Vasna I. Trupis
2024 Ultraviolett Verlag


Kriminalkommissarin Jagoda schwimmt sich frei
Die Fälle von Kriminalkommissarin Gitta Jagoda sind weder Reiseführer noch Geschichtsbuch, sondern vielmehr fiktive Geschichten im Umfeld von Verbrechen und deren Aufklärung. Sie leihen sich konkrete Orte und Zeitereignisse für ihre eigene Wirklichkeit. Dafür halten sie sich an Psychologie und Strukturen einer realen Gesellschaft.
VIT
Übereinstimmungen, auch Ähnlichkeiten mit existierenden Personen, ihren Namen und Handlungen, sind Zufall und zu keiner Zeit beabsichtigt.
Prolog
Liebe, liebe Nana, falls ich nicht
endgültig verrückt geworden bin,
habe ich vor einer Stunde
Käpt´n Blaubart gesehen!.
Mich kriegt er nicht mehr in
seine bescheuerte Kajüte. Komm
20 Uhr in den Schaupalast +
sieh Dir mit mir „Die Träumer“ an!
Kuss Yvy
1 Im B-Raum
Als Erste verließ Kriminalkommissarin Gitta Jagoda den Tatort. In ihrem Kopf schwammen Bilder wie Müll auf dem Hochwasser der Elbe. Der Dunst nach Ölfarben und Rotwein, altem Holz und Zement drückte auf die Bronchien. Sie brauchte frische Luft und einen Ort, um sich zu sortieren. Im Hof stand unter dem einsamen Nussbaum eine fast neue Bank. Geschliffenes Holz, verfugte Bretter, rund gezogene Rücken- und Armlehnen. Inmitten alter Mauern ein Fremdkörper, aber dennoch einladend. Jagoda nahm erleichtert Platz. Ihre Kollegen waren ihr aus dem Dämmerlicht des Hinterhauses gefolgt. Oberkommissar Felix Brauhaus, von Kollegen Fix genannt, zog eine zerknautschte Zigarettenschachtel aus seinem Blouson, noch ehe er die Bank erreichte. Er behauptete: Rauchen hilft gegen Leichengeruch.
Als Dritter ließ sich Hauptkommissar Morell, der Gruppenleiter, nieder. Sein exotisches Aftershave stieg Gitta in die Nase, nicht unangenehm, eher ungewöhnlich. Sie fragte sich, ob Duftstoffe einen Tatort kontaminieren konnten.
Die Leute von der Mord 2 hatten den Blick auf das Vorderhaus frei, ungestört von Hausbewohnern, die sich am Fahrradschuppen versammelten. Sie beobachteten die Kriminalisten.
Fix Brauhaus steckte sich die erste Zigarette des Tages zwischen seine dicken Lippen. „So was hat das Mädchen nicht selber gemacht“, nuschelte er. „Ich meine nicht nur den Knoten“, setzte er nach, ehe das billige Feuerzeug klickte. Er hoffte, wenn er wieder rauchte, würde er auf die gleiche Weise abspecken, wie er seit Wochen zunahm. Brauhaus hatte mit dem Laster aufgehört, als er vor einem Brandopfer in Prohlis stand. Wie vieles, ließ sich auch eine verkohlte Leiche vergessen. Jetzt war jetzt, ein Dienstag im Juni.
„Hat jemand jemals eine Strangulation so was genannt?“, empörte sich Gitta. „Ich kannte die Tote. Sie war kein Mädchen mehr. Sie war eine junge, lebhafte Frau. Vor drei Tagen habe ich sie im Schaupalast am Tresen stehen sehen. Spätvorstellung mit den Träumern. Der Regisseur hat mal gesagt: Ein Film zeigt den Tod bei der Arbeit.“
Gitta sprach nicht laut, eher wütend und wurde mit jedem Wort leiser.
Hauptkommissar Morell blickte kurz auf. Das war ihm neu. Jagoda, ein Kinofan. Er versuchte sie zu beruhigen. „Halt mehr Abstand, Gitta! Bertolucci mag recht haben, aber aus unserem Film kommen wir nicht mehr raus. Und wenn der hier zu Ende geht, spielt schon der nächste. Auch ich sehe keinen Hinweis auf einen Freitod, im Gegenteil, da gibt es eindeutige Spuren von Fremdeinwirkung. Das mit dem Knoten klären wir noch.“
Jaro Morell war bei einer Tatort-Besichtigung selten bereit, sich auf der Stelle mitzuteilen. Er kramte in der Jacketttasche und hatte es endlich in der Hand, sein iPhone.
Fix Brauhaus rubbelte sich die kurze Nase und schaute den Chef von der Seite her an. Wir klären das noch, hieß so viel wie: Das soll Brauhaus machen. Fix nahm seine Partnerin vor anderen gern selber aus der Schusslinie. Warum auch der Gruppenleiter sie vor Kollegen verschonte, ging ihm nicht auf.
Die Leute am Fahrradschuppen wurden ungehalten, drehten sich zur Bank unter dem Nussbaum, als erwarteten sie von den Kriminalisten eine sofortige Aufklärung. Jaro Morell schloss die Augen, konzentrierte sich, tippte auf Mikro.
„Dienstag, vierundzwanzigster Juni, acht Uhr vierundfünfzig. Anlass der Ermittlung ist ein Anruf von einer Sibylle Frost, eingegangen acht Uhr dreizehn in der Dienststelle Schießgasse, wegen Suizids einer weiblichen Person durch Erhängen. Angegebene Adresse: Kamenzer Straße neunundsechzig, Hinterhaus, Erdgeschoss links. Eine zu Ateliers ausgebaute Werkstatt. Leichenfund im …“
Morell blickte Jagoda fragend an. Gitta, Mitte dreißig, gerade so im Body-Maß-Index, wenn sie regelmäßig trainierte, hatte die beste Raumorientierung und formulierte schnell und schlagfertig. Sie ergänzte ihren Chef: „Bildhauerraum, Fenster nach Westen, mittlerer Trägerbalken, kleiner Flaschenzug, offenbar zum Anheben von schweren Lasten, Steinen, Plastiken und so weiter.“
Morell verkürzte die Aufzählung beim Wiederholen (Wozu gab es schließlich Fotoaufnahmen?) und setzte seinen Monolog fort.
„Die Tote war der Anruferin bekannt und wurde als Yvonne Eberlein notiert.
Eintreffen in der Kamenzer neunundsechzig um acht Uhr fünfunddreißig. Nach eingehender Besichtigung der Ateliers, speziell des Tatortes mit der Pathologin, Dr. Jana Katz, Übergabe an Oberkommissar Henning Helbig; KTU um acht Uhr fünfzig.
Im sogenannten A-Raum, dem Maleratelier, wurde auf einem Sofa eine Riementasche gefunden. Wir stellten sicher: Personalausweis, Karte der Krankenkasse, Führerschein. Diese Dokumente bestätigen die Angabe der Anruferin, dass es sich um die genannte Eberlein handelt. Eine Straftat ist wahrscheinlich.
Im Maleratelier Anzeichen für die frühere Anwesenheit anderer Personen, Überreste einer Mahlzeit, ein zerbrochener Stuhl, umhergeworfene Kissen und Decken, schwache, teils verwischte Schleifspuren auf dem Fußboden Richtung Bildhauerraum. Der Körper circa 50 cm über dem Fußboden. Unmittelbar unter der Leiche kein Stuhl oder anderer Gegenstand, der für eine Selbsttötung sprechen würde. Das Seil an einem Wandhaken links verzurrt.“
„Flecke, Risse am T-Shirt“, ergänzte Gitta Jagoda. „Anzeichen von körperlicher Gewalt und Abwehrspuren.“
HK Morell fühlte sich gestört, er war zu Beginn der Ermittlungen gerne langsam, um gründlich zu sein. Er zog seine dichten Augenbrauen in die Höhe und presste die Lippen zusammen. Es entstellte sein römisches Profil. Gitta bedauerte das. Ihr Gruppenleiter pflegte, sich und seine Männlichkeit unter Kontrolle zu halten. Des Eindrucks auf andere wegen, aber nicht, um Kapital daraus zu schlagen. Der Eindruck genügte ihm. Ehrgeizig war Jaro Morell nur gegen Ende einer Untersuchung. Deshalb mimte er jetzt nicht den Chef. Er seufzte über Gittas Unterbrechung, gab noch einen allgemeinen Eindruck zur Lage ein und beendete die Aufnahme mit den Sätzen: Fotos von Gunnar Hönke bis zehn Uhr. Die Berichte der KTU und der Pathologie nicht vor morgen früh. Wir beginnen mit der Befragung der Hausbewohner neun Uhr fünf. Okay. Wir haben einen Fall Eberlein.
Morell schaltete sein iPhone aus. Pädagogisches Spielzeug für Männer, nannte es Jagoda. Jede Art Computer, iPads, Tablets und Smartphones waren ihr jeweils willkommen, aber in der Mehrzahl suspekt. Auch Autos weckten in der Masse hin und wieder ihr Misstrauen gegen technische Ausrüstungen. Sie fuhr selber mit Leidenschaft eine von den Blechkisten, sah sie als eine notwendige Verlängerung ihrer Beine an, als Werkzeug zur Beschleunigung ihrer Arbeit. Werkzeuge mussten funktionieren, mussten vor allem gepflegt werden. Sie gab sich alle Mühe und konnte ihnen ihr Versagen nicht verzeihen. Denn dann brauchte man Fachleute. Das machte abhängig. Und Gitta nicht froh.
So auch die Fahrt an den Tatort. Gestern gab ihr der Gruppenleiter für heute frei, heute behauptete er, nicht ohne sie fahren zu wollen. „Kann sein, du musst mit Fix alleine arbeiten. Der Kriminalrat hat mich für elf Uhr bestellt.“
Noch eine Abhängigkeit. Gitta Jagoda fiel ein, dass sie ihre Windjacke im Dienstwagen vergessen hatte. Der Hauptkommissar war nach seinem Anruf so schnell vor ihrem Haus gewesen, dass sie eben noch ihre Cargo-Hose und ein Karo-Hemd überziehen konnte, die Jacke und ihr Smartphone schnappte, und los ging es. Neben Jaro kam sie sich immer etwas schäbig vor. Er trug keine Kleidung, er trug Garderobe. Auch jetzt auf der Bank in einem Hinterhof.
Jagoda kreuzte die Arme über der Brust, als könnte sie sich damit wärmen. Über ihnen zitterte der Wind in den Blättern. Der Himmel war mit treibenden Kumuluswolken bedeckt. Auf der Dachrinne am Vorderhaus hockten Tauben.
Dumme Flugschweine, nannte sie Fix, weil sie sich überall im Viertel suhlten, alles anfraßen, auf die Fußwege schissen, kurz: weil er sie zu den unreinen Tieren zählte. Wobei er Schweinen unrecht tat.
Brauhaus war von Morells Gequassel ins Handy genervt. Ihn ärgerte die Marotte seines Chefs, Elektronik so lange zu benutzen, bis sie den Geist aufgab, während eine Generation nach der anderen die Welt beglückte. Noch mehr ging ihm Morells Melancholie auf die Nerven. Keiner erwartete am Tatort fröhliche Kriminalisten, aber wenn schon Stimmung, dann lag schlechte Laune am Morgen viel näher. Seiner Meinung nach war Morell für einen Polizeibeamten eine Spur zu elegant, eine Spur zu nachdenklich, eine Spur zu distanziert. Kurz vor Mitte vierzig. Für Brauhaus die wildesten Jahre. Er war eben fünfzig geworden, nicht mehr so durchtrainiert wie seine jüngeren Kollegen, dafür einen Kopf größer als sein Gruppenleiter. Jagoda war kein Maßstab für ihn. Leichtgewicht mit einem Meter zweiundsechzig, kaum Hintern, wenig Busen. Jagoda versteckte sich hinter Männerklamotten. Noch schlimmer, sie schnitt sich ihre glatten, mausgrauen Haare regelmäßig bis zum Kinn. Frauen sollten zeigen, was sie haben.
Allerdings überließ auch Brauhaus Anzüge, wie sie die meisten Zivilen im Präsidium trugen, den höheren Etagen. Ihm genügten Jeans und Shirts oder eine Cordhose; für die kalten Tage dicke Pullover unter dem Blouson. Er sagte nie Bomberjacke, auch wenn es in Farbe und Schnitt keinen Unterschied machte. Seit sein Kopfhaar etwas ausdünnte, bedeckte er es unabhängig vom Wetter mit einem Basecap aus Ziegenleder. Manchmal trug er Holzfällerhemden aus Flanell. Die waren seine liebsten Klamotten, vorzugsweise, wenn er an einem Felsen hing. Seit ein paar Wochen hieß seine Seilschaft Heike.
Wenn der Chef sein Gehalt für Markengarderobe, feine Schuhe und größere Auslandsreisen hinblätterte, brachte Fix Brauhaus seins in Lautsprecherboxen, Tastaturen, Monitoren und Spielkonsolen unter. Nicht zu reden von Kabeln und tausend anderen Kleinteilen.
Er legte vor Zeiten ein Fachabitur ab und absolvierte die praktische Ausbildung im ROBOTRON-Kombinat. Sein Studium durfte er nach einem missratenen Wehrdienst an der hiesigen Ingenieurhochschule beginnen, weil der Bedarf an Informatikern noch lange nicht gedeckt war. Mit Bergfreunden reiste er regelmäßig in die Sächsische Schweiz, dreißig Kilometer vor der Stadt. Einer von ihnen überredete Fix in den Wirren des Jahres 1990, sich zum Polizisten ausbilden zu lassen. Damals traf Fix Brauhaus seine Entscheidung aus Überdruss. Lebenslang für Deppen programmieren – grausame Vorstellung. Er bereute den Spurwechsel nie. „Ich habe einen Job, der meine Miete und meine Hobbys zahlt, Abenteuer manchmal mehr, als ich verkraften kann. Ich muss auch nicht im Urlaub nach Alaska oder in den Kongo fliegen. Die Welt ist so klein, das Internet so groß.“
Gittas Wünsche waren bescheidener, was eher an ihrer Herkunft als am Alter lag. Sie hätte gerne noch ein wenig wachsen wollen. Zwei Zentimeter lag sie über der Mindestgröße für Polizeianwärter. Die Aufnahmekommission hatte ihren Lebenslauf wohlwollend begutachtet. Fechten und Leichtathletik in der Grundschule, Handball bis zum Abitur, an der Uni Volleyball. Teamwork gefiel Gitta Jagoda offensichtlich besser, später tat sie sich damit schwer. Die Polizeihochschule hieß sie willkommen, obwohl – oder gerade weil – sie ihr Jurastudium abgebrochen hatte.
Jagoda besaß weniger Berufserfahrung als Felix Brauhaus, aber sie ließ sich von ihm nicht einschüchtern. Sie wohnten nur eine Straßenecke voneinander entfernt. Als im Dezernat Leib und Leben die Mord 2 gebildet wurde, vereinbarten sie eine Fahrgemeinschaft, um Benzin zu sparen. Wenn Gitta Jagoda Brauhaus aus seiner Zweiraumwohnung, inmitten seiner Games, DVDs, Boxen und Computer abholte, fühlte sie sich unwohl. Im gemeinsamen Arbeitszimmer in der Schießgasse, auf der Bowlingbahn, auch in einer Kneipe bei sächsischer Küche ließ es sich mit ihm aushalten. Zur Not hier auf der Bank, wo sie mit dem Chef alleine ihre Schwierigkeiten gehabt hätte.
Nein, Gitta Jagoda hatte nichts gegen Morells edle Stoffe und sein After Shave; extravagant sah anders aus. Eher schon fühlte sie sich von einem Mann gereizt, der einen Kopf wie Michelangelos David, eine Figur wie ein Sioux auf Diät und einen Charakter wie Don Quijote nach seiner Erleuchtung besaß. Was ihr am meisten zu schaffen machte, war Morells Art, Abstand zu schaffen, wenn Vertrauen angesagt war. Er provozierte Gitta ungewollt, sich über jede Autorität hinwegzusetzen.
„Dienst ist Dienst und Frühstück ist Frühstück“, meckerte sie. „War abgesprochen, dass ich erst morgen wieder antrete. Wann soll ich meine Überstunden absetzen und warum muss es immer von Null auf Hundert gehen? Tote laufen nicht weg. Ich hatte nicht mal Zeit für einen Kaffee. Ein paar Meter um die Ecke liegt das ANNA BLUME. Wir können uns was bringen lassen.“
Jaro Morell seufzte in sich hinein, am Ton verriet er sich. „Du übernimmst jetzt das Vorderhaus, die Leute da drüben. Wir befinden uns in Sachsen. Irgendwer wird dir immer einen Kaffee brühen.
Brauhaus, du kümmerst dich um den Hauseigentümer, die Verwaltung und das Hinterhaus. Ich fahre zu den Eltern. Zwölf Uhr treffen wir uns im Präsidium.“
„High Noon vor dem Saloon mit Marshall Kane“, spottete Jagoda. Das nahm dem Chef den Wind aus den Segeln. Er war nicht nur Fan, er war ein Kinonarr. Nicht selten benahm er sich auch wie ein Narr bei Hofe.
Gitta Jagoda schaute zurück zum einstöckigen Hinterhaus. Das Erdgeschoss lag jetzt in der Hand der Spurensicherung. Wie sie an der Klingeltafel gelesen hatte, wohnten im Stockwerk darüber zwei Leute. Für das ausgebaute Dachgeschoss war nur ein Name vermerkt. Drei Mieter im Ganzen. Im Vergleich dazu befanden sich im Vorderhaus mindestens zwölf Wohnungen und wer weiß wie viele Menschen. Felix hatte wieder mal den Haupttreffer. Der Chef, das war nur gerecht, übernahm das Unangenehmste.
Er musste die Eltern von Yvonne Eberlein benachrichtigen, danach vor den Dezernatsleiter treten und am Nachmittag in die Pathologie fahren. Allerdings saß er mit Sicherheit nach einem zweiten Frühstück und dem Gang zu Claußnitzer wieder an seinem Schreibtisch. Was Gitta mit Neid erfüllte.
Brauhaus spürte Jagodas Unruhe. „Mach keinen Aufstand!“, raunzte er sie an und nahm den letzten Zug von der Kippe. Dann warf er sie zu Boden und trat sie mit der Stiefelspitze aus.
„Du wirst beobachtet“, meinte Gitta schadenfroh und nickte in Richtung Fahrradschuppen. Sie fand in der linken Seitentasche der Cargo-Hose, unter dem Diensttelefon, zwei Früchteriegel. Sie stand auf das Zeug. Passte in jeden Rucksack, in Hemd- wie in Hosentaschen und sogar in die Schreibmappe, wenn sie zum Rapport aufliefen. Denn Kriminalrat Claußnitzer dachte in den Pausen nicht weiter als bis zum Kaffeeautomaten in der Etagenküche.
Gitta wollte sich versöhnen, als sie Jaro Morell den zweiten Riegel anbot. Ananas mit Banane? Er zog einen Mundwinkel nach oben, was einem Lächeln ähnelte, und steckte sich das Süße in die Jacketttasche, dort, wo sein altes iPhone lagerte.
Beinahe fröhlich verabschiedete er sich. „Ihr sagt jetzt den Leuten, was Sache ist. Aber nichts zur Todesart. Los geht’s!“
Dann schritt er an den Hausbewohnern vorbei, geradewegs zum Durchgang am Vorderhaus und öffnete die große Flügeltür zur Straße. Die hatte schon vor hundert Jahren die Lieferwagen der Werkstatt hindurchgelassen. Der Nussbaum stand damals noch nicht. Nicht die Bank und nicht die Gruppe von Leuten am Fahrradschuppen.
Brauhaus griff in die Innentasche seines Blousons und holte sein iPhone heraus. Bevor er irgendwas anderes machte, wollte er eine SMS an Heike schicken, um das gemeinsame Mittagessen abzusagen.
Gewöhnlich ging bei ihm Privat vor Dienst, aber eine Leiche blieb eine Leiche und warf alle Pläne um. Endlich stand Brauhaus auf und wendete sich an die Leute am Schuppen.
Kommissarin Jagoda folgte ihm ohne Eile. Von hinten wirkte er grob und ungelenk. Seine Stimme machte einiges wett. Er hätte im Chor der Semperoper einen guten Bariton abgegeben. Wenn es stimmte, dass die Seele durch die Stimme sprach, konnte er kein schlechter Kerl sein.
„Sie gestatten, dass ich störe? Oberkommissar Brauhaus. Hier meine Kollegin, Kriminalkommissarin Jagoda. Ich vermute, dass Sie Bewohner dieses Hauses sind, und möchte Sie bitten, sich für eine Befragung zur Verfügung zu halten. Wer im Hinterhaus wohnt, kann sich an mich wenden, das Vorderhaus bitte an die Kommissarin.“
Eine sichtbar aufgelöste Frau im langen Baumwollkleid, Endfünfzigerin mit Kämmchen in der blass-lila Dauerwelle, meldete sich wie zur Diskussion und plapperte sofort los.
„Keiner da im Hinterhaus. Herr Albert ist mit dem Rad nach sieben in seine Schule gefahren. Die anderen, die über dem Atelier wohnen, den Polen oder was er ist, und Sascha, den Blondie, hat seit drei Wochen keiner mehr gesehen. Die sind sicher noch unterwegs, sonst würde ihr VW-Bus im Hof parken. Immer steht das Ding im Weg, wenn ich an die Mülltonnen will.“
Ein großer Mann im schwarz-gelben Dynamo-Shirt, schlanker als Brauhaus, aber mit Doppelkinn und Tränensäcken unter den kleinen Augen, schob die Frau beiseite. „Wer sagt uns endlich mal, was los ist? Da wird unsereiner früh in seiner Ruhe gestört, die Polizei kommt ins Haus und niemand …“
Brauhaus unterbrach sonor. „Wir haben auf Hinweis einer Hausbewohnerin eine Tote gefunden. Die Untersuchungen sind im Gange. Es gibt keinen Grund für Sie, sich zu beunruhigen. Wer kann mir Name, Anschrift und Telefonnummer des Grundstückeigentümers bzw. der Verwaltung sagen?“
Die blass-lila Mutter ließ sich nicht ohne weiteres beiseite schieben. In ihrer Aufregung war sie froh, endlich etwas Nützliches tun zu können. „Wenn Sie meinen Mietvertrag sehen wollen, da steht alles drin.“
Sie machte eine Geste, Felix nickte Gitta zu und folgte der Frau ins Vorderhaus.
Jagoda hatte nichts dagegen. Eine weniger auf ihrer Liste.
Der Dynamo-Fan legte schon wieder los, beschwerte sich über die Störung seiner Privatsphäre, obwohl ihn keiner in den Hof befohlen hatte.
„Wie Sie eben gehört haben, bin ich Kriminalkommissarin Jagoda und möchte Ihnen einige Fragen stellen. Deshalb bitte ich Sie, mir Ihren Namen zu nennen und das Stockwerk, in dem Sie wohnen. Danach stimmen wir uns ab, wann wer an die Reihe kommt.“
Gitta kam sich etwas blöd vor, so um den heißen Brei herumzureden, aber irgendwie musste sie Ruhe ins Chaos bringen.
Ein Junge in Muskelshirt und abgewetzten Jeans, höchstens achtzehn, ein Teint wie frühe Pfirsiche, eine farbenfrohe Tätowierung auf dem linken Oberarm, hatte Redebedarf. „Ich will schon aussagen, aber ich muss mich halb zehn zur Berufsberatung auf dem Arbeitsamt vorstellen. Und ich wohne nicht hier.“
„Warum kommen Sie dann so früh auf dieses Grundstück?“
„Ich versorge Saschas Katze, schlafe auch manchmal in seiner Wohnung. Gestern wars spät geworden.“ Er stockte, als hätte er so viel nicht sagen wollen. „Ich kann Ihnen meine Telefonnummer geben.“
„Und Ihren Namen sowie die Meldeadresse. Ich bitte darum. Sie waren zur Tatzeit im Hinterhaus, Sie sollten sich in den nächsten Tagen zur Verfügung halten. Mein Kollege wird Ihnen eine Vorladung schicken.“
Kaum war es heraus, fühlte sich Gitta schäbig. Dem Jungchen Angst machen. Sie notierte seine Angaben; der Teenager lief geschmeidig wie ein Mädchen beim Casting unter den Blicken aller zum Durchgang Richtung Straße.
Der lügt. Bei kaum zwanzig Grad im Muskelshirt zum Arbeitsamt, dachte Gitta. Dann machte sie ihre nächste Ansage.
„Jetzt der Reihe nach! Vorrang hat die Mieterin, die uns angerufen hat. Danach werde ich jeweils an Ihrer Wohnungstür klingeln und eine kurze Befragung durchführen. Sind Sie bereit, Frau Frost?“
Die Frau hatte schweigend unter den anderen gestanden. Älter als die Polizistin, größer, schlank, um nicht zu sagen mager, in weiter Leinenhose und engem, leichtem Pullover aus Rohseide. Über den Schultern ein wolliges Tuch, das sie unter der Brust zusammenhielt. Sie starrte aus ungewöhnlich hellen, schmalen Augen vor sich hin. Der asiatische Zug wurde durch das glatte, schwarze Haar und den Pony-Schnitt betont. Eine sonderbare Mischung aus dem Genpool Ostwest.
Als sie vor einer halben Stunde die Kriminalisten zum Hinterhaus führte, war Gitta Jagoda schon aufgefallen, dass Sibylle Frost zu den Frauen gehörte, die unter Leuten immer Haltung bewahrte, wenn sie aber allein war, bestimmt Teller an die Wand warf oder nachts ins Kissen heulte.
„Sibylle Frost?“, wiederholte Gitta.
Die Frau nickte. „Ich wohne im ersten Stock rechts. Maria Ponto hat Yvy, das heißt Yvonne Eberlein, gefunden. Maria steht unter Schock. Wir haben sie in mein Wohnzimmer gelegt.“
Ihr flaches Gesicht bewegte sich kaum beim Sprechen.
„Brauchen Sie medizinische Hilfe?“ Jagoda rief öfter einen Notarzt, wenn Zeugen, Angehörige oder Nachbarn am Tatort außer Kontrolle gerieten.
Frau Frost schüttelte den Kopf. Die junge Frau neben ihr, üppig gebaut, mit einer ungekämmten blonden Mähne, antwortete für sie. „Mein Mann ist Krankenpfleger. Er hat sich um Maria gekümmert. Peter wartet jetzt oben bei den Kindern auf mich. Eigentlich wissen wir alle nicht, was los ist. Maria und Sibylle sagen: Yvonne ist tot. Sie soll sich erhängt haben. Glaub ich nicht. So was tut keine, die einen festen Job und Freunde hat. Vorgestern haben wir alle mit ihr gefeiert.“
Schon wieder so was. Die Frau schien dennoch als Einzige bei Verstand zu sein. Sie schlug der Polizistin vor, mitzukommen und einen Kaffee zu trinken. Auch ihr Mann und ihre Kinder brauchten endlich ihr Frühstück.
Gitta Jagoda lehnte bedauernd ab. Sie wollte die schwierigste Aufgabe zuerst erledigen und Frau Frost zu Maria Ponto begleiten. Die Nachbarn zogen endlich ab. Den Mann im Trikot musste Jagoda vorsichtig auf später festlegen. Er schien so oder so nichts sagen zu können, was zur Sache gehörte.
2 Drei sind zwei zu viel
Frau Frost ging voraus. Ihre Schritte hallten im hohen Treppenhaus. An der Tür im ersten Stock stand auf dem Namensschild:
Sibylle Frost
Bund Deutscher Architekten
Auch gut, dachte Gitta Jagoda. Mit dem Dynamo-Mann hätte ich es schlechter getroffen.
Im Flur der Wohnung strahlten winzige Spotlights über einer Jugendstil-Garderobe und breiten Regalen, die vom Fußboden bis zur Stuckdecke eine umwerfende Bücherwand bildeten. Dem Wohnungseingang gegenüber öffnete Frau Frost eine verglaste Tür so behutsam, als lauere dahinter ein Monster. Gittas erster Blick fiel auf getrocknete englische Rosen. Eher Strauch als Strauß. Sie standen erstarrt in einem Porzellangefäß, das vor hundert Jahren sowohl als Nachttopf als auch zum Suppe-Servieren gedient haben könnte. Neben den Rosen hatte Frau Frost die Fensterbretter mit anderem nostalgischem Kram belegt. Das war dann auch schon alles an Romantik.
Die übrigen Einrichtungsgegenstände schienen sehr gepflegt oder brandneu zu sein, unterkühlt wie der Name ihrer Besitzerin, in angemessenem Abstand voneinander und mit keiner Abweichung von Weiß, Grau, Jade und Rosé. Möglich, dass die Architektin beim Einrichten einen Farbfächer und Winkelmaß benutzt hatte, um nichts falsch zu machen. Der riesige Apple-Monitor auf dem Arbeitstisch und ein Teil der herumliegenden Zeitschriften schienen fehl am Platz, obwohl die Frau ganz offensichtlich gerade damit mehr als nur die Butter aufs Brötchen verdiente.
Kommissarin Jagoda hatte erwartet, eine Maria allein und liegend anzutreffen, aber da saßen zwei Frauen steil auf den über Eck stehenden Sofas. Eine alternde, schwedisch-blonde Selbstdarstellerin in geblümtem Satin-Hausmantel hielt ihre spitzen Knie umklammert und starrte entsetzt auf die Fremde. Die andere saß als Kontrastprogramm, mit den Beinen im Schneidersitz, wie ein geprügeltes Kind. Vielleicht lag es an der Körpergröße. Wenn man von Größe reden konnte. Oder es waren der dunkle Lockenkopf, das weiße Kapuzenshirt, die Art, wie das Mädchen seine Fäuste gegen die Augen drückte. War die eine Maria, die andere Sibylle Frosts Tochter?
Gitta ahnte, wie es um die Kleine stand. Ein wenig hilflos, wie immer, wenn sie Teenagern begegnete, suchte sie nach Unterstützung. Frau Frost, im Hof die müde, aber selbstsichere Frau um die Vierzig, stand im eigenen Zimmer nicht weniger ratlos als die Kommissarin.
„Ich mach uns schnell was zur Stärkung“, entschied sie und ging mit lautlosen Schritten über den altrosa Teppich aus dem Zimmer.
Gitta Jagoda stellte sich den beiden anderen mit Titel und kleiner Einleitung zu ihrer Aufgabe vor. Die Frau im Satinmantel zeigte immer noch keine echte Teilnahme. Sie war jedoch bereit, ihrerseits zu erklären, dass sie Franziska Grobin, die Nachbarin der Architektin, sei und Mitglied der Ateliergemeinschaft im Hinterhaus. Ihr zartes Blond und die geblümte Morgenkleidung täuschten. Ihre Stimme war dunkel und der Ton rau. Sie kam sofort zur Sache.
„Maria“, sie nickte mit dem Kopf in Richtung der Anderen, „wollte heute Morgen eine Mappe aus dem Atelier holen. Sie hat eine Konsultation bei ihrem Professor. Ich bin im Vorstand des Vereins, wohne günstig, ich verwalte die Schlüssel. Maria kam nach zwei Minuten zurück, ohne Mappe. Ehe ich verstand, was sie wollte, hatte sie einen Zusammenbruch. Ich konnte sie nicht im Hausflur stehen lassen. Deshalb klingelte ich bei Sibylle. Sibylle weiß immer, was im Notfall zu tun ist.“
Die Grobin verstummte. Das Mädchen schien nicht zu interessieren, was vor sich ging. Es hatte die Fäuste von den Augen genommen. Seine Miene war eine Maske, blass unter der braunen Haut. Die Grobin sprach weiter.
„Ich klingelte also bei Sibylle und sie ließ uns herein, wir legten Maria hier aufs Sofa. Dann lief sie zu Peter, damit er sich um uns kümmert, und ging selber ins Hinterhaus. Inzwischen musste ich hier warten. Was meinen Terminkalender total durcheinanderbringt. Als Sibylle zurückkam, telefonierte sie mit der Polizeiwache. Ich habe mich dann kurz über ihr Telefon bei meinem Chef abgemeldet. Ich arbeite in der Restaurierungswerkstatt der Alten Meister.
Währenddessen hat Peter Maria etwas zur Beruhigung gegeben, dann musste er wieder nach oben, zu seinen Kindern. Er wohnt mit Familie in der zweiten Etage, direkt über mir.“
Keine Erregung in der Stimme, kein Wort des Kummers. Der alternde Engel schien geübt darin, sich vor sich selbst und der Welt zu schützen.
Maria Ponto fing plötzlich an zu weinen. Fast lautlos und qualvoll wiegte sie sich vor und zurück. Ein gutes Zeichen. Das Mädchen begann, aus dem Schock aufzutauchen.
Gitta Jagoda hörte Schritte hinter der Milchglastür und sah am Schatten, dass die Hausherrin etwas in der Hand trug. Die Grobin zuckte nicht, also öffnete die Kommissarin die Tür.
Frau Frost brachte ein Tablett mit Tassen, Milch und Zucker und einem dieser Zubereiter aus Glas, in denen der Kaffee aufgebrüht und der Satz kräftig nach unten gedrückt wird.
Sie stellte alles auf einem Couchtisch mit Rädern zurecht und zog ihn näher zu den Frauen. Endlich bemerkte sie, dass die Kommissarin immer noch stand. Sie bat sie, sich einen Platz zu wählen und setzte sich selbst gegenüber, strich Maria über die Schultern und Arme, streichelte ihr die Haare aus dem Gesicht. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich habe vergessen, Sie vorzustellen: Maria Ponto Gomez und meine Nachbarin Franziska Grobin. Ich kenne Franziska durch gemeinsame Arbeiten. Sanierung von Altbauten. Gründerzeit, Jugendstil. Über sie habe ich die Wohnung in diesem Haus bekommen. Einen Ort, an dem ich Ruhe finden wollte. Das war’s dann.“
Gitta hatte sich neben die Grobin gesetzt und griff vorsichtig nach einer Tasse. Das war’s für sie noch lange nicht. Das war erst der Anfang vom Anfang. Mag sein, Sibylle meinte ihren Ort für Ruhe. Mag sein, sie glaubte, genug gesagt zu haben. Gitta Jagoda schluckte langsam, mit Genuss, spürte dem feinen Aroma nach, der Spur Kakao. Die Sahne oder Milch im Kännchen hatte sie sparsam zugekippt. Zucker kam nicht in Frage. Aber das wärmende Getränk weckte den dringenden Bedarf nach Butterbrot, Käse, Honig, Obst, ersatzweise Orangensaft.
Frühstück gut, alles gut. An manchen Tagen war das die Rettung, an manchen Tagen hatte Gott keinen Bock auf Mitgefühl. Heute war so einer.
Auch Franziska Grobin setzte rasch ihre Tasse ab. „Ich bin sehr unter Druck. Ich bereite eine Dienstreise nach Florenz vor. Fragen Sie, was Sie wissen wollen!“
Womit kann man mehr unter Druck geraten als mit einer Toten am Hals? Vielleicht war es keine brauchbare Idee, die drei Frauen gemeinsam zu befragen. Gitta Jagoda wusste, wann die Verwirrung begonnen hatte, sie musste eine andere Form finden.
Sibylle Frost hielt sich raus. Sie goss viel Milch in ihre Tasse und wenig Kaffee. Maria trank mit sehr viel Zucker, sie war endlich ansprechbar, wirkte plötzlich älter, so um drei Jahre, was im Teenie-Alter schließlich sehr viel bedeutete.
Kommissarin Jagoda ging in die Offensive.
„Ich werde Ihnen jetzt einige Fragen stellen. Es sollte Ihnen klar sein, dass Ihre Antworten Einfluss darauf haben, wohin wir unsere Ermittlungen lenken. Fällt Ihnen später noch etwas ein, umso besser. Ich frage und nur diejenige antwortet, die ich anspreche. Wenn Sie nacheinander ergänzen, was Sie zu meiner Frage noch wissen, ist mir das recht. Sie sind spanische Staatsbürgerin, Frau Ponto?“ – Wieder falsch. Frau schon gar nicht. Maria wäre besser. Von ein paar jugendlichen Knospen unter dem weißen Kapuzenshirt abgesehen hätte sie auch als Mario durchgehen können.
Durch die geschlossenen Fenster dröhnte Glockenläuten. Maria ließ sich ablenken. Sie flüsterte: „Kirche von Luther, hört man hier immer. Schon wieder ein Viertel vorbei.“
„Viertel zehn“, murrte Franziska Grobin.
„Stammen Sie aus Europa?“, fragte die Kriminalkommissarin geduldig.
„Ich bin Chilenin, in Dresden geboren, aber Schule in Frankreich. Mein Vater war sehr junge Maler, wenn er ist weg aus Chile. Er hat in diese Stadt meine Mutter getroffen. Ihre ganze Familie waren Flüchtlinge. Ende neunziger Jahre ist Vater mit uns nach Paris. Ich bin dort in die Schule, deshalb kein gutes Deutsch, wollte oft zurück, meine Großmutter sehen und andere. Deshalb ich bin hier seit Oktober Studentin geworden. Mein Professor kennt mein Vater.“
Kriminalkommissarin Jagoda unterbrach. „Sie haben die Tote als Erste gefunden. Erzählen Sie bitte, wo und unter welchen Umständen.“
Das rundliche Gesicht, die dunkle Haut verzogen sich wieder wie zum Weinen. Das Mädchen schloss die Augen, sprach gegen die Tränen an.
„Ich habe Vereinbarung mit Professor Overbeck an der Hochschule. Ich habe Skizzen in meine Mappe, die ich brauche. Sie ist in Atelier. Jede Künstler hat hier eine Fach in B-Raum. Ich wollte Schlüssel von Franzi, sie hat mir gegeben und ich schnell durch Entreé, nicht durch die Haustür.“
Gitta sah den mehrflügeligen Werkstatteingang vor sich; er führte vom Hof direkt in das große Maleratelier, A-Raum genannt. Sie nickte, auch wenn sie noch nicht wusste, ob dieser Umstand eine Bedeutung für den Fall hatte.
„Ich bin fast über Stuhl gefallen, nicht aufgeräumt von Abendkurs. Das macht immer das Modell. Ich habe mich geärgert und nicht aufgepasst.
In B-Raum hing eine Puppe an Seil. Vielleicht von Wochenende, habe ich gedacht. Wochenende war hier Bunte Republik, tres días un festival, viele Leute und so. Ich komm nicht an meine Fach. Ich schiebe Puppe weg. Sie ist schwierig. Ich sehe nach oben und ich sehe Yvy, die Haare, die Zunge, die Hände. Ich laufe. Zurück zu Franzi.“
Es schüttelte sie wie beim Bremsen einer Straßenbahn. Gitta verschluckte sich am Kaffee. Hustete. „Wo genau befindet sich das Fach, an das Sie wollten?“
Das Mädchen versuchte wieder zu reden. „In B-Raum, linke Regal. Ist für Mappen und Arbeiten und so. Ich bin gekommen in Atelier, als nur Platz war für Bildhauer. Ich mache Grundkurs in der Hochschule und hier Grafikkurs. Später ich brauche mehr Platz. Ist das wichtig?“
„Danke. Alles gut. Ihre Adresse, die Telefonnummer möchte ich noch notieren, dann können Sie in die Hochschule fahren.“
„Ich gehe nicht. Ich habe Mappe nicht. Ich kann nicht jetzt.“
Sie fing wieder an zu weinen und fasste sich mit der Linken in die kurz gelockten Haare. Die Kaffeetasse in der Rechten kippte gefährlich zur Seite. Sibylle Frost griff mit der einen Hand zur Tasse, mit der anderen wischte sie wieder über Marias Gesicht. „Ist alles okay. Ich rufe Overbeck an. Bleib bei mir, so lange du willst. Ich hole eine Decke, damit du dich ausschlafen kannst.“
Kommissarin Jagoda wendete sich an Franziska Grobin. „Sie sagen, Sie haben den Schlüssel zum Hinterhaus. Wie viele Zugänge hat es? Sind die immer alle verschlossen?“
Die Grobin entspannte sich. „Nein, die Eingangstür in den Hausflur bleibt meist offen. Aber die Flügeltür muss gesichert werden, weil sie vom Hof direkt ins große Atelier führt. Das Erdgeschoss links, zu dem die Ateliers gehören, besitzt vom Hausflur her noch einen Zugang. Der wird selten genutzt und wir verschließen ihn wie die Flügeltür. Eine Hintertür zum Haus gibt es nicht. In den Garten kommt man nur rechts am Haus vorbei. Wir haben für das gesamte Grundstück ein Schließsystem. Wenn von innen ein Schlüssel steckt, können wir trotzdem von außen öffnen.“
Sie hatte sich in Fahrt geredet. „Als das Gründerzeitviertel entstand, wurde im Hinterhaus eine Werkstatt für Klavierbau eingerichtet. Sie brauchte einen breiten Ausgang und einen gleich weiten Durchgang zur Straße. Deshalb das Tor am Vorderhaus. Zurück ins Hinterhaus zum Hausflur. Wie gesagt, geht es links in die Werkstatt. Rechts führt eine Tür in eine Erdgeschosswohnung, in der früher einmal der Hauswart für das Grundstück wohnte. Wir haben die Räume saniert, ein Bad mit Toilette eingebaut, ein Bürozimmer mit unseren Computern und ein Werkzeuglager. Manchmal schläft ein Gast in der Wohnküche, ein zweites Sofa für Übernachtungen steht im Maleratelier. Beide Sofas wurden gestern nicht gebraucht.“
Gitta Jagoda interessierte sich vorerst nicht für Sofas und Büros. Sie hatte ein gutes Gedächtnis für Örtlichkeiten, erinnerte sich an den großen Raum zum Hof und an die ungewöhnliche Aufteilung des Bildhauer-Ateliers im hinteren Teil der ehemaligen Werkstatt. Der Grundriss des B-Raums glich einem quer gelegten Rechteck. Das Atelier besaß eine tief sitzende Fensterreihe nach Südwesten, mit Blick über einen vernachlässigten Garten zur Rückseite der Parallelstraße. Die hohen Fenster ließen die Werkstatt größer erscheinen. Den Klavierbauern musste Tageslicht wichtig gewesen sein. Über die Stahlträger unter der Decke liefen Rollen mit Seilen. Jagoda fragte bei Franziska Grobin nach. Die begriff nicht sofort. Sibylle Frost antwortete.
„Damit wurden früher die Flügel und Klaviere angehoben, zum Beispiel wenn ein Kunde sie mit Rollen bestellte. Aus diesem Grund hat das Erdgeschoss für ein Hinterhaus auch eine ungewöhnliche Höhe. Zum Aufziehen der Saiten und zum Stimmen rollten die Klavierbauer die Instrumente in den vorderen Saalteil. Manchmal finden sich in den Ritzen der alten Eichendielen noch kleine Dinge: Kupferblättchen, Draht oder Holzteilchen. Im A-Raum, dem heutigen Maleratelier, das zur Hofseite zeigt, standen die fertigen Klaviere bis zum Abtransport. Deshalb die Flügeltür zum Hof.
Der Seiltechnik wegen haben sich unsere Bildhauer, das sind Sascha Blei und Tamás Szokoly, vor Jahren für den Ausbau der Werkstatt interessiert. Heute haben wir keine so starken Trennungen zwischen den Kunstrichtungen. Der B-Raum wird von allen genutzt, die sich mit Plastik, Skulptur oder Installationen beschäftigen.
In den Jahren, als Sascha und Tammy an der Hochschule studierten, erledigten sie dort Steinmetzarbeiten und haben deshalb den Fußboden verstärkt und frisch betoniert. Die Wände und Türen zwischen Maleratelier und B-Raum wurden nachträglich gemauert, damit Steinstaub, Holzdreck und Ähnliches die Bilder der Maler nicht beschädigen. Die kleine Dunkelkammer zwischen den Räumen hat Uwe eingerichtet. Uwe Albert gründete mit den Jungs die Ateliergemeinschaft.“
„Sie kennen sich aus“, stellte Kommissarin Jagoda knapp fest. „Sind Sie auch ein Mitglied dieser K 69?“
„Ich werde oft eingeladen. Sascha und Tammy kenne ich seit meiner früheren Tätigkeit bei der DOMUS.PRIVAT. Dieselbe Firma, derselbe Kummer. Yvonne gehörte ebenfalls dazu. Sie war dort unsere Sekretärin. Über die Jungs hat sie den Job als Atelier-Modell gefunden.“
Sibylle schüttelte sich, als sie den Rest aus ihrer Tasse trank. Vielleicht war sie eher Teetrinkerin als Kaffeesachse.
Gitta Jagoda wartete, aber es kam nichts mehr. Die drei hatten beschlossen zu schweigen. Jede aus einem anderen Grund. Aber die Kommissarin hatte noch Fragen.
„Frau Grobin, erklären Sie mir bitte, wer welche Schlüssel besitzt und wer Zugriff darauf hat.“
Die Restauratorin saß immer noch wie ein Hochspannungsmast. Sie zog ihren Satinmantel über der Brust zusammen, antwortete unleidlich. „Sascha Blei, Tamás Szokoly und Uwe Albert besitzen als Mieter und Vereinsgründer jeweils einen ganzen Satz Schlüssel fürs gesamte Hinterhaus, einschließlich Büro im Erdgeschoss rechts. Sie haben das Haus Anfang der Neunziger zum Wohnen und Arbeiten gemeinsam ausgebaut. Später hat Uwe Schöne, einer der beiden Eigentümer, ihnen finanziell unter die Arme gegriffen und Dach, Fenster und Fassade sanieren lassen. Sein Bruder Udo ist der Miteigentümer des Grundstücks. Udo und Uwe Schöne besitzen noch andere Liegenschaften in der Stadt.“6
„Schöne, aus der SCHÖNEN WIRTSCHAFT?“, ging Gitta Jagoda dazwischen.
Frau Frost bestätigte. „Eben der. Uwe hatte mit einem Freund das GOLDENE HUFEISEN erworben und 1994 als SCHÖNE WIRTSCHAFT neu eröffnet, noch bevor er die Papiere zur Rückübertragung der K 69 bekam.“
Den schönen Uwe, wie ihn Leute im Viertel nannten, hatte Gitta Jagoda notiert. Udo und Uwe. Manche Eltern können’s nicht lassen.
Die wenigen Notizen, die die Kommissarin bei Befragungen machte, beschrieb sie meist mit Stichwörtern. Eher als Gelegenheit, sich Pausen zu verschaffen, als später auf Geschriebenes zurückzugreifen. Ihr Gedächtnis hielt viel aus. Die Eigentümer und die Mieter des Hinterhauses gehörten so oder so in die Hände von Brauhaus. Wenn sie Fragen zum Hinterhaus stellte, dann nur, weil Franziska Grobin im Vorderhaus wohnte. Und wenn sie damit einen schnellen Zugang zum Fall bekam, war das ein Geschenk der Götter. „Weiter mit den Schlüsseln“, sagte sie. „Wer gehört noch zu den Auserwählten?“
Frau Grobin zierte sich nicht mehr. „Natürlich besitzt auch Uwe Schöne ein komplettes Schlüsselbund. Er versteht sich als Schirmherr der Ateliergemeinschaft. Das spezielle Schlüsselbund fürs Atelier, für die Haus- und die Wohnungstür kann sich jedes Mitglied bei mir holen, für Arbeitszeiten, für Eintragungen in den Ausstellungsplan, für Themenvorschläge der Monatsmeetings oder für Nachrichten an Dritte. An diesem kleinen Bund hängen demnach drei Schlüssel. Es wandert von Hand zu Hand, manchmal vergessen Leute, es zurückzugeben. Dann haben wir gewaltigen Ärger. Deshalb habe ich seit ein paar Jahren einen Reserve-Dreier, den ich nie herausgebe. Er bleibt grundsätzlich bei mir.“
Gitta Jagoda hatte genug über Schlüssel gehört, aber wenig verstanden. Sie fragte erst einmal weiter. Jetzt zu allen Personen, die die Ateliers benutzen. „Wenn jemand an seinem Bild malt, seine Filme entwickelt oder auch nur seine Mappe holt, wie Maria, klingelt er oder sie bei Ihnen?“
„Besser, man ruft vorher an. Bin ich auf Reisen, übernimmt Sibylle meine Arbeit. Ich muss schließlich wie alle meine Miete zahlen und meinen Ofen heizen.“
Reflexartig blickte sich Gitta im Raum um, ob sie einen Ofen übersehen hatte. Im gedämpften Ton der Einrichtung, dem metallischen Rollschrank und dem kühlen Möbelgrau konnte sie keinen entdecken. Bis hin zu den toten Blumen alles ausgesprochen pastellig. Ein kompakter Heizkörper wäre mehr als nützlich, dem Raum Tiefe und Wärme zu geben. Frau Grobins Spruch war wohl nicht wörtlich zu nehmen.
Der Kaffee hatte nicht viel gebracht. Statt sich besser konzentrieren zu können, drückte er auf den leeren Magen, und das hinderte am vernünftigen Denken. War die Kommissarin abgelenkt, ging sie schnell an den Ausgangspunkt der Ermittlungen zurück. Tod durch Erhängen, eher Suizid, selten eine Hinrichtungsart. Ein eigenartiger Fall, ein ungewöhnlicher Tatort, drei seltsame Frauen. Kriminalkommissarin Jagoda musste sich beeilen, wenn sie ihre Tour durchs Haus schaffen wollte.
„Eine Bitte an Sie, Frau Grobin: Schreiben Sie mir alle Namen und Telefonnummern der Mitglieder Ihrer Ateliergemeinschaft auf. Vermerken Sie, wer in den letzten Tagen welchen Schlüssel und welchen Zugang hatte. Schicken Sie mir die Liste per E-Mail. Gibt es außer Yvonne Eberlein noch andere Modelle, dann bitte auch diese Namen. Zuletzt noch eins: Wie ist Yvonne Eberlein gestern ins Atelier gekommen?“
Franziska Grobins Alt-Stimme verriet, dass sie endgültig genervt war.
„Ich bin fürs Aktzeichnen verantwortlich. Es ist die beste Einnahmequelle für den Verein, weil konstanter Zulauf kommt, auch durch bereits arrivierte Leute. Mitglieder vom Künstlerbund müssen bei uns dafür nicht zahlen, stecken aber gerne was in die Spendenbox. Einmal im Monat gebe ich außerdem Anleitungen zum Aquarellieren. Uwe Albert holt mit seinen Veranstaltungen weitere Einnahmen ins Haus: Grafikkurs und Fotoworkshops. Lizzy, unsere Älteste, töpfert mit ihrer Gruppe.
Zurzeit gibt es drei Bildhauer in der AG: die Gründungsmitglieder Sascha Blei, Tamás Szokoly und das Noch-Nicht-Mitglied Nils Schöne. Er macht in diesem Jahr sein Abitur.
Sascha und Tammy haben ihm eine Chance geben wollen. Nicht weil er der Sohn von Uwe Schöne ist, sondern weil er sich schon seit Jahren bei uns herumtreibt und Talent zeigt.
Manchmal veranstalten andere Mitglieder Wochenendkurse. Ein Teil dieser Einnahmen fließt ebenfalls in die Vereinskasse. Wir haben im Mietvertrag mit den Schönes das Vorkaufsrecht für das Hinterhaus geregelt. Könnte gut sein, wir sind in zwei, drei Jahren soweit und verhandeln über einen Mietkauf.“
Fast boshaft steigerte sich Franziska Grobin. Wenn die Polizistin sie so lange aufhielt, sollte sie wissen, dass der Verein nicht ihr größtes Problem war.
„Es gibt bei uns auch Publikumsverkehr. Einmal im Quartal werden im Maleratelier neue Arbeiten in einer Ausstellung gezeigt, die an den Wochenenden kostenlos besichtigt werden können. Wir nehmen auch im November an den Tagen der Offenen Ateliers teil und haben hin und wieder Schulklassen eingeladen. Das macht uns gemeinnützig und zählt bei Anträgen auf Fördergelder. Am vergangenen Wochenende hatten wir anlässlich des Stadtteilfestes eine Präsentation der Ateliergemeinschaft und hunderte Besucher.“
„Das ist wirklich interessant“, unterbrach die Kriminalkommissarin wieder, „aber ich brauche vor allem besagte Liste und den Ablauf des gestrigen Abends.“
Franziska Grobin seufzte. Oder holte nur mühsam Luft.
„Ich hatte halb sieben für den Abendkurs geöffnet, die Plätze vorbereitet, Material bereitgelegt, CDs geholt. Im Raum waren knapp zwanzig Grad, weil ich vergessen hatte, früher anzuheizen, deshalb einigten wir uns darauf, dass das Modell diesmal keinen Akt stellt. Niemand wollte, dass Yvy sich erkältet. Sie kam kurz nach sieben, weil sie bis Anschlag im Kino arbeiten musste und es nur mit Hängen und Würgen schaffte.“
Franziska Grobin schien nicht zu merken, was sie da von sich gab. Sibylle Frost blickte entsetzt von ihr zu Maria und zur Kommissarin. Maria war zu verwirrt, um den verbalen Fehltritt zu bemerken, Gitta Jagoda ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Frau Grobin redete weiter.
„Ich machte Kasse. Wir entschieden uns fürs Porträtzeichnen, arbeiteten bis zehn Uhr, zwei gingen eher. Nils, Yvonne und Olaf Doberand, ein Grafiker aus der Neustadt, wollten noch ein wenig Musik hören. Vom Fest der Bunten Republik waren Wein und Obst, Brote mit Schinken übrig. Ich bin gegen elf zu mir gegangen.
Yvonne macht es immer wie die anderen auch. Wer länger bleibt, wirft mir die Atelierschlüssel in den Briefkasten.“
„Und Sie haben ihn dort gefunden?“ Gitta unterbrach ungern, doch die Befragung zog sich schon zu lange hin. Die Frage war ein Test, Frau Grobin bemerkte es nicht.
„Schön wär’s gewesen!“ Franziska geriet zum ersten Mal in Rage. „Ich griff ans Schlüsselbrett, als mich Maria früh um sieben weckte. Da hingen nur meine Ersatzschlüssel. Ich war abgelenkt, wollte eben ins Bad, weil ich um acht in der Restaurierungswerkstatt erwartet wurde. Maria hätte am Sonntag dran denken können, ihre Mappe mitzunehmen. Dann fiel mir ein, dass ich vor Yvy und Nils gegangen war und griff mein privates Schlüsselbund, um den Ateliersatz aus dem Briefkasten zu holen. Dort lag er nicht. Also musste Yvonne vergessen haben, ihn bei mir einzuwerfen. Das sah ihr gar nicht ähnlich. Ich war noch nicht angezogen, gab Maria mein Ersatzbund, aber sie kehrte sofort zurück. Ihr Gerede kam mir spanisch vor. Da habe ich bei Sibylle geklingelt.“
Sibylle Frost, die bisher alles unter Kontrolle hielt, nickte zur Aussage ihrer Nachbarin. Mehr kam nicht. Die Kriminalkommissarin ärgerte sich über die Grobin. Was für ein Geplapper, nur um sich nicht ihrer Feigheit zu stellen. Maria schien wieder wegzudriften. Von ihr war auch nichts mehr zu holen. Gitta Jagoda klopfte mit dem Kugelschreiber auf ihren Notizblock.
„Heute kann ich nur diese kurze Befragung machen. Wir werden weiterhin auf Ihre Mitarbeit zählen müssen und Sie alle drei ins Präsidium bitten. Nochmal zum Anfang, Frau Frost: Sie kamen nach Maria in die Atelierräume. Sie sagten, Sie kannten die Tote schon lange. Wollen Sie mir beschreiben, wie Sie Yvonne Eberlein auffanden?“
Sibylle Frost nickte wieder. „Alles, was Franziska sagt, kann ich bestätigen. Franzi und Maria klingelten bei mir. Maria behauptete, Yvy hängt an einem Strick im B-Raum. Ich packte die Kleine auf meine Liege, ließ die beiden allein und ging zu Peter Schaffer, der als Pfleger mit Extremfällen gut umgehen kann. Danach lief ich mit Franzis Bund ins Hinterhaus. Auch ich benutzte nur die Flügeltür im Hof. Ich wusste, wo ich suchen sollte. Als ich Yvy sah, ließ ich alles stehen und liegen, verschloss die Zugänge und rief von meiner Wohnung aus die Polizei an.“
Sie gönnte sich eine Pause zum Ausatmen, dann sprach sie weiter.
„Yvonne Eberlein und ich haben uns in letzter Zeit selten getroffen. Vor Jahren sahen wir uns fast täglich in der DOMUS GMBH. Nach meinem Abgang aus der Firma hörte ich von Uwe Albert irgendwann, dass sie inzwischen mit einer Freundin zusammenlebt. Yvonnes Mitbewohnerin kann Ihnen sicherlich besser Auskunft geben.“
Freundin. Ganz schwach schwang ein Unterton mit. Im Ganzen klang die Sache so, als wolle Sibylle Frost die Kriminalkommissarin endlich loswerden.
„Name und Adresse dieser Freundin?“, fragte Gitta Jagoda.
„Karina Weißnichtwie. Yvonne wohnt mit ihr zwei Straßen weiter, in der Zwickauer 124, erster Stock.“
Kommissarin Jagoda hatte die Nase voll. Drei auf einen Streich, das klappte nicht mal bei Fliegen. Frauen konnte man in Gruppe einfach nicht befragen.
Sie blickte auf ihre Notizen und hoffte, dass sie nur ihren PC und eine halbe Stunde Ruhe brauchte, um das Gespräch Bild für Bild und Wort für Wort zu rekapitulieren. Darin war sie wirklich gut.