Wir alle sind Zwerge,
Peter de Blois (12. Jh)
die auf den Schultern von Riesen stehen.
Nur deshalb sehen wir mehr und weiter.
Leseprobe
Das Aufnahmeritual
„Willkommen auf Schloss Waldensee. Wir haben heute Sonntag, den 29. September. Ihr Frühstück erwartet Sie ab 7.30 Uhr in unserer frisch sanierten Mensa. In fünf Minuten können Sie sich in der Tai-Chi Gruppe im Park oder am Nordflügel zum Jogging einfinden. Für 9.00 Uhr werden unsere Neuzugänge zur Übergabe der Immatrikulations-Urkunde in den Senatssaal gebeten.
Alle anderen haben die Möglichkeit, in ihren Klassen Lehrprogramm und Unterrichtsmaterial für das kommende Semester zu übernehmen, sowie sich mit den Tutoren über eigene Wünsche und Pläne auszutauschen.
Dozenten und Professoren stehen Ihnen nach der Immatrikulationsfeier ab 10.30 Uhr zur Verfügung. Ich wünsche Ihnen einen guten Start in das Wintersemester.“
Eine Stimme wie vom Band, aber eindeutig die der Hausmutter. Sie hatte offenbar nicht nur mehrere Talente sondern auch größere Aufgaben, als ihr Schlüsselbund zu schwingen. Käthe streifte die Bettdecke ab und erstarrte. Sie hatte vergessen, die Vorhänge zu schließen. Jogger vor ihrem Fenster. Das musste sie sofort korrigieren. Dann griff sie nach einem schmalen Stück Karton und schrieb mit schwarzem Sakurastift auf die eine Seite Allowed, auf die andere Not allowed.
Mit ihrem Taschenmesser machte sie oberhalb kleine Schlitze und fädelte wegen Ermangelung anderen Materials einen Schnürsenkel aus ihren Converse-Tretern ein. In einer der Kisten würde sie Ersatz finden. Dann ging sie in bester Laune über den Flur.
Unverzichtbar, das Schild, weil dieses Bad definitiv weder innen noch außen einen Schlüssel besaß, es sei denn, der Mitnutzer hatte ihn versehentlich an sich genommen und würde ihn wieder zurückstecken. Darauf wollte sie sich nicht verlassen. Man konnte nie wissen, welcher alte Geist auf einem Schloss umging.
Als sie mit der Morgentoilette fertig war, drehte sie das Schildchen an der Badtür auf Allowed, entdeckte endlich ihren Einzugskram vor Zimmer 3.
Der Hausmeister hatte ihre Kisten geliefert, obgleich doch Sonntag war.
Wie versprochen, befanden sich auf dem Küchentisch Zwiebelmuster-Gedecke, ein Korb mit frischen Brötchen und Schwarzbrot, eine Schale mit Äpfeln und Trauben. Unter der Thermosglocke warteten auf sie gebratener Schinken mit Ei, im Thermoskrug schwarzer Kaffee. Die übrigen Zutaten standen auf dem Tisch bereit. Das zweite Gedeck war noch unberührt. Käthe, im Schlafshirt, packte ihren Teller voll, suchte im Schrank nach einem größeren Becher und füllte ihn mit Milchkaffee. Dann verschwand sie in ihrem Zimmer.
Sie hörte Stimmen den Gang entlang, später klassische Musik, wäre beinahe eingenickt.
Das Kleid von gestern musste wieder herhalten. Diesmal fischte sie eine dunkle Strumpfhose aus ihrem Reisebeutel. Nackte Knie vor einem Rektor mit Adelstitel, das verstieß gegen jede Etikette.
Sie hatte sich vorgenommen, sich unsichtbar zu machen. Bisher keine Chance. Gestern nahmen die Neuen im Vorlesungssaal unter den etwa 200 jungen Leuten die erste Reihe ein, im Senatszimmer saßen die Neuzugänge ebenfalls vorn. Hier schien das Englische Oberhaus in abgespeckter Form aufzutreten.
Dunkel gebeiztes Holz an den Wänden im Auditorium. An der oberen Schmalseite eine Tafel, die an einen Richtertisch erinnerte. Mit einer Ausnahme, dem Blumenarrangement. Links und rechts davon standen hohe lederbezogene Stühle bereit. Sie füllten sich erst, nachdem die Neulinge und ihre Eltern Platz genommen hatten. Dahinter das Personal der Privatschule. Der junge Mann, der für Philosophie und Kunstgeschichte zuständig war, saß glattgekämmt und zugeknöpft im Maßanzug neben einem Gleichaltrigen mit militärischem Igelschnitt im Tweed. Very british.
Die Sitzordnung hatte die beiden Männer ans untere Ende verpflichtet, dicht an der Reihe der Studierenden. Noch waren die Plätze vorn an der Tafel nicht besetzt, als die Hausmutter erschien. Frau Dombusch diesmal in grüner Weste und Kostümrock. mit heller Bluse und frisch gelegtem Haupthaar. Könnte auch eine Perücke sein. Sie setzte sich zu den Subalternen, erhob sich sofort wieder, als ein Angestellter neun Herren die Flügeltür öffnete.
Aus einem Lautsprecher, den bisher keiner beachtet hatte, spielte ein unsichtbares Trio ein Stück, das Käthe nicht zuordnen konnte. Da sich das Kollegium erhob, taten es auch die jüngeren Anwesenden und Verwandten. Der Senat zog ein, die Herren setzten sich. Professor Doktor phil. Volkmar von Millitz, der Rektor der Privaten Hochschule für Kunst und Literatur, eröffnete die kleine Feierstunde. Wenn Käthe irgend etwas an dem Zinnober gut fand, dann, dass der Mann wie ein routinierter Dozent sprach, sich aber kurz hielt. Er betonte melodisch den Inhalt, umrandete das Wesentliche mit Pausen und rückte dabei hin und wieder an seiner Fliege. Er ging auf die sechzig zu, war sehr groß, leicht beleibt. Als er die Immatrikulierten namentlich verlas, kommentierte er mit Würde jede Begabung, als hätte er sie selbst entdeckt.
Eine Preisträgerin für Violincello-Interpretationen, war mit sechzehn Jahren die Jüngste. Einen junger Mann, der als Kinderstar in mehreren Filmen engagiert worden war und und in der österreichischen Poetry-Szene für seine tabulose Lyrik gefeiert wurde, nahm man in den Literatur- und Theaterbereich auf. Eine langbeinige Abiturientin aus Frankfurt zog alle Blicke auf sich. Käthe musste nicht mehr befürchten aufzufallen. Das Mädchen trug im Kontrast zur dunklen Hautfarbe ein cremefarbenes Jumpsuit. Sein Kraushaar war so kurz gehalten, dass es die Kopfhaut durchschimmern ließ. Kein Model, wie sich vermuten ließ. Sie war das, was Selma aus der Klavierklasse für sich beanspruchte: eine angehende Sängerin mit Aussicht auf internationale Karriere.
Zur Vorstellung jedes Zugangs klatschten die Professoren, Dozentinnen und Lehrkräfte begeistert, als wären sie diejenigen, die von ihren Schülern lernen durften. Die Eltern hielten sich eher zurück.
Käthe hätte nichts dagegen gehabt, wenn der Rektor sie vergessen würde. Sie kam wieder als Letzte an die Reihe, war die Älteste, wenn auch nur um ein Jahr mehr als ihr Vorgänger im Nadelstreifen.
„Last but not least Katharina Rebbel, vierundzwanzig Jahre jung, unter dem Namen Käthe bereits mit Ausstellungen in Halbrand, München, Berlin, Paris, Prag und Helsinki vertreten.
Unser Gastprofessor Frans Kammacher aus Lipnick hat empfohlen, sie in unsere Malklasse aufzunehmen. Wir haben für Sie noch mehr als Farben und Leinwand zu bieten, Fräulein Rebbel. Halbrand mag eine großartige Stadt sein, doch hier werden Sie die für jede Kreativität nötige Ruhe finden, sich ausschließlich Ihrem Talent widmen dürfen und Ihr Studium mit einem staatlich anerkannten Diplom beenden. Von Herzen Willkommen auf Schloss Waldensee, Katharina Rebbel!“
Sie stand auf und setzte sich wieder, war froh, dass die Vorstellung mit einem weiteren Musikstück abgeschlossen wurde.
Was ihr am Vorabend zu kindisch schien, hatte heute einen deftigen Hauch von Mottenkugeln. Egal. Noch ein paar Worte auf den Weg, vom Blatt gelesen, und die Feierstunde löste sich auf.
Frau Dombusch winkte ihre Schafe aus dem Saal. Lehrkörper und Senat blieben mit den Eltern zurück. An der Treppe wurde Käthe von ihr aufgehalten.
Der Tisch aus dem Warenlager. Es befand sich im Keller neben Werkstätten, die eine kleine Druckerei und anderes altes Kunsthandwerk beherbergten.
Die Druckerei ist ständig in Betrieb, meinte die Hausmutter. Das ist unter anderem mein Revier. Vielleicht interessiert es auch Sie einmal, typografisch zu arbeiten.
Fünf Schritte weiter wählte sie einen Schlüssel aus ihrem Bund, öffnete eine sperrige Tür. Käthe war beeindruckt. Bearbeitetes Holz aller Art aus mehreren Jahrhunderten. Intarsien, Schnitzwerk, teils beschädigt, Metallbeschläge, auch verrostete. Die Dombusch wartete ungeduldig.
Gut, dass die neuzeitlichen Sachen vorn gestapelt waren. Ein rechteckiger Tisch besaß eine intakte Palisander-Platte. Der Hausmeister würde ihn am Montag gegen den Bauhaus-Schreibtisch austauschen.
„Ihre Klasse trifft sich zurzeit im Atelier 1“, erinnerte Frau Dombusch, ehe sie sich verabschiedete. Sie umging taktvoll, dass die Partyreste von gestern beseitigt werden sollten.
Käthe wechselte ihr Kleid gegen eine ordinäre Handwerkerkombi, ihre Pumps in flache Segeltuchschuhe und trabte los. Früher oder später musste sie sich der Meute stellen. Besser früher, dann hatte sie es hinter sich.
Der Raum war aufgeheizt. Noch hing der Dunst von Obstweinbowle, von Zigarettenasche, abgebranntem Tischfeuerwerk in der Luft. Sie riss die Fenster auf. Was nicht einfach war. Ein Neubau und die Flügel klemmten!
Gent Vandamme, der Albino, schien so gut wie gar nicht geschlafen zu haben. Auch wenn er nicht noch blasser werden konnte, seine Augenringe verrieten ihn. Er klatschte in die Hände. „Alle herhören. I´m proudly to present: Käthe.“
Die Mädchen, die Besen geschwungen hatten, hielten an, kamen näher. Der DJ von gestern, Wanja der Schreckliche reichte ihr die Pranke herüber. Ein Twen mit Kinnbart, der das Babyface eher betonte als verdeckte, setzte eine Kiste leere Flaschen ab und trabte an. Ein vierter Typ äugte nur, wartete, was kommt.
„Wir haben unsere Arbeitstische während der Ferien im Nachbarraum deponiert, weil hier renoviert wurde“, erklärte die Orientalin. Türkin vielleicht oder Nordafrika.
„Bist du Stipendiatin? Dann kannst du dich bei Seelinger kostenlos mit allem eindecken, was du brauchst, auch mit Ölfarben.“
„Ich male nicht mehr“, sagte Käthe. „Damit das klar ist. Ich bin wegen Ida Rehefelder hergekommen. Mich interessiert ihre Konzeptkunst.“
Die Orientalin klatschte begeistert. „You made my day.“
Der Bärtige erinnerte, dass die Rehefelder, ähnlich wie Kammacher, eine Gastprofessur habe und pro Semester nur sechs Wochenend-Auftritte. „Unser aller Doktor Seelinger lässt dich machen, was du willst. Er mag Fotografie. Sein Lieblingsplatz ist das Labor im Keller. Nur so als Tipp. Da kannst du andocken.“
Käthe überhörte das Angebot, wie man sich bei wem einschleimen kann. Kammacher im Haus! Frans wiedersehen, das war ein weiterer Pluspunkt für Waldensee. So schlimm war der Start hier gar nicht, die Kommilitonen machten weniger Theater als sie befürchtet hatte. Vandamme verzog sich mit dem stummen Beobachter.
Käthe räumte, fegte, putzte mit, bis man die Tische und Staffeleien an die früheren Standorte gerückt hatte.
„Du kannst den Platz von Kay Wintervogel übernehmen, erklärte Ayla Sweileh. In Mannheim geboren, wie sie sagte.
„Wintervogel ist für zwei Semester freigestellt, begleitet seinen Vater nach Japan. Was auch immer er in Tokyo will, von mir aus kann er dort Harakiri machen.“
Nebenan, im Atelier 2 verblieben vier Arbeitsplätze, im dritten Raum nur wenig Mobilar, bis auf die unvermeidlichen Stapelstühle. Inzwischen hatte Käthe begriffen: Die sogenannte Malklasse zählte 8 Schüler in zwei Gruppen, alle Semester studierten in einer von beiden. Für den theoretischen Unterricht galt das nicht unbedingt. Da sortierten sich die Konsemester auf Waldensee neu, wurden mit jährlichem Eignungstest in jeweilige Leistungsklassen beordert. Übergreifende Themen behandelten Dozenten und Professoren nicht nach Alter sondern nach Wissensstand.
Als Käthe Wanja, den stämmigen Russen fragte, welche Technik ein Jazzpianist in der Malklasse bevorzugte, meinte er, er wisse es noch nicht. Er hatte seine musikalische Ausbildung hier drei Jahre lang fortgesetzt und war erst jetzt gesprungen, wie er es nannte.
„Ich übe täglich weiter bei Dorothy von Millitz am Klavier, aber Seelinger hat mich aufgefangen und zu Idas Projekt zugelassen. Nachdem andere mir ständig sagten, was ich am besten kann, darf ich mich jetzt ausprobieren. Hast du eine Idee und etwas Geschick, bekommst du hier deine Chance. Wenn du zum Beispiel zusätzlich mit elektronischen Medien arbeiten willst, musst du Ungert fragen, er leitet das Kabinett im Hauptgebäude. Da hat nicht jeder Zutritt. Begrenzte Arbeitsplätze, teure Geräte und Programme.“
Wanja musterte Käthe, zog die Augenbrauen hoch.
„Du sagst, du willst zu Ida. Sie hat schon zwei Semester auf Waldensee unterrichtet und weitere Workshops angekündigt. Da muss ich hin. Das Thema hält sie immer zurück, aber sie respektiert individuelle Konzepte.
Absturz
Es war lange nach Mittag, ab und zu verschwanden Leute, Käthe hatte nicht ans Essen gedacht. Die Sonne heizte den Park auf. Dieses Jahr galt als das heißeste seit 1881, hatte den Rasen und viele Laubbäume geschädigt. Anfang September ließ das Regenwetter sie wieder aufleben, doch seit einer Woche stiegen die Temperaturen erneut bis fünfundzwanzig Grad.
Was andere für eine Anomalie oder Klimakatastrophe hielten, empfanden die Studierenden auf Schloss Waldensee als Geschenk.
„Eugen und ich haben uns mit den Musikern und Thaterleuten beraten“, verkündete Gent Vandamme. „Morgen soll es regnen. Deshalb werden wir die Taufe der Greenhorns vorverlegen. Wenn Seelinger und die anderen Klassenlehrer nicht dabei sein können, haben sie Pech gehabt. Los Käthe, auf die Plätze und fertigmachen! Zieh dir an, was schnell trocknet. Es wird sehr nass bei unserer Taufe. Die Asiatin von nebenan, die anderen Neuzugänge sind informiert. Wir treffen uns am Ostflügel und bilden eure Escorte. Wo hat Wintervogel unsere Flagge hingeräumt?“
Während die Malklasse nach ihrer Standarte suchte, stieg Käthe aus der Kombination in den Badeanzug und zog ihren alten Malerkittel über. Auch wenn sie nicht die Absicht hatte, sich wieder vor eine Leinwand zu stellen, hing sie an der Klamotte. Sie traf ihre Gruppe am Parkweg in der Menge. Internatsschüler, die sich diesmal einen Vorteil verschafften gegenüber denen, die in Lipnick gemietet hatten. Die Externen wären nicht so schnell dabei gewesen.
Etwa sechzig junge Leute, niemand älter als fünfundzwanzig, sammelten sich um die jeweilige Fahne ihrer Fachschaft. Auf weißem Grund war ein goldener Notenschlüssel ins grünem W gestickte. Ein anderer Wimpel präsentierte eine lachende und eine weinender Maske in Grün, an der Spitze eine Narrenschelle. Das W fehlte auch hier nicht. Wenn jemand noch dicker auftrug, war es die Malklasse mit ihren bunten Pinselklecksen auf weißem Grund, das fette, grüne W im Dreick in der Mitte.
Große Kinder, kam es Käthe wieder in den Sinn. Aber sie hatte sich eisern vorgenommen, keine Extratour zu fahren.
Ein Trompeter, ein Trommler und eine dickliche Kleine mit einer Riesenrassel führten den Zug an.
Edite, bibite collegiales, post multa saecula pocula nulla.
Damit kamen sie in Schwung. Vandamme hatte Käthe gut beraten. Die Badeklamotten zeigten, was die Meute vor hatte. Der See lag keine drei Minuten weit im Osten des Parks. Käthe fiel ein, was der Nachbar aus Zimmer 5 ihr über die Naturfreunde der Reformbewegung erzählt hatte. Sie tat es als blöden Witz ab.
Kleine Wetterwölkchen, kein Wind. Der See spiegelte die grelle Sonne. Das Ufer war bis auf eine Stelle verschilft.
Studierende der älteren Semester und die Förderklasse bildeten einen Halbkreis. Die Neulinge, die es bis hierher gewagt hatten, wurden nach vorn geschoben. Sie sollten in Reihe in den Sand niederknien. Statt einer roten steckte man ihnen eine grüne Clownsknolle auf die Nase. Zu Jeder und Jedem traten eine Studentin oder ein Kommilitone in einer Kutte, in den Händen einen gläsernen Humpen. Wieder so ein neonfarbenes Gebräu, es roch heftig nach Erdbeere.
Gent Vandamme, diesmal im Mönchskostüm, reichte Käthe das Gefäß. „Auf ex!“ befahl er. Sie war so dumm zu folgen. Das Gebräu schmeckte nach mehr als fünf Prozent. Sie hatte kein Mittagessen, verdammt. Aber die beißende Wärme, die aufstieg, gefiel ihr. Die Menge gab lauten Beifall.
„Alle Greenhörner sprechen mir nach!“ Das war Eugen, der stumme Beobachter aus dem Atelier. „Wir geloben Treue und Verschwiegenheit der Sonne, dem Mond, der Erde und unserer Gemeinschaft Waldensee. Bis dass der Tod uns scheidet.“
Trompete, Trommel folgten.
„Jetzt die Greenhörner!“
Die Kleine mit der Rassel intonierte: „Das geloben wir! Bis die Neulinge den Spruch wiederholten. Die Hüllen fielen. Alle. Vandamme musste sich nicht bemühen. Ayla und Lin, Nordafrika und Asien nahmen Käthe die Pappnase ab, wollten ihr den Badeanzug runter ziehen. Das hätten sie nicht tun dürfen. Sie schlug nach den Mädchen. Die prusteten, gickerten.
Nacktsein war kein Grund zur Aufregung. Käthe fuhr, seit sie denken konnte, von Mai bis September mit Mama und Großeltern zum FKK-Strand an der Lipnicker Talsperre und war es gewohnt, dass Groß und Klein, Dick und Dünn auf der Wiese nebeneinander lagen oder im Wasser panschten. Wenn sie Probleme hatte, dann kaum wegen der Nacktbaderei im Freien. Sie wollte nicht die frischen Narben zeigen, die sie als Mal ihrer Wertlosigkeit brandmarkten.
Die Mädchen beachteten sie nicht mehr, sie waren zu ihren Kommilitonen gelaufen, die sich vom Ufer aus bis zur Sandbank im See in einer rechten und linken Reihe aufgestellt hatten.
Wie ein Chorleiter dirigierte der Wortführer Egon Plesse die Neulinge.
„Und ab, ins Wasser mit euch!
Als die ersten Täuflinge Spießruten liefen, begann eine Wasserschlacht. Alles johlte, tobte, umarmte sich am Ende.
Käthe saß im Sand, den Badeanzug hochgezogen, damit man nicht sah, was ihren Körper entstellte, und beobachtete die Szene. Warum konnte sie sich nicht mit den anderen freuen? Sie hätte es wissen müssen. Sie war endgültig drüber.
Sie suchte ihren Kittel unter dem Haufen Klamotten, zerrte ihn über, als Gent aus dem Wasser kam. Er betrachtete sie nicht weiter, bevor er sich neben sie setzte, blickte zu der fröhlichen Meute.
„Sei keine Spielverderberin, Käthe! Ich weiß, dass es für dich lächerlich aussehen muss. Schau dir die Kinderchen an! Da ist nichts Unsauberes zwischen uns. Wir wollen nur Spaß haben. Wir brauchen das. Du hast keine Ahnung, was für ein Drill schon morgen auf uns zu kommt. Acht Stunden tägliche Exercises, zusätzlich Hausaufgaben, die theoretischen Fächer. Wir sollen ständig beweisen, dass wir würdig sind, Waldensee zu betreten.“
Immer noch der Spiegelsee. Ein gleißendes Funkeln. Als sie ihn anschaute, dachte sie wieder: Homo albino. Er liebt die Gefahr, er würde sich sonst nicht der Sonne aussetzen. Da verwandelte sich Vandamme in einen Weißen Gibbon. Die verwunderten runden Augen, der Mund, der auf und zu klappte, die Haut bleich wie bei einem Grottenolm. Sein Schamhaar, auch das unter den Achseln, war nur spröder als Kopfhaar, Brauen und Wimpern, dunkler war es nicht. Er versuchte, ihr die Hand auf die Schulter zu legen. Sie stand auf, brachte kein Wort heraus. Als er sich erhob, sie zurückhalten wollte, schlug sie den verblüfften Gent zu Boden.
Sie folgte dem Waldpfad, sie musste nicht überlegen, wohin er führte. Es gab nur den einen Weg zum Schloss. Ihr war kotzübel. Sie schob es auf ihren leeren Magen. Sobald sie ins Zimmer kam, würde sie eine zweite Tagesdosis Nevratix nehmen müssen.
Sie suchte nach dem Schlüssel. Die Tür zum Ostflügel war unverschlossen, sie kam ohne Mühe in den Anbau. Hoffentlich fand sie das Bund wieder. Frau Dombusch hatte sie gewarnt. Schon am dritten Tag Dinge verlieren, das konnte nur ihr passieren.
Käthe tappte den Gang lang, fragte sich, warum die Wände auf sie zu kamen, die Decke sich senkte. Und farbige Nebel, wie in einem Rockkonzert, nur lauter.
Aus einer der Türen schaute der Igel-Borsten-Kerl. Diesmal in Jeans und Hemd, statt im Tweedanzug. Ein Mann mit zwei Köpfen! Er fing sie auf. Was die beiden Münder sagten, verstand sie nicht.
Hinter der nächsten Tür, die sich wie mit Sesam-öffne-dich bewegte, kam der Angeber hervor, der behauptet hatte, sie würden sich öfter wiedersehen. Kunstgeschichte und Monte Veritá, was war da noch mal? Wieder in Laufshorts, die Leichtathletenbeine, als hätte er sie mit Ladyshaver bearbeitet. Ein langärmeliges Shirt, eine Windrose als Logo auf der Brust. Sie sah ihn in Teilen, wie ein unfertiges Puzzle.
Er brummte. „Das ist Katharina von den Greenhorns. Von den Zehenspitzen bis zum Scheitel zugedröhnt. Bringen wir sie zum Ausnüchtern ins Bad.
Er sprach zum Borstentyp, als wäre Käthe eine Ratte für Versuchszwecke. Die Männer griffen ihr unter die Arme und halfen ihr, die Füße voreinander zu setzen.
Das Bad hatte den Vorteil, dass sich die Toilette gleich neben Dusche und Wanne befand. Sie machte sich los, stürzte hin und erbrach sich. Es kam nicht viel, sie hatte keinen Mittagstisch gehabt.
Käthe entschuldigte sich. Jetzt war alles in Ordnung. Zwei Körper, ein schlanker mit Modigliani-Kopf und brauner Mähne, ein größerer, kräftiger, der dem jungen Henry Moore verdammt ähnlich schien, nur mit Igelschnitt statt des braven Scheitels.
Henry Moore stellte die Brause an, lau-flau, Modigliani zog ihr den Kittel aus. Sie waren gnädiger als Lyn und Ayla, sie fassten ihren Badeanzug nicht an. Käthe bibberte. Die Beiden mussten sie unter der Dusche gerade halten. Ihr Badetuch hing noch von der Morgentoilette über der Stange, Shortyman wickelte sie ein. Der Bürstenmensch fragte sie hartnäckig aus.
Ich ahne es, unsere Rattlegang hat die Greenhorns mit einem Drugshot in der Früchtebowle getauft. Gibt es weitere Unfallopfer?
„Am See“. Käthe brauchte Anlauf. „Ich war am See. Ayla, Lin. Vandamme.“
„Habe ichs nicht gesagt?“ Der Schädel mit den schrägen Augen funkelte Henry Moore an. „I said you, throw him out. Du warst dagegen. Kümmer dich! Nimm Patricia mit, sie soll sich die Mädchen vornehmen.“
Es war peinlich genug, vor den Männer zu kotzen, noch schlimmer, einen verstorbenen Künstler zu bitten, dass er sie ins Zimmer bringt. Das musste sie nicht. Der Schlüssel klapperte im Kittel, als der zu Boden fiel. Das Modiliani-Double hatte beides an sich genommen. Sie fand seinen echten Namen nicht im Kopf, obgleich der sich riesig anfühlte.
Der Mann trug sie fast, in das Badetuch eingewickelt, über den Flur, brachte sie aufs Bett. Nebensächlich, sich für die halb ausgeräumten Kisten zu schämen. Er stieg einfach drüber, schloss die Leinenvorhänge, legte das Badetuch aufs Laken und Käthe zu Bett.
„So darf Sie niemand sehen, Katharina. Bleiben Sie liegen und warten Sie, bis ich mit Mineralwasser komme. Patricia Storm hat in ihrer Küche Adelsteiner auf Vorrat.“
Sie wollte die Augen schließen, das bekam ihr nicht. Eine senfgelbe Hirnmasse wackelte wie Götterspeise. Sie starrte, als er mit einer geöffneten Flasche und einem Glas zurückkam. Endlich fiel ihr sein Name wieder ein. Dr. Philipp Millitz. Dozent für Philosophie und Kunstgeschichte. Kein von und zu auf der Website. Der Rektor könnte dennoch sein Vater sein. Der englische Freund hatte ihn Phil genannt. Phil passte in jeder Beziehung.
Käthe ließ sich das Wasser einflößen, kämpfte, dass es im Magen blieb. Sie konnte immer noch nicht auf ein und den selben Punkt blicken, ohne dass ihr schummrig wurde. Doch die Nebel um sie herum lichteten sich.
„Wissen Sie, was Sie genommen haben?“, forschte Philo-Phil.
Käthe kicherte. Sie antwortete mit gespaltener Zunge.
„Ein Glasss Bowle, vor der Taufe im Sssee.“
„Nächste Frage. Wie viele Neulinge wurden initiiert?“
„Keinen Sch-immer, neun oder sssehn oder sswölf. Alle nackt. Sssie hatten ssselbs gesssacht, hier wird ssseit hundert Jahren nackisch gebadet.“
Phil füllte das Glas nach, setzte es an.
„Weiter trinken, der Stoff muss raus! Richtig, wir baden ab und zu auch nackt, aber nicht in der Rattlegang. Nur unter Freunden. Kleine Mädchen bei Vollmond and all these superstitions. Bisher war es zur Taufe nicht üblich, dass jemand was anderes als Alkohol in die Bowle schüttet.“
Sachte half er Käthe, sich zurückzulegen. Ihr Hirn wabbelte noch. Sie sah auch ihn plötzlich doppelt, brach in Tränen aus. Er erschrak heftiger als sein Kollege mit dem Kurzhaarschnitt, nahm eins der Kosmetiktücher aus der Box, die auf dem Nachttischchen stand, schneuzte ihr die Nase.
„Alles nicht so schlimm. Ich glaube Ihnen, dass Sie keine Ahnung hatten. Vandamme ist einfach untragbar. Er weiß unsere Privilegien nicht zu schätzen.
Bis vor kurzem wohnte er in Zimmer 3, er hat uns hier mörderisch genervt.
Sein Vater bezahlt nicht nur, er gehört zu den Mitbegründern von Waldensee. Gents Bruder war ein tadelloser Student, hat schon vor seinem Diplom große Violin-Konzerte gegeben und bei uns unterrichtet. Er kam bei einem Flugzeugabsturz in den Alpen ums Leben.
Gent ist davon aus der Bahn geworfen. Das entschuldigt nichts. Vor dem Unglück benahm sich der Junge excentric, danach nur wie eine Naturkatastrophe. Ich kenne die Familie, ich verstehe auch Gent, but I can´t bear him.“
Käthe probierte sich aufzurichten. Phil oder Philipp, einer von beiden stopfte ihr das Kopfkissen hinter den Rücken.
„Sie sind als Einzige zurückgekommen. Was ist am See passiert?“ fragte er. Sie wollte nicht reden. Er stand auf, beschloss, sie in Ruhe zu lassen. Käthe bat ihn um etwas Weißbrot.
„Dann kann ich meine Pillen nehmen. Ich habe seit dem Morgen nichts gegessen.“
„Welche Pillen?“ Philipp, schon am Vorhang zum Vorraum, kehrte um.
„Ich bringe Ihnen ein Sandwich, aber erst muss ich wissen, welche Medikamente du nimmst.“
Hatte der Borstenmann Käthe schon geduzt, tat es sein Freund erst jetzt. Er war so aufgeregt, dass er sich aufs Bett statt auf den Stuhl setzte und ihre Augenlider hochschob. Die blaugrüne Iris glänzte fiebrig, das musste nichts heißen. Aber die Pupillen! „Du schielst. Wo sind deine Tabletten?“
Käthe zeigte auf die Schublade im Nachttischchen. Er fand die Schachtel mit Nevratix, las, schüttelte den Kopf.
„Ich brauche Bill, der kennt sich aus. Wozu nimmst du Suppressants in dieser Dosierung?“
Käthe war nicht danach, ihre Geschichte zu erzählen. Sie erinnerte an das Brot, versprach, das Medikament erst mal zu vergessen. Als er zurückkam, sie füttern musste, weil ihre Hand nicht gehorchte, rückte sie näher.
„Kennst du die Faithfull? Meine Mama hat noch Venyl von ihr.“
Käthe sang mit einer Stimme die wie Harfensaiten zitterte.
What am I doing in this place ?
Why does the doctor have no face ?
Oh, I can’t crawl across the floor.
Can’t you see, Sister Morphine?
I’m just trying to score.
So sad, so sad…
„Ich glaube, ich bin total bekifft“, flüsterte sie.
„Wenn es nur das wäre.“ Seine Augenbrauen gingen wieder hoch, die Stirn schlug Falten. Er konnte lächeln, aber nur mit dem linken Mundwinkel, wie gestern. Da brach sie erneut in Tränen aus, versuchte zu lachen. Es schüttelte sie wie im Fieber.
„Ich singe so sad, like a swallow with broken wings.“
Phil nahm sie in den Arm, hielt sie fest, damit sie ruhig wurde. Das tat sie dann auch. Sie schob ihm das Shirt hoch, küsste ihn mitten auf dem Bauch. „Deine Haut ist weich wie meine Seidenschlüpfer“, sagte sie. „Deine Bodylotion im Bad muss Wunder bewirken. Wie oft benutzt du sie am Tag?“
Phil versuchte, sein Dress herunterzuziehen, lachte wieder.
„Das wäre mir zu viel Arbeit. Du stehst unter Drogen, mit Sicherheit ist es kein Marihuana. Schould I hit Your butt, wenn du Blödsinn redest, damit du zu Verstand kommst?“
„Rede deutsch mit mir“, schmollte sie. „Ich meine es ernst. Ich habe lange keinen Mann angefasst. Es gefällt mir. Besser als deine belegten Brote. Der Hunger ist weg. Ich habe Lust auf Kuscheln. Wie sagt man unter der Regentschaft eines Count of Millitz dazu?“
Phil strich ihr die Haare aus dem Gesicht.
„Wolltest du nicht beim Deutsch bleiben? Meine Mutter Dorothy ist eine englische Lady, wie du weißt. Sie ist für die Etikette zuständig.“
„Dann cuddle me!“
Sie arbeitete sich bis zu seinem Nabel vor. Er lachte leise.
„Wenn du wieder nüchtern bist, wirst du es bereuen.“
„Niemals!“ Käthe hielt ihm ihr Gesicht entgegen. „Ich vergesse weder diejenigen, die mich gequält haben noch jemanden, den ich küsse. Auch wenn es nur der Allerwerteste ist, es hat immer was zu bedeuten.“
Sie strahlte.
„Ich kann es nicht fassen. Mal abgesehen, davon, dass du ein wenig salzig schmeckst, zuckst du entzückend. Meine Therapeutin hat mir nicht erzählt, dass es heilsam sein kann, einen Mann auf den Bauch zu küssen. Du hast so viele Haare auf dem Kopf, aber fast keine auf der Brust. Rasierst du sie weg, wie an den Beinen? Der Scheißkerl, der mich vergewaltigt hat, ist zugewachsen wie ein Gorilla. Ich weiß, ich übertreibe. Er ist weder schwarz, noch hat er ein Fell. Henrick Reetmann ist der arische Heldentyp, er hält sich für Odin persönlich. Zur Hölle mit ihm. Die Qualle ist nach zwei Tagen auf Kaution entlassen worden. War nicht einen Tag in einem echten Knast. Dort hätte Reetmann lernen können, wie es sich anfühlt, mit Gewalt genommen zu werden.“
Sie heulte Rotz. Philipp war erstarrt. Er putzte ihr wieder die Nase, streichelte ihren Kopf, strich ihr die Tränen weg.
„Halt mich fest“, bat sie. „Warum versorgst du mich, wenn du mich nicht magst?“
„Beruhige dich. Das alles macht die Droge mit dir“, belehrte er sie verlegen.
„Und wenn schon. Wirkt schneller als neun Monate Therapie. Ich kann einen fremden Mann umarmen und fühle mich daheim.“
Philipp war entsetzt. Er wusste nicht, wie er da raus kommen sollte. Falls Bill eintrat, konnte er ihm die Situation erklären. Auch dann müsste er sich rechtfertigen. Und morgen, was sagte er morgen zu Zimmer 3?
Philipp schwitzte. Er hoffte, sie würde einschlafen und alles vergessen.
„Gehts dir nicht gut?“, fragte Käthe und nahm seinen Kopf in die Hände. „Modigliamadeo ist tot. Du lebst. Ich mag dich, auch wenn du ziemlich wirr redest. Phil, hat der Igelmann gesagt. Phil heißt Freund. Sei auch mein Phil! Du hast ihn Bill genannt. Klingt wie eine Aufforderung zum Zahlen. Was macht er hier an der Schule?“
„William Denver ist euer Schulpsychologe. Keine Ahnung, wo er bleibt.“
„Wenn alle Neuen den selben Fusel wie ich getrunken haben, wird er viele Nasen putzen, viele Köpfe streicheln müssen. Cuddle me, Phil!“
Sie war immer noch in einem anderen Universum. Philipp hoffte, dass sie dort alle ihre Erinnerungen an den heutigen Nachmittag zurück ließ.
Was sie über sich selber erzählt hatte, würde er nicht vergessen können. Niemandem stand auf der Stirn, was ihm passiert war. Auch ihm nicht. Wenn sie sich einen Flashback an die Vergewaltigung einfing und er lag hier neben ihr, könnte es gewaltige Missverständnisse geben.
Käthe bewegte sich nicht mehr, ihr Kopf lag auf seinem Shirt, sie hielt ihre flachen Hände still auf seinen Schultern.
„Du bist der Phil von Bill, jetzt bist du auch mein Phil. Ich bin Käthe. Sag meinen Namen laut und versprich mir, dass du ihn nicht vergisst.“
„Kein Problem, Käthe. Wie könnte ich!“
Als sie wieder wach wurde, saß eine ältere Frau im Lehnstuhl am Bett. Sie trug einen Strickmantel über dem Kleid, ihre Füße steckten in roten Pantöffelchen mit Keilabsatz. Sie hing, zur Seite gerutscht, in einer verdrehten Lage, den Kopf gesenkt, so dass Käthe ihren grauen Scheitel sah. Höchste Zeit, dass die Frau die kurzen Locken nachfärbte.
Käthe spürte ihre volle Blase. Sie hatte getrunken, was ihr der nachsichtige Philosoph hinhielt. Mehr als zwei Flaschen in kurzer Zeit. Die Wagenfeld-Lampe gab mildes Licht, es streute nicht weit durch das Milchglas. Vorsichtig drehte sich Käthe aus dem Bett und schlich barfuß über den Flur. Ihr war eigenartig leicht im Kopf.
Wie schön, wenn der Schmerz nachlässt, dachte sie. Sie erinnerte sich, dass der Psychologe und der Philosoph sie duschten, nachdem sie erbrochen hatte. Dann war der Eine Richtung See geeilt, der Andere hatte sie zu Bett gebracht.
Ihr stieg das Blut zu Kopf. Wie konnte sie nur? Drogen auf dem Gelände der Privathochschule Waldensee. Er sagte, er glaube ihr, dass sie keine Ahnung hatte. Kaum vierundzwanzig Stunden unter diesen hochbegabten Idioten und schon verlor sie den Boden unter den Füßen.
Die Frau im Lehnstuhl rührte sich, hob den Kopf, als Käthe an ihr vorbei schlich. Ihre verquollenen Augen lächelten, die Mimik schaffte es noch nicht.
„Sehr erfreulich, dass Sie so schnell zu sich kommen“, meinte sie mit einem rauen Alt. „Ich bin Patricia Storm, Literatur und Sprecherziehung. Wir wohnen auf dem selben Gang. Meine Nachbarn und Kollegen kennen Sie bereits. Sie sind demnach unsere Neue im Seitenflügel. Katharina Rebbel, sagte mir William. Es muss für Sie ein Schock sein, das Semester unter diesen Umständen zu beginnen.“
Käthe schlüpfte zurück unter die Decke, sie trug immer noch den klammen Badeanzug, sie fror. Sie vergewisserte sich, dass die Vorhänge geschlossen waren. Philipp Millitz hatte sie zugezogen. Phil, nannte ihn der Psychologe.
Wer diese Frau zur Nachtwache überredet hatte, musste einen Grund haben. Käthe konnte sich nicht erinnern, was sie in den letzten Stunden gesagt, getan hatte, aber ein irres Gefühl war zurückgeblieben.
„Wie geht es den anderen Greenhorns?“, fragte sie ihre Nachtwächterin.
Frau Storm seufzte. „William und ich haben Ihre Kommilitonen aus dem Wasser geholt. Sie schlafen jetzt. Wir vermuten, dass es Sie deshalb so heftig umgeworfen hat, weil Sie dieses Medikament einnehmen. Die anderen waren weniger auffällig, aber durchweg high. Wir konnten das Schlimmste verhindern.“
Sie rappelte sich auf, zog die Strickjacke über der Brust zusammen.
„William, ich will sagen: Doktor Denver arbeitet neben seiner Anstellung als Schulpsychologe an einem Forschungsprojekt im Uniklinikum in Lipnick. Er hat sich telefonisch im Zentrallabor erkundigt, welche Wechselwirkungen bei Ihrem Medikament auftreten können. Die Symptome waren diffus, aber er bekam Tipps, wie wir Sie versorgen sollen. Man hat mich gebeten, ein wenig auf Sie aufzupassen.
Wenn Sie genötigt wurden, ohne Bekleidung im See zu baden, versichere ich Ihnen, dass das nicht wieder vorkommen wird. Die Verantwortlichen werden wir zur Rechenschaft ziehen.“
Ich schäme mich nicht, weil ich nackt, sondern weil ich entstellt bin, dachte Käthe. Sie sollte es laut sagen. Sie vertraute der Frau im Lehnstuhl nicht.
Langsam, aber sachlich konnte sie wieder Eins und Eins zusammenzählen. Die Erdbeerbowle löste ihren Zusammenbruch aus, aber niemand unter den Studenten wollte plaudern, weder über die Substanz noch über die Drogenmixer. Als hätte sie Gedanken gelesen, meinte Frau Storm in wohl überlegten Sätzen, Katharina solle sich keine Sorgen mehr machen.
„Um 9 Uhr beginnt Ihre erste Lehrveranstaltung. Die dürfen Sie nicht verpassen.“
Die Frau schien sich sicher zu sein, dass der Vorfall für die Neue keinen Anlass gab, Waldensee zu verlassen. Käthe erinnerte sich an Vandammes Satz über den Drill im Haus: seine Erklärung, warum eine Höllen-Party mit Tischfeuerwerk und Weinbowle nicht genug Exzess gewesen war.
Patricia Storm hatte sich im Sessel gerade gesetzt, aber ihre Lider fielen zu. „Wenn ich Ihnen einen Tee machen soll, damit Sie wieder einschlafen können, müssen Sie das nur sagen“, murmelte sie. „Ihre Tabletten hat William, Doktor Denver mitgenommen, bis wir Klarheit haben.“
Für einen Moment war Käthe empört, dann atmete sie aus. Was solls. Sie war wie zerschlagen. Ihre Nachtwache schnarchte schwach.
Wieder das Telefon. Diesmal nicht vom Band sondern live die Stimme von Frau Dombusch. Während die Studentin folgsam antwortete, dass es ihr gut gehe und sie allein zurecht komme, richtete sich Patricia Storm auf und drückte sich aus dem Lehnstuhl. Sie strich sich durch die angegrauten Haare, wartete, bis die Schutzbefohlene den Hörer des Haustelefons ablegte und verabschiedete sich.
Noch eine, der Käthe dankbar sein musste. Die Dombusch, der Hausmeister, dieser Phil-Anthropus und der Igelmann. Jetzt fiel ihr alles auf einmal ein. Sie hielt sich den Kopf. Das Hirn wollte raus. Sie brauchte Kaffee.
Das Bad war frei, sie drehte das Schild auf Not allowed und erlaubte sich eine kurze Morgentoilette. In der Küche stand Frühstück bereit. Am anderen Ende des Ganges kam eine Frau in grüner Kittelschürze aus einem Wirtschaftsraum und grüßte. Käthe grüßte zurück, kaute etwas Weißbrot mit Frischkäse und spülte das Eiweiß und die Kohlehydrate mit schwarzem Kaffee runter. Dann kramte sie ihren Lieblingskittel vor und zog die Segeltuchschuhe über. Sie schaute in den Schrankspiegel.
Es geht dir gut, Käthe. Du hast schon echte Scheiße erlebt, da wird dich ein kleiner Absturz nicht aus der Bahn werfen.