte, mit Leuten wieder übers Wetter zu reden, statt über Bilirubin und Krebsmarker. Als Hauptgewinn sah sie die Möglichkeit, ihrer Therapeutin in der Sitzung am Mittwoch zu beweisen, dass sie sich nicht mehr wie das Opfer einer Natur-Katastrophe benahm.
Caro googelte sich in die Gruppe von Patrick Friedberg, fand den Betrag für drei Tage Übernachtung und Vollpension plus Frühstück am vierten sowie Fahrtkosten angemessen, meldete sich online an und war viel zu früh am Treffpunkt erschienen.
Nun saß sie im Bus eines Unbekannten hinter Doris und Norbert, vor Jane und Hedi, wer auch immer die waren, und fühlte sich schon eingeklemmt. Oder es machte die Erinnerung an die Klassenfahrt mit Pauline. Eine Reise mit ihrem Kind, ohne Angst vor der Zukunft, weil bisher alles darauf hinauslief, dass man sein Leben im Griff hielt. Und wenns ein Spatzenleben war, auch das konnte Spaß machen.
Aus und vorbei. Sie sollte zufrieden sein, mal aus der Stadt zu kommen.
Caroline unter Fremden und der Bus rollte an der Uferstraße entlang, parallel zur Eisenbahnlinie. Die führte Richtung Schöna und weiter nach Prag. Am Fluss grünten zaghaft die Wiesen. An den kahlen Bäumen platzten harzige Knospen. Da, wo sich die Häuser der Landstraße näherten, prahlten die Vorgärten in ihrem Osterschmuck. Primel und Krokusse, späte Märzenbecher. Farbige Eier an den Forsythia-Sträuchern.
Der Bus nahm Fahrt auf. Kaum Verkehr, der ihn behinderte, nur leichter Bodennebel. Rechts auf dem Tafelberg die alte Festung. Dann kaum noch Siedlungsgebiet, bis sie die nächste Brücke ansteuerten, um auf die bewaldete Flussseite zu wechseln.
Tobias Kaden am Steuer unterhielt sich mit Linda. Es klang zunehmend streitsüchtig. Wahrscheinlich hatte der junge Mann mit Bart ums Kinn und Pferdeschwanz im Nacken noch nicht gefrühstückt oder das Falsche gegessen. Oder Linda bekam die falschen Antworten. Sie verzog sich nach hinten, setzte sich neben Caroline. Was Doris nicht gelungen war, schaffte die junge Frau mit den Tattoos.
„Er sagt, er hat dich an der Uni gesehen. Dafür bist du ziemlich alt. Kennst du ihn auch?“
Caroline Brandner musste sich erklären. Abgesehen davon, dass der Bibliotheks-Komplex von 36 Tausend Studierenden und Mitarbeitern der Universität genutzt wurde, war er eine öffentliche Einrichtung des Freistaates, die kostenlos von jeder Person, egal welcher Herkunft und Berufsgruppe sie angehörte, Zugang zu etwa 5 Millionen Medien verschaffte. Selbst, wenn sich Tobias Kaden in irgendeiner Weise im Hauptgebäude hervorgetan haben sollte, behielt Caroline schon aus Selbstschutz nur einen begrenzten Kreis von Benutzern und Benutzerinnen im Gedächtnis. Im Bus signalisierte ihr Bauchgefühl, auf keinen Fall zu leugnen. Es waren nicht Lindas Worte, die das kleine Feuerwerk der Synapsen auslösten, eher ihr schräger Blick.
„Möglich, dass er mal in meiner Abteilung oder in den Lesesälen auftauchte“, räumte Caro ein. „Wo studiert er denn?“
Stolz, als hätte sie es selber geschafft, meinte Linda, Tobias sei vor vier Jahren mit einem Master in Sozialwissenschaften abgegangen.
„Ja dann!“ Caroline musste nicht mehr nachdenken. „Sie kommen und gehen“, meinte sie. „Wenn ich mir in den letzten sechs Jahren auch nur zwanzig, dreißig Namen oder Gesichter von Absolventen gemerkt habe, ist das viel. An deinen Freund erinnere ich mich nicht. Bei Fakultäts-Mitarbeitern sieht das anders aus. Sie haben meist eigene Handbibliotheken, bestellen aber Fernleihen oder extrem seltene Literatur. Da kann ich Gesichter einem Fachgebiet zuordnen. So was merke ich mir gut: Die Zeitschrift, das Buch, die elektronische Version und einen Namen.“
Linda blickte momentan verwirrt, dann nickte sie. „Habe ich mir schon gedacht. Er wollte mich eifersüchtig machen.“ Sie winkte ab. „Ich bin dreiundzwanzig, da darfst du grübeln, warum ich nach älteren Männern suche. Und komm mir nicht wie Doris mit Vaterkomplex!“
Caroline grabbelte es im Zwerchfell, nur hatte sie sich das Lachen abgewöhnt. „Tobias wird wenig älter als dreißig sein“, meinte sie nüchtern. „Als dein Vater kommt er demnach nicht in Frage. Ich habe keine Ahnung, warum sich jüngere Frauen in ältere Männer verlieben, weil mir das total egal ist. Wenn du ihn wirklich magst und er dich, spielen ein paar Jahre mehr oder weniger vermutlich keine Rolle.“
Linda schwieg eine Weile, während Caroline mit jedem gefahrenen Kilometer ruhiger wurde. Der Ausblick auf den Mischwald und die Felsen, die dem Fluss näher rückten, erleichterte sie. Tatsache, sie hatte sich aus der Stadt gewagt und es machte sie froh.
Freude war ein starkes Gefühl gegen Angst. Freude begann mit einem Kitzeln im Bauch, kletterte höher und wartete auf den Moment, sich zu entladen. Der war noch nicht gekommen.
Eine Ansiedlung von älteren und alten Häusern, Kirche am Marktplatz, ein gläserner Neubau am zweihundertjährigen Sanatorium. Damit hatte sich die kleinste Stadt Deutschlands den Ehrentitel eines Kurbades verdient. Seine Einwohnerschaft machte mit der Therme mehrfach Gewinn und zog nicht nur Urlaubswillige mit ihren Familien, sondern viele gut betuchte Privatpatienten an.
Tobias steuerte seinen Bus vom Markt bis ins Kirnitzschtal, fuhr am Bach entlang, an Gaststätten und Pensionen vorbei, bis rechts und links der Fahrstraße nur noch felsige Hänge und bewaldetes Gestein zu sehen waren.
Es hatte Jahreszeiten gegeben, als die Straße im Tal nicht mehr benutzbar war, weil die Kirnitzsch ihren wahren Charakter zeigte. Die Osterwoche sollte regenfrei bleiben, aber Linda malte sich eine Katastrophe aus. „Wenn ich Dienstag nicht zur Arbeit komme, kann ich meinen Job vergessen. Ich bin noch in der Probezeit.“
Doris drehte sich zu ihr um und behauptete ungefragt, dass sie keinesfalls bedroht wären. „Unsere Baude liegt auf dem Wetterberg. Letzten Herbst, als das Tal geflutet wurde, sind wir nach Norden, über das Hochland heim gefahren. Pech für die Touristen, die sich unten in Pensionen eingemietet hatten.
Tatsächlich schlängelte sich Tobias nach der Mühle im Grund auf einem Forstweg bergan. Der Wald wich zurück.
2 Aufstieg
Seltsam, wie selten ich in meinen Tagträumen erhoffte, was sich im Nachtschlaf offenbart. Ich habe mir meine Sehnsucht nach Weite und Licht nie zugestanden. In den mutigsten Träumen wurde sie sichtbar, aber verstanden habe ich Sehnsucht erst jetzt.
Aus meinem Traumpfadebuch. CB
Im iPhone googelte Caro den Wetterberg. 700 Meter über dem Meeresspiegel. Was nicht viel bedeutete. Das nächste Meer lag etwa fünfhundert Kilometer entfernt. Die Hütte stand auf einem Plateau, mit freiem Blick nach Osten und Südwesten, einem Ehrfurcht gebietendem Panorama. Vor der Tür Patrick Friedberg, offene Daunenjacke, die Wollmütze in der Rechten. Er winkte damit. Seine Getränkeladung wartete auf starke Arme. Norbert und Tobias ließen die Frauen aussteigen und wendeten sich wichtigeren Sachen zu, den Bierkisten.
„Wir sind mit dem zweiten Frühstück dran“, meinte Doris. „Ich mach das Buffet und Hedi die Sandwichs für unsere erste Wanderung. Wer kümmert sich um den Kaffee?“
So also wurden die Preise fürs lange Wochenende gedrückt. Selbstversorgung, kein Hüttenwirt. Als die Tafel bereit war, die Männer Holz für den Kamin in die Stube brachten, fiel Friedberg ein, dass er eine Neue einweisen müsste. Er hatte sich auf die Frauen verlassen, das war nur begrenzt sinnvoll.
„Du hast um ein Einzelzimmer gebeten“, wendete er sich Caroline zu, während er sich aus seiner Jacke schälte und den Schal abwickelte. Nicht korpulent, aber muskulös. Die Klamotten machten aus ihm einen Kerl wie ein Baum. Darunter war er eher Birke als Eiche. Mittelprächtig auch sein Aussehen, mit den Männern, die Caroline näher kannte, nicht vergleichbar. Bis auf die schnellen Augen und seine Beweglichkeit leicht zu vergessen.
Peer hatte ihr geschmeichelt, Peer konnte man überall vorzeigen; er nahm Männer wie Frauen sofort für sich ein. Nur bei Jo funktionierte das besser. Luisas Bruder machte im Studententheater Karriere, entschied sich aber für die Arbeit mit Jugendlichen, die einen behinderten Start ins Erwachsenenleben hatten.
Jos Lebensgefährte hielt äußerlich einigermaßen mit. Ein begabter Mediziner in Facharztausbildung, der stille, kräftige Part in der Beziehung. Luisa hatte nach der ersten Begegnung gemeint, ihr Bruder könne witzigere Typen haben. Sie drehte sich um hundertachtzig Grad, als sie Ludwig näher kennenlernte. Ein warmherziger Mensch, alles andere als ein Langweiler, er überzeugte Luisa mit seinem trockenem Humor. Jo und Ludwig wären unter Unterwäschemodels nicht aufgefallen. Ihre Berufe brachten mehr Mühe und weniger Geld ein, waren ihnen aber mehr wert.
Benno Schwitt besaß andere Vorzüge. Luisas Ehe beruhte nicht auf gängigem Geschmack. Benno kam aus Brunsdorf am Bodden und legte seinen Dialekt auch als Dozent mit Doktortitel nicht ab. Allein seine Vorliebe für Fahrradöl, Haushaltgeräte und Klempnerwerkzeug hatte ihn für die Weiblichkeit attraktiv gemacht. Frauen ließen ihn gerne in ihre Wohnung: die Waschmaschine auseinander nehmen, wieder zusammensetzen, den Abfluss im Bad reinigen, eine Spüle montieren. Sie belohnten ihn mit Kaffee und Selbstgebackenem, mit einem Küsschen vor Freunden, im Höchstfall wurde ihm ein One-night-stand gewährt.
Luisa wusste innere Werte wie auch die praktischen zu schätzen. Sie blieb unentschlossen, hielt sein hartnäckiges Werben für überzogen. Sie traute Bennos Geduld nicht. Sein Diplom, die Doktorandenstelle waren ebenfalls kein Grund für sie, seinen Antrag anzunehmen. Jo schüttelte den Kopf über die ältere Schwester.
„Du willst Kinder, Familie? Du kannst keinen besseren Ehemann und Vater kriegen.“
Es wäre nur ein vager Versuch geblieben, wenn Benno sich nicht bei erster Gelegenheit nachts genau so geschickt wie tagsüber angestellt hätte. Er verwöhnte Luisa, er teilte mit ihr und nur mit ihr jedes kleinere und größere Problem bis zur Lösung, einschließlich ihre Scheu vor körperlichen Übungen unter Erwachsenen. Nicht, dass sie Argumente gegen Sex im allgemeinen wüsste. Im besonderen wechselte sie vor Benno häufig ihre Partner. Sie schämte sich zu schnell für ihre unausgesprochenen Bedürfnisse.
Für Benno kein unlösbares Problem. Abgesehen von seinen Vorlesungen und Seminaren für zukünftige Ingenieure, redete er privat nicht viel, er war ein geduldiger Zuhörer und überzeugte als Praktiker.
In ihrer zweiten Schwangerschaft sprach Luisa zum ersten Mal mit einer Frau darüber. Sie und Caroline grüßten einander an der Bushaltestelle oder beim Schichtwechsel im Lesesaal, begegneten sich hin und wieder im nächsten Supermarkt, aber die Ältere besaß kein tieferes Interesse an einer jungen Frau mit hennagefärbter Mähne.
Die hatte eben erst ihr Studium in Berlin beendet. Eines Tages saßen sie gemeinsam im Wartezimmer der einzigen Frauenärztin im Viertel. Am Tag danach ging Luisa auf Caroline zu.
„Fünfter Monat? Ich bin im vierten. Ich habe schon einen Sohn. Sieht aus, als wenn mein zweites ein Mädchen wird. Weißt du, welche Hebamme du nimmst? Ich kann dir Beate in der Seidlitzer Straße empfehlen. Du musst mehr trinken, ich sehe das an deiner Haut.“
Caroline hatte immer zwei, drei Freundinnen gehabt und diese gleichzeitig. Sie ging nach Berlin, sie kehrte zurück, die Freundschaften verliefen sich. Dafür standen ihr überall Kumpel näher, gute Freunde, die ihr nicht gefährlich wurden. Bis Peer kam. Er vergraulte sie alle, er wollte Caro für sich allein. Nur die Freundschaft mit Luisa wurde von Jahr zu Jahr herzlicher. Die Kinder fanden ebenfalls Spaß miteinander. Das übrige tat der Alltag in der Bibliothek.
Luisa hatte für ihre Familie und Caroline über Ostern ein Ferienhaus in Kroatien gebucht. Im Familienvan war Platz genug. Sie hielt es für unnötig, dass Caro von ihrer Invalidenrente etwas zur Miete gibt. Während der zehn Tage müsste die Freundin nicht einmal in die Essengeldkasse einzahlen.
„Du verbrauchst mehr Tabletten als Fleisch und Gemüse“, meinte Luisa Schwitt, „ du pickst am Tisch wie ein Huhn sein Körnchen. Was soll ich da berechnen?“
Urlaub in Kroatien? Caroline sagte dankend ab. Luisas Kinder waren ihr sehr lieb, sie hatte sie aufwachsen sehen. Aber sie erinnerten zu stark an Pauli. Caroline vermisste ihre Tochter bis zum nächtlichen Herzschmerz.
Wie sich zeigte, waren die Baude im Gebirge und eine klein gehaltene Wandergruppe gerade so das Maß, das sie ertrug. Leute, die sie nur drei Tage und drei Nächte aushalten musste. Caroline hatte auf ein Einzelzimmer bestanden. Der stämmige Gruppenleiter nahm ihren Rucksack, den er Kraxe nannte, und schleppte ihn in ein geräumiges Zimmer im Erdgeschoss.
„Wir haben dich hier untergebracht. Der Bergfreund, der abgesagt hat, wäre sicher gerne mit eingezogen, aber ich wusste, dass er auf der Suche ist. Ich hatte ihm die Teilnehmer genannt und dich kurzerhand zum Carlo gemacht. Du wolltest einen Raum für dich allein haben. Du hast einen Grund dafür, den ich respektiere. Er kennt meine Gruppe bereits. Sie ist perfekt. Aber nicht fürs Parshipping. Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht.“
Für einen Moment schwieg Patrick Friedberg. Er betrachtete Caroline, als hätte er sie eben erst entdeckt. „Du wirst es selber sehen. Wir ergänzen einander bestens. Sogar, wenn wir streiten. Wir sind heute ein paar Stunden zum Aufwärmen unterwegs, wollen Gebirgsluft schnuppern. Weder Sonne noch Wind dürfen im Frühjahr unterschätzt werden. Du wirst in der Cordjacke frieren.“
„Ich habe keine andere“, schmollte Caro. „Ich zieh mir ein zweites Shirt unter.“
Friedberg lächelte überlegen. „Ich frage Doris, ob sie einen Pullover übrig hat.“ Er ließ keine Widerrede zu, verließ einfach das Zimmer. Kurz danach klopfte Doris an und war schon drin. Sie musterte Caroline hemmungslos, stellte laut fest, sie hätte zu wenig auf den Rippen. Eine Mitte vierzig durfte das zu einer Neununddreißigjährigen sagen, Caro war durch Luise daran gewöhnt. Deren Muttergefühle hatten mit den drohenden Wechseljahren eindeutig zugenommen. Schien bei Doris nicht anders zu sein.
„Wir freuen uns, dass Zuwachs in die Gruppe kommt“, behauptete die Ältere. „Nicht, weil wir uns langweilen. Aber es belebt die Gruppendynamik. Norbert und ich sind jedes zweite, dritte Wochenende mit dem Verein unterwegs, am liebsten mit Patrick. Wir hätten ihn beinahe in unsere Familie aufgenommen. Norbert hat eine Tochter aus erster Ehe. Sina mag die Berge nicht, sie hängt lieber am Strand ab. Wenn Pat eine Gruppe übernimmt, gehen auch Hedi und Jane mit. Sie haben sich ebenfalls an uns gewöhnt. Tobias kommt grundsätzlich nur zum Klettern, wenn Pat dabei ist. Er bevorzugt die Boulderhalle. Das wäre nichts für mich. Ich brauche den Himmel, frische Luft und jede Menge Grün.“
Sie hätte noch weiter palavert, wenn Caroline ihr nicht den Handgestrickten weggenommen hätte. „Vielen Dank. Ich gebe zu ich bin schlecht vorbereitet, ich habe mich spontan entschlossen, die Feiertage außerhalb zu verbringen.“
Doris ließ sich nicht abschütteln, betrachtete Caroline mitleidig und meinte, es wäre höchste Zeit. Blass wie der Tod und nix auf den Rippen. Sie wiederholte sich. Erst, als Caroline stumm wartete, begriff die kleine Frau, dass die andere keinen Gesprächsbedarf hatte, auch keine Hilfe beim Umziehen wünschte. Doris zog sich seufzend zurück.
Die acht Leute folgten dem Plagensteig, an dessen rechter Seite ein Bächlein abwärts stürzte. Auf der anderen wucherte von Brombeerhecken durchwachsenes Gesträuch. Die noch kahlen Hainbuchen, winterträgen Fichten und Kiefern standen etwas entfernter, dafür krochen in Wassernähe grüne, schneckenförmige Triebe aus dem Farn. Soviel Caroline noch wusste, war das Schwefelmoos an den Stämmen ein Wetterzeichen. Die häufigsten Schauer kamen von Westen. Brombeerhecken streckten sich eher nach Süden.
Nach zehn Minuten trennten sich Bach und Weg, der Wald rückten von beiden Seiten näher, das Unterholz verdünnte sich. Je steiler der Forstpfad, um so kräftiger traten Wurzeln hervor, die Bäume hatten den Boden mit braunen Nadeln bedeckt. Verrottetes Laub aus dem Vorjahr, dazwischen Blattwerk von den Büschen. Der trocken-kalte Winter, kaum Schnee, hatte ganze Arbeit geleistet. Wenn man nicht acht gab, rutschten die Füße über Wurzel, Nadeln, Blättchen aus.
Doris überließ vorn ihren Mann dem Gruppenführer, stolperte ein wenig, als Hedi sie ablenkte, ließ auch Linda und Tobias an sich vorbei.
„Mach dir keinen Kopf, Caro, wenn du nicht so fit bist wie wir. Linda hat so oder so einen Mädchenbonus. In ihrem Alter habe ich nicht einmal gemerkt, dass ich Muskeln besitze, geschweige denn, mir einen Muskelkater einfange. Ich bin immer drauf los gerannt. Erst als ich schwanger war, musste ich meine Kräfte einteilen lernen. Bin bis zum siebenten Monat mit Norbert unterwegs gewesen. Unser Junge studiert Sportmanagement in München. Hast du Kinder?“
„Eine Tochter“, antwortete Caroline und setzte dazu: „Sie wird vierzehn.“
„Du hättest sie mitbringen können. Ich bin Lehrerin, ich sage dir, die Kids können nicht früh genug lernen, wie befreiend Natur sein kann.“
„Sie ist mit ihrem Vater auf die Kanaren geflogen“, versuchte Caroline die Begleiterin auszubremsen. „Da gibt es nach meinen Informationen auch Natur.“
Sie bemühte sich, harmlos zu klingen. Doris begriff.
„Schön für sie, traurig für dich. Irgendwann müssen wir sie ziehen lassen. Mit vierzehn etwas früh. Andererseits hätte ich dich, wenn sie bei dir geblieben wäre, wahrscheinlich nicht kennengelernt.“
Caroline bestätigte mit einem Nicken und Lächeln. Sie wollte nicht verraten, dass ihr das Atmen schon ohne Geplapper schwer fiel. Als hätte Doris einen sechsten Sinn, erklärte sie, dass der Plagensteig auf ein Plateau führt.
„Keine Bange. Wir sind kurz davor.“
„Warum Plagensteig?“, fragte Caroline, um nicht wieder auf persönliche Dinge zu kommen.
„Sobald es wärmer wird“, erklärte Doris, „machen sich hier die Mücken breit. Einerseits brüten sie am Bach, weil er nur im Frühjahr so schnell fließt und sich später Schlamm an den Rändern absetzt, andererseits befindet sich etwas westlich hinter den Bäumen ein versumpfter Waldteich. Wegen der Mückenplage wählen wir die Route nur in der Vor- und Nachsaison. Touristengruppen begehen selten diesen Pfad. Sie kommen mit der Seilbahn auf das Plateau. Die beginnt tief unten im Kurort und hält einmal auf halber Höhe an der Hasenscharte. Dahinter geht es auf Stiegen zur Wetterklamm und abwärts wieder direkt zur Grundmühle am Wasserfall. Wir nehmen den Wetterberg von oben und werden noch vor dem Ansturm auf dem Plateau sein, um ein Picknick zu veranstalten. Ein leckeres Essen gehört für uns zu jeder Ostertour.“
Doris hatte nur teilweise recht. Als sich der Wald lichtete und das Buschwerk zurückzog, wurde der Pfad steiniger, bis nackter Sandstein übrig blieb.
Caroline achtete auf ihre Füße, um nicht zu straucheln, nun war sie geblendet von der Himmelsbläue und den Strahlenfächern, die durch die Cumuluswolken stießen. Der Gipfel lag frei, sie hatte so viel Licht nicht erwartet.
Damit Besucher vor dem Abgrund bewahrt wurden, war an den Rändern des Plateaus ein eisernes Geländer angebracht worden. Eine Familie mit drei Kindern, ein älteres Paar hingen dran und staunten. Dem Dialekt nach kamen sie aus einem nördlichen Flachland. Die Seilbahn hatte sie eben als erste Tagesladung ausgespuckt.
Dicht am Wald standen unter einem Schutzdach Langtische mit Bänken aus halben Kieferstämmen, angeschliffen und lackiert. Wind war eher von Westen zu befürchten, die Erbauer des Rastplatzes hatten das berücksichtigt. Bänke und Tische waren ganz offensichtlich älter als das Schutzdach, aber gepflegt. Ein Messingschild an einem Stützbalken gab Auskunft, dass der Schöne Heimat e. V. Sachsen dafür sorgte.
An einer der Tafeln saßen drei junge Kerle in Outdoorkluft von Globalpower. An der zweiten deckten Hedi und Jane den Tisch. Auch Caroline und Doris mussten ihren Teil aus der Tasche packen. Getränke und Einweggeschirr kamen aus den Rucksäcken der Männer. Der Verein war gut organisiert.
„Das hier wird unsere jährliche Osterfeier auf dem Berg“, erklärte Doris. „Als Saisonauftakt. Mein Sohn nennt es Party machen. Wir hängen nicht irgendwo rum, wir feiern auf andere Art. Wir wandern. Morgen trägt Jede und Jeder nur seins und das Picknick wird bescheidener.“
In der Tafelmitte stand ein Korb mit gefärbten Eiern und Löwenzahnblättern, daneben eine Platte mit Schinken und Salami, eine mit Hühnerbeinchen und eine mit mehreren Käsesorten. Caroline hob sich der Magen. Sie griff nach einem gebutterten Weißbrot und nahm sich einen Apfel aus dem Obstkorb.
Die anderen klapperten mit ihrem Besteck, belegten ihre Pappteller mit Huhn, Käse, Ei und Schinken. Jane füllte Trinkbecher nach Wunsch mit Kaffee oder Tee auf. Caroline wählte eine kleine Flasche Orangensaft. Sie war als erste mit dem Essen fertig.
„Kein Wunder, wenn du nichts auf den Rippen hast“, spottete Jane.
„Wenn du bis Pfingsten nicht zunimmst, holt dich der Bilch“, warnte Hedi.
Linda grölte. „Der mag nur Mädels, bei denen er was zum Beißen hat.“
Wer war der Bilch?
„Ich muss mal“, lenkte Caroline ab. Hinter Kiefernstämmen befanden sich zwei dieser blauen Miettoiletten, ein Komfort, den es vor Jahren sicher noch nicht gegeben hatte, der aber seit Einrichtung des Seillifts dringend benötigt wurde.
Sie waren drei Stunden unterwegs gewesen, für Caroline eine Mutprobe, für die anderen ein Spaziergang zum Anwärmen. Ihnen fiel auf, dass sich die Neue nicht besonders sportlich zeigte. Niemand machte das zum Thema.
Auf dem Heimweg ordnete Friedberg als Gruppenführer an, bis zur Zwischenstation den Lift zu nehmen und gewissermaßen auf halber Höhe über den Glimmersteig zur Hütte zu laufen. Bergab, bergauf und in sanften Serpentinen ging es durch Mischwald. Wieder vorwiegend Kiefern mit schwachem Unterholz am Pfad, und damit über Wurzelwege. Diesmal machte der Boden einen sandigen Eindruck, mit einem bröckelnden Konglomerat aus getrocknetem Schlamm, Quarzen und schiefrigem Glimmer.
„Schade, dass es nicht geregnet hat“, meinte Tobias Kaden, der Mann mit dem Jesusbart und dem Pferdeschwanz. „Dann würden wir auf einem Meer von Lichtern laufen. Glimmer ist noch älter als unser Sandstein“, erläuterte er Caroline, „er hat seinen Ursprung in vulkanischen Zeiten.“
Sie ließ sich gern ablenken, stellte eine oder zwei Fragen zwischen seinen Monologen. Linda reagierte sauer. Tobias bemerkte es erst, als Jane ihn anstieß. „Kümmer dich um deine Freundin, sonst hängt sie sich noch an Pat und das hält der nicht aus.“
Friedberg und Kaden waren etwa gleich alt, Linda bedeutend jünger als ihr Freund. Jane war die selbe Generation und sah älter aus als Hedi. Es lag an ihrer Erscheinung und am Benehmen, weil die gut gerundete Hedi wie ein Ziesel durch den Wald sprang und die drahtige Jane störrisch neben ihr her stakte. Sie ließ nur ein Wort fallen, wenn es unbedingt nötig wurde. Hedi dagegen äußerte nicht nur Üppigkeit in der Figur. Neidvoll beobachtete sie Doris, seit diese Caroline unter ihre Obhut genommen hatte. Hedis Zeit war gekommen, als Caro in der Hütte nach einem Pflaster für ihre Fersen fragte.
„Deine Wanderschuhe sind neu, du hättest sie einlaufen müssen“, stellte sie tadelnd fest. „Es nützt auch nichts, wenn du sie eine Nummer größer kaufst. Die Wollsocken machen das nicht wett. Vielleicht passen dir meine Ersatztreter. Ich nehme sie mit, falls wir in Dauerregen geraten. Ich laufe nicht gern in nassen Schuhen. Aber der Wind dreht sich, der Wetterbericht gibt uns eine Chance. Ostern war lange nicht so schön und wird bis Sonntag sogar wärmer.“
„Kann sein, ich muss eher abreisen“, meinte Caroline vorsichtig. Hedi schien das zu bedauern.
Nach dem Abendessen verkündete Patrick, er hätte mit Norbert beraten und für den Sonnabend ein neues Programm aufgestellt.
„Bis zur Wolfsschlucht, dann aufwärts in die Vogelsteine. Dort eine Mittagspause, eine Fünf mit Kamin, für diejenigen, die kraxeln wollen. Wer ein Sonnenbad vorzieht, kann das auf der Wiese vor der Geierwand nehmen. Gegen zwei wird umgekehrt, an den Schwarzen Höhlen vorbei und über den Wolfspfad abwärts zurück bis zum Blockhaus.“
Jane erfasste die Situation. „Eine Fünf bezeichnet den Schwierigkeitsgrad für Kletterfelsen“, erklärte sie Caroline.
Die Baude spielte offenbar eine wichtige Rolle für die Gruppe. Ihre Basis bestand im Fundament aus Sandsteinquadern. Sie wurde zu Beginn des vorigen Jahrhunderts mit dem Rücken zum Wald gebaut. Außenwände hatte man wie ein Blockhaus aus Holz gefertigt, das Spitzdach wurde mit Schiefer neu gedeckt.
Wenn der Verein genau so alt war wie die Hütte, dann sorgte er sich seit seiner Gründung regelmäßig um die Gesundheit seiner Mitglieder. Dichtes Gebälk, warme Betten, ein Kamin im Gruppenzimmer, der in den übrigen Räumen inzwischen durch elektrische Heizkörper ergänzt wurde.
Toiletten, Waschraum und Gemeinschaftsdusche waren älter als 20 Jahre, aber sauber. Die Küche hatte man vor kurzem mit einem neuen Herd und Geräten ausgestattet. Auch hier historische Fliesen, doch sie glänzten wie neu. Das lag offensichtlich daran, dass die Besucher auch an diesem Wochenende permanent am Putzen waren. Jede Hausarbeit wurde grob abgesprochen, meist übernahm jemand sofort einen Handgriff, wenn er notwendig war. Nur auffällig, dass die Frauen öfter in der Küche hantierten, aber die Männer die warme Mahlzeit zubereiteten. Die erste gab es am Abend. Gemüseauflauf mit Schinken und Bouletten. Dabei teilte sich die Gruppe in Bier- und Weintrinker. Als Caroline nach ihren alkoholischen Vorlieben gefragt wurde, winkte sie ab. „Ich nehme Medikamente“, verteidigte sie sich. Man ging auch über diese Marotte wortlos hinweg. Dagegen blieben die Frauen hartnäckig, als ihr zur Wahl gestellt wurde, ob sie Karten oder Brettspiele bevorzugte.
„Skat oder Doppelkopf?“, fragte Norbert. Caroline musste passen, sie verstand von beidem nichts. Zu Janes Freude. Die hätte zurücktreten müssen. Linda setzte sich zu Doris und Hedi. Vier beim Skat, vier am Mensch ärgere Dich nicht-Brett.
Kaum zu glauben, dass in der Baude ein Original von 1914 existierte. An den Ecken und Kanten leicht angestoßen, aber in den Farbfeldern sehr gut erhalten. Die Figuren waren irgendwann ersetzt worden, sie bestanden aus Kunststoff, also spätes 20. Jahrhundert.
Die Regeln kannte jede, der Würfel rollte. Die Frauen spielten um Sahnetoffees. Caro ließ sich mitziehen. Als sie vier Toffees auf ihrer Seite hatte, gab sie eins an Hedi, die bisher nichts gewann. Sie wickelte ihr Bonbon sofort aus und lutschte genüsslich. Caro steckte die drei übrigen in die Hosentasche. Pauli liebte Sahnekaramellen.
Gegen elf hörten die Skatspieler auf. Das Bier musste für zwei weitere Abende reichen. Da würfelten die Frauen die letzte Runde.
Caroline lag wie ein Stein im Bett. Sie wurde von Hedis Klopfen geweckt. „Schläfst du noch?“ Sie antwortete mit einem Ja. Irgendwer lachte hinter der Tür. „Komme gleich“, rief sie und quälte sich aus dem Schlafsack.
Ab neun stieg das Thermometer zusehend. Als sie die Wiese vor der Geierwand erreichten, zeigte Caros Handy 10.30 Uhr, 24 ° C, Windstärke 4 an. Vom Wind spürten sie wenig, der Felsen schützte sie. Der Tag wurde wärmer und schöner als erwartet. Natürlich entschied sich Jane für die Seilschaft und den Kamin. Hedi und Doris, suchten die Sonne. Auch Linda war der Aufstieg auf eine römische Fünf fürs erste Mal zu fett. Caro machte es ihnen gleich, hatte ebenfalls eine Decke auf den Rucksack gepackt und streckte sich lang.
Doris erklärte sich bereit, das Picknick zu übernehmen, wenn man sie ein wenig schlafen ließe. Linda zog sich bis auf Slip und Hemd aus, um sich bräunen zu lassen. Nach einer Viertelstunde drehte sie sich auf den Bauch. Die Aprilsonne brannte gefährlich. Und blieb natürlich nicht an einem Ort. Der Felsen schützte nicht mehr. Hedi opferte ihre Decke und baute mit Caroline ein Sonnensegel. Dabei erzählte sie ungefragt, dass sie in einem städtischen Frauenschutzhaus arbeitet. Als Schwester in der Gynäkologie waren ihr zu oft misshandelte und missbrauchte Frauen begegnet, so dass sie nach zwanzig Jahren Klinikdienst den Platz wechselte. Medizinisches Grundwissen kam ihren jetzigen Klientinnen genau so zugute.
Nachdem Hedi Details aus ihrer Biografie ausplauderte, beantwortete Caroline Fragen nach ihrem Lebenslauf. Kein Problem, über das Studium in Berlin, ihre Arbeit in der Landes- und Universitätsbibliothek zu reden. Auch Caros Freunde Johannes und sein Lebenspartner Ludwig interessierten die Ältere. Durch ihr Verhältnis mit Jane kannte sie die Schwulen- und Lesbenszene in der Stadt. Allerdings war nur Jane die Organisierte und politisch aktiv.
„Meine Arbeit mit Frauen und ihren Kindern im Schutzhaus zwingt mich zur Zurückhaltung im öffentlichen Leben. Ein kleiner Kreis von Bekannten versteht das. Deshalb bin ich so gerne mit Jane unter Leuten wie Pat oder Norbert und Doris. Ich kann da mal rum heulen über den Jammer, den ich täglich sehe, ohne dass sich jemand abwendet oder aus Neugier die falschen Fragen stellt. Bei dir habe ich sofort gemerkt, dass du zu uns passt. Du beobachtest uns. Das ist okay, Caro, aber du darfst uns auch vertrauen. Du redest vielleicht weniger als ich, aber du kannst auch im richtigen Moment den Mund halten. Lass dich mal fallen, wir fangen dich auf! Ich sehe auf hundert Meter im Dunkeln, wenn jemand sich ungeheuer anstrengen muss, um nicht wegzurutschen.“
Hedi war wirklich keine Tratsche, auch wenn sie gern plapperte. Es schien eine bewährte Methode zu sein. Sie wechselte problemlos das Thema, ehe Caroline in Verlegenheit kam. Sie wollte wissen, ob sich im Bestandskatalog von Caros Bibliothek Literatur zu ihrer Arbeit finden ließe. Bisher hatte sie sich durch Weiterbildungen gehangelt, die von Coachs, Supervisorinnen, Soziologinnen und Juristen geführt wurden. „Alles irgendwie brauchbar“, meinte Hedi, „aber es ist, als müsse ich ständig aus Fremdsprachen übersetzen. Mit den Frauen kann ich nur Klartext reden. Der Alltag frisst meinen Hirnzellen, die für Theoretisches vorgesehen waren. Bücherlesen überlässt mir das Tempo, auf meine Weise zu lernen.“
„Kann ich dir nachfühlen“, ließ sich Doris hören. „Das geht mir genau so. Ich bin mit meiner Klasse kurz vor dem Abitur. Im Spätsommer übernehme ich wieder Kids, die eben erst in die Pubertät kommen, und ich soll sie ins Erwachsenenleben führen. Das wird von Mal zu Mal prekärer. Ob ihr es glaubt oder nicht, ich fühle mich total ausgeblutet. Das liegt nicht an meine Jungs und Mädchen. Sie verfügen über einen größeren Leistungswillen als Gesamt- oder Mittelschüler. Das nützt ihnen aber nichts. Ich kann und darf das leider nicht laut sagen. Sie sammeln Unmengen Wissen, viel zu selten praktische Erfahrungen. Sie langweilen sich, weil sie nicht an den entscheidenden Stellen gefordert werden. Das ist nur Geplänkel im Vergleich zu den Erdbeben, die sie erwarten.“
Hedi ahnte, was in Doris vorging.
„Unsere Generation erhielt schon in den unteren Klassenstufen Werkunterricht, lernten sprichwörtlich durch Handwerk lebenspraktische Dinge. Wir hatten als Teenager von der siebenten bis zur zwölften Klasse Unterricht in der Produktion. Für Einige war es die Vorbereitung auf einen Beruf, für andere der Umgang mit Material und eine Verbindung zur Welt der Erwachsenen. Meine Eltern hätten mir das nie vermitteln können.“
Doris bestätigte. „Das alles wurde nach uns abgeschafft. Genau dann, als auch in Familien kein Wert mehr auf die Arbeit mit den Händen gelegt wurde. Heute rächt sich das im Mangel an Praktikern. Hedi, erinnerst du dich? Feilen am U-Stahl, Bohren, Schleifen, Hämmern und so was. Wie haben wir gemeckert! Das war aber nicht alles. Mit der Oberschule wechselte unsere Klasse in einen Betrieb für Mess- und Regeltechnik. Wir standen in Werkhallen, waren unter Leuten, die ich sonst nie kennengelernt hätte, weil meine Eltern Akademiker waren. Wir wurden nicht auf Händen getragen, aber Augenzeugen im Leben der anderen.
Heute werden die Kids in den Schulen geistig gemästet und wie Rennpferde getrimmt. Scheuklappen gehören zum Training. Was tun die kleinen Monster? Sie reagieren sich auf Instagramm und TikTok oder mit Ballerspielen ab. Ich kann sie mit schlauen Reden nicht wirklich auf das Leben vorbereiten. Die Eltern sind erst recht überfordert. Sie können nichts besser, aber sie glauben genau das. Wenn ich die Probleme im Lehrerzimmer oder auf einer Weiterbildung benenne, heben alle die Hände. Wir können daran nichts ändern, wir sollen nur Wissen vermitteln.“
Doris hatte sich aufgesetzt. Sie musterte Hedi und Caroline.
„Liege ich falsch oder muss es erst knallen, bis die da oben aufwachen?“
„Die da oben gibt es nicht“, entschied Hedi. „Das sind Leute, die wie die meisten eben nur in ihrer Blase schweben, sie haben auch ein eigenes Schicksal. Und Dummheit, Bösartigkeit, Gewalt ziehen sich durch alle Etagen. Das kann ich dir aus meiner Berufspraxis versichern.“
„Natürlich macht es einen Unterschied, wenn die Minderheit der Reichen über die Mehrheit der Bedürftigen entscheidet“, widersprach Doris.
„Der Bilch soll euch holen!“, meckerte Laura. „Könnt ihr die Scheiß-Politik mal draußen lassen? Wir haben Ostern und sind raus aus der Stadt, weil wir genau diesen Mist hinter uns lassen wollen.“
Sie hatte sich wie eine Schnecke eingerollt und streckte ihren Kopf nach oben. „Riecht ihr nicht, wie es Frühling wird? Ich habe so lange drauf gewartet. Wir dürfen wieder loslegen. Unsere WG hat die Patenschaft für einen Stadtgarten übernommen. Die Kommune überließ uns dafür den Innenhof zwischen Heine-Gymnasium und dem Seniorenheim Olmega. Dort wollen wir Etagenbeete mit Blumen und Gemüse aufbauen, eine Bewässerungsanlage ausprobieren. Den Humus bekommen wir von anderen Gardening-Projekten. Geräte, Pläne zu Erweiterungen haben wir schon. Setzlinge spendet uns eine Gärtnerei.“
Doris bot ihre Hilfe an. „Norbert und ich sind mit unseren Beeten so gut wie fertig. Wir haben Senker übrig. Ich mach dir eine Liste, was wir abgeben können.“
Da konnten weder Caroline noch Hedi mitreden. Sie hörten hin, bis Hedi beschloss sich auszuklinken. „Ich geh mal an die Westwand, ein paar Fotos schießen.“ Caroline nahm ihr iPhone und spazierte mit.
Das Picknick begann gegen zwei, als die Sonne am höchsten stand. Statt eines Nachtischs wurden die Handys von Hedi und Caro herumgereicht. Der Einen waren zwei Dutzend Motive an der Geierwand gelungen. Jane im Felsen, Janes Mimik, als sie über den Vorsprung musste, der dem Berg seinen Namen gab. Jane happy, als sie wieder Boden unter den Füßen spürte.
Caroline hatte das Motiv Frau am Berg bis auf ein Bild ausgelassen. Sie war nahe an den Stein gegangen, hatte Moosarten und andere Flora entdeckt, wählte eine im wahrsten Sinn schräge Perspektive, als Tobi mit wehendem Haar beim Abseilen bedächtig nach dem nächsten Griff suchte.
Norbert, den Hedi den besten Vorsteiger im Verein nannte, wurde aus Nähe und Distanz mit einem kleinen Video bedacht, das sich fast bis zu Pats Abstieg hinzog.
Patrick kam als Letzter runter, ein schönes Bild am Felsen. Sieben Leute, die ihm applaudierten, als er das Seil einrollte. Er wendet sich kurz zu seinem Team und strahlte. Dieser Moment wurde der beste, die Caroline bisher eingefangen hatte.
Erst, als das iPhone wieder bei ihr landete und sich die Kommentare in Anerkennung überboten, schaute sie selbst nochmal hin. Ein Mann, der vor Freude über so viel Zuneigung wieder zum stolzen Jungen wird. Sie legte das iPhone beiseite und trank ihren Tee direkt aus der Thermosflasche.
Die letzten guten Aufnahmen hatte sie im Schnee in Janske Lazne gemacht, mit ihrer alten Nikon. Winterferien vor einem Jahr und zwei Monaten.
Pauline fast dreizehn, im neuen Skianzug unter weißen Tannen. Ostern vor einem Jahr lag Caroline zur Chemotherapie in der Medizinischen Akademie, in Vorbereitung auf weitere Behandlungen.
Sie war weit gekommen. Gegen alle Befürchtungen hatte sie in der GMALL-Studie Platz 4 geschafft, Chancen auf eine weitere Remission. Auch deshalb war sie jetzt in den Bergen, unter Fremden, an einem hitzigen Wochenende, mit dem Ehrgeiz mehr als zu überleben.
Die Frauen wollten noch länger in der Sonne bleiben, aber man musste mit etwa zwei Stunden Heimweg rechnen und der Himmel zog sich langsam zu. Wer auch immer die Strecke bis zur Hütte entschieden hatten, es ging vorwiegend durch grünenden Wald, fast nur bergab. Wieder verstummte Caro, zunehmend genervt von den Frauen an ihrer Seite.